Warum sind auch Christen anfällig für Verschwörungstheorien? / Christoph Leinweber & Wilfried Plock

09. Mai 2021

Christoph Leinweber & Wilfried Plock

Angesichts der Ereignisse der letzten Monate wird niemand ernsthaft bestreiten, dass wir in enorm aufwühlenden Zeiten leben, die darüber hinaus auch für Christen eine entscheidende Weichenstellung bilden können und werden. In solchen Zeiten sind Menschen grundsätzlich noch anfälliger für Verschwörungstheorien als sonst.

Verschwörungstheorien sind so alt wie die Menschheit

Schon im Alten Testament waren Verschwörungen und diesbezügliche Spekulationen nichts Unbekanntes. Allein in der Zeit der Könige gab es über zehn Verschwörungen, jeweils mit der Intention, Regierungen zu stürzen. In Apostelgeschichte 23 wird uns zudem berichtet, dass auch Paulus eine Verschwörung gegen sich erleben musste. Die Bibel gibt uns also ganz konkret Auskunft über das Thema Verschwörung. Zur Vermeidung von Missverständnissen wollen wir zunächst einige Begriffsklärungen vornehmen.

Verschwörungstheorien

Eine Verschwörung ist meistens eine geheime Absprache verschiedener Menschen, um etwas gegen den Willen anderer Menschen durchzusetzen. Diese Handlungsweise kommt oft vor – von einer Kartellbildung bis hin zu Staatsstreichen.

Bei einer Verschwörungstheorie handelt es sich um die Vermutung, dass eine Verschwörung vorliegt. Jeder wird schon solche Theorien gehört haben. Einflussreiche Menschen treffen sich seit Jahrhunderten zu irgendwelchen geheimen Treffen und die Bevölkerung tuschelt darüber. Das ist überhaupt nichts Neues, sondern hat durch Social Media nur eine stärkere Verbreitung gefunden. Wenn uns ein Christ beim gemeinsamen Essen sagt, er denke, dass John F. Kennedy durch die CIA getötet wurde, so ist dies vielleicht kein besonders erbauliches Gesprächsthema, aber meistens kein Problem für die Gemeinde.

Doch auch in diesem Fall sollten gewisse biblische Standards eingefordert werden. Häufig sind einige belegbare, problematische Tatsachen mit Bergen von Vermutungen und möglichen Querverbindungen zu einer Verschwörungstheorie angereichert worden, von der es dann verschiedene, sich widersprechende Versionen gibt.

Manchmal können sich (angebliche) Verschwörungstheorien aber auch als wahr herausstellen, wie es sich beispielsweise beim NSA-Skandal gezeigt hat. Die Aufdeckung einer Verschwörung erfolgt normalerweise durch verifizierbare „Leaks„, wenn ein Beteiligter nachprüfbare Dokumente veröffentlicht, beziehungsweise durch Investigativ-Journalisten, die in jahrelanger mühsamer Kleinarbeit unter gewissen ethischen Standards Kontakte aufbauen, Informationen gegenchecken, Lügen und Missverständnisse aussortieren und Berge an Dokumenten sichten.

Verschwörungsmythen

Dann gibt es aber auch noch ganze Systeme von Verschwörungstheorien, die das Weltbild sehr stark prägen können. Hier spricht man dann üblicherweise von Verschwörungsmythen oder eben von einem Verschwörungsweltbild. Mythen sind spekulative, außerbiblische Erzählungen, denen (im Unterschied zu ausdrücklich fiktiver Literatur) von ihren Anhängern ein hoher Wahrheitsgehalt und eine erhebliche Bedeutung für das Weltbild zugeschrieben wird. Von daher trifft der Begriff „Verschwörungsmythos“ diese Systeme ziemlich gut.

Mythen mit anderer kultureller Färbung gab es reichlich im Judentum und in der griechisch-römischen Antike. Doch in der Bibel werden sie durchweg negativ bewertet. Paulus warnt in seinen Briefen mehrmals eindringlich, dass wir Christen ihnen nicht hinterherlaufen sollen.

Wie öffnen sich Menschen (auch Christen) für Verschwörungstheorien?

Zunächst einmal muss an dieser Stelle verdeutlicht werden, dass es sehr wohl gute Gründe für Verschwörungstheorien gibt. Diese Aussage mag angesichts der vom Leser vermuteten Tendenz dieser Ausarbeitung überraschen, ist aber leicht zu erklären. Denn wie wir aus Erfahrung und aus dem Wort Gottes heraus wissen, sind wir Menschen böse von Grund auf und es gibt kaum etwas, wovor wir zurückschrecken, um unsere eigenen, egoistischen Ziele durchzusetzen.

Allgemein

– Man entwickelt eine negative Weltsicht (es geht sowieso alles den Bach runter).

– Man entwickelt ein Gefühl der Ohnmacht; man hat als kleiner Mensch keinen Einfluss auf gesellschaftliche oder gar weltpolitische Entwicklungen.

– Man entwickelt ein überzogenes Grundmisstrauen gegen „die da oben“ (Politiker, Wirtschaftslenker, Oligarchen etc.).

– Man unterstellt „denen da oben“ böse Motive und Absichten. Da schreibt zum Beispiel ein hochgebildeter evangelikaler Christ (Auszug):

„Deutschland ist auf dem Weg der „Großen Transformation“ unter der Führung von Angela Merkel, Annalena Baerbock und Klaus Schwab. Auch „Great Reset“ genannt ist dieses Konzept der Aufbau einer globalen neomarxistischen Diktatur.“

– Man glaubt „kritischen“ Quellen grundsätzlich mehr als „offiziellen“, anstatt ihre Argumente gründlich zu vergleichen. Solche kritischen Quellen gibt es links und rechts. Aus der rechten Ecke sind sie z.B. manchmal mit den Namen „Junge Freiheit“, „Reitschuster“ oder „Lengsfeld“ versehen. Vorsicht auch, wenn die Sicht der Allgemeinheit als „Narrativ“ oder „Meta-Narrativ“ bezeichnet wird. Diese Begriffe sind oft verdeckte Chiffren.

– Man verkennt, dass auch alle „Fachleute“ nur ein Teilwissen haben und dieses natürlich durch ihre eigene Brille interpretieren. So findet man heute beispielsweise Wissenschaftler, Professoren und Experten, die vor Covid 19 warnen, und gleichzeitig solche, die Covid 19 zu einer harmlosen Grippe herunterspielen. Wer die normalen Abläufe wissenschaftlicher Diskussion nicht kennt, kann vieles fälschlich für eine Verschwörung halten.

– Zu alldem kommt die nicht zu unterschätzende, „magische“ Anziehungskraft der Möglichkeit, Teil einer elitären Minderheit zu sein, die die Dinge anders, sprich besser sieht und damit vermeintlich klüger ist als der „Mainstream“. Offensichtlich bildet dies eine ganz besondere Triebkraft für manche Menschen, leider auch für Christen.

Geistlich

– Man verliert scheibchenweise aus den Augen, dass Gott allmächtig ist; er ist jedoch voll und ganz „in control“.

Man verliert aus den Augen, dass Gott immer und zu jeder Zeit die Dinge fest in der Hand hält und es schlicht unmöglich ist, dass einzelne Gruppen oder Regierungen an ihm vorbei die Macht übernehmen können. Luther sagte sinngemäß: „Der Feind ist eine GROSSMACHT, ich bin die OHNMACHT – aber Gott ist die ALLMACHT.“

– Mehr und mehr glaubt man, dass böse Menschen, Gruppen oder Regierungen die Macht übernommen haben (die Illuminaten, die Bilderberger, Bill Gates oder Klaus Schwab mit seinem Weltwirtschaftsforum etc.); und überschätzt den Menschen dabei völlig.

– Man vergleicht das aktuelle Geschehen nicht mehr nüchtern mit dem prophetischen Wort der Bibel; die Offenbarung des Johannes zeigt uns klipp und klar, wie die Endgeschichte ablaufen wird. So entstehen leicht spekulative Weltverschwörungen, die aus im Internet gefundenen, nicht gründlich geprüften Informationsschnipseln zusammengesetzt werden.

Wie kann man sich und andere schützen?

  1. Es braucht die Fähigkeit zur Unterscheidung…

…um beurteilen zu können, wo die Entscheidungen beispielsweise der Obrigkeit sinnvoll und durchdacht und wo sie unlauter sind. In unserer informationsüberfluteten Welt benötigt man dazu als Erstes das, was man Medienkompetenz nennt.

– Handelt es sich bei der Information, die bei mir ankommt, um die Wiedergabe von Fakten oder um eine Meinung beziehungsweise Interpretation?

– Von wem kommt die Information? Ist das verwendete Medium vertrauenswürdig?

– Wird die Information durch weitere Quellen bestätigt?

– Was mag das Medium mit seiner Information beabsichtigen? Welche Interessen vertritt der jeweilige Autor? Eine pauschale Unterscheidung von „Mainstream-Medien“ (wie ARD und ZDF) und kritischen Medien greift viel zu kurz. Es gibt in „Mainstream-Medien“ richtige und falsche Informationen – ebenso wie in „alternativen Medien“ (meistens das Internet).

Selbst bekannte Prediger, Theologen, Blogger etc. können sich unbewusst für Verschwörungsgedanken öffnen. Auch in diesem Fall gilt der biblische Grundsatz: „Prüft aber alles, das Gute haltet fest! Von aller Art des Bösen haltet euch fern!“ (1Thess 5,21-22)

  1. Wir sollten uns vor Oberflächlichkeit hüten

Damit ist die sogenannte „didaktische Reduktion“ gemeint, also die möglichst starke Vereinfachung komplexer Themen, und generell die fehlende Bereitschaft, sich tiefergehend mit den vorliegenden Dingen auseinanderzusetzen.

  1. Wir brauchen biblische Nüchternheit und Gottvertrauen

Generell gilt: Als Christen sollen wir uns nicht ständig mit Spekulationen abgeben, sondern auf dem festen Grund des Wortes Gottes bauen.

„Ihr sollt nicht alles Verschwörung nennen, was dieses Volk Verschwörung nennt; und fürchtet nicht ihre Furcht (d.h. das, was sie fürchten) und erschreckt nicht davor. Den HERRN der Heerscharen, den sollt ihr heiligen; und er sei eure Furcht, und er sei euer Schrecken“ (Jes 8,12+13).

Niemand wird bestreiten, dass es in den Hinterzimmern immer wieder ungute Absprachen gibt. Auch wird niemand negieren, dass mächtige Menschen manchmal gefährlichen Ideologien anhängen und nicht vorhaben, diese auf demokratische Weise umzusetzen. In diesem Sinne sind wir auf jeden Fall mit einer Art von Verschwörungen konfrontiert. Doch über Details und Ausmaß müssen wir weder spekulieren noch streiten.

Gott hat alles unter Kontrolle. Es wird nichts passieren, was er nicht zulässt. Er hat seine Ziele mit der Weltgeschichte, die er mit oder entgegen menschlichen Plänen umsetzen wird.

Gleichermaßen sollen wir uns hüten, selbst Verschwörungstheorien oder -mythen zu verbreiten. Stattdessen sind wir aufgefordert, alle Informationen, die uns präsentiert werden, auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen, und solange wir nicht umfassend über Hintergründe und Argumente einer Angelegenheit informiert sind, steht es uns gut an, uns zurückzuhalten.

Können Menschen aus einem Verschwörungsweltbild wieder herausfinden?

Ja. Weil bei Gott kein Ding unmöglich ist.

Aber die Praxis zeigt, dass es sehr selten geschieht. Das schlimmste Virus von allen scheint das Verschwörungsvirus zu sein.

Sollte ein Leser oder eine Leserin erkannt haben, dass er oder sie sich unbemerkt und unbewusst den Verschwörungsmythen geöffnet hat, gilt es vor Gott Buße zu tun und den HERRN um Reinigung von jeder Befleckung des Geistes zu bitten (2Kor 7,1). Bitte lösen Sie sich von allen spekulativen Quellen und halten Sie sich an nüchterne, bibelfeste Christen.

 

Dieser Text kann in unveränderter Form – gedruckt oder digital – beliebig oft verbreitet werden. Die Autoren

 

2021-06-02T16:44:01+02:00