Staatsbürger oder Untertan? Eine kritische Rezension von Wilfried Plock

Staatsbürger oder Untertan?

Corona, Christen und die Obrigkeit

Eine kritische Rezension von Wilfried Plock (30.12.2020)

 

Anfang September 2020 hielt Dr. Wolfgang Nestvogel in Meinerzhagen-Schoppen einen Vortrag, den Buchhandlung Bühne (Leseplatz) etwa zwei Monate später als MP3-CD unter dem oben genannten Titel veröffentlichte.

Ich vertrete die Meinung, dieser Vortrag hätte so nie gehalten werden – geschweige denn veröffentlicht werden dürfen. Diese Sicht will ich begründen.

 

I. Der Vortrag verharmlost die derzeitige Corona-Pandemie von Anfang bis Ende

Anfang September, also am Ende des Sommers, sah es ja im Blick auf Corona relativ gut aus. Wolfgang Nestvogel spricht von 200 Corona-Patienten auf den Intensiv-Stationen, spielt das Tragen von Masken herab, spricht wörtlich von „staatlicher Propaganda“ (Track 10, ab Min. 1,46), empfiehlt das Buch von Bhakdi & Reiss „Corona Fehlalarm?“, leugnet das Vorhandensein einer zweiten Welle und sagt wörtlich: „Sorry, es hat bisher nicht einmal eine erste Welle gegeben“ (Track 11, Min. 5,30).

Nein, ich rede keinem Alarmismus das Wort. Aber gerade einmal zehn Wochen später befindet sich die Republik in einem harten Lockdown und Kliniken in Sachsen, Süd-Brandenburg, Berlin und an anderen Orten sind überlastet.

Das Schlimme ist, dass Leseplatz diese CD am 10. November 2020 herausgebracht hat, als sich unser Land bereits mitten in einer realen zweiten Welle befand. Ich halte eine Veröffentlichung zu diesem Zeitpunkt für völlig unverantwortlich. Das habe ich Wolfgang Bühne und Wolfgang Nestvogel schon vor Wochen unmissverständlich kommuniziert.

 

II. Dieser Vortrag vertritt eine falsche Staatslehre [1]

Im Verlauf des Jahres 2020 sprach Wolfgang Nestvogel, Hannover, mehrmals zum Thema „Christ und Staat“. Zum Beispiel im April in seiner Heimatgemeinde, Anfang September 2020 in Meinerzhagen oder Anfang November in Bielefeld. Bei diesen Gelegenheiten entfaltete er ein relativ komplexes Bild zum Umgang der Christen mit ihrem Staat. Zuerst sei da das allgemeine Prinzip der Staatsgewalt als Schöpfungsordnung Gottes (exousia). [2] Das verortete er in Römer 13.

Der Apostel Petrus würde dann in seinem ersten Brief von der „menschlichen Einrichtung“ sprechen (ktisis), die dann mehr die konkrete Ausgestaltung der Staatsmacht meine – den Staat, die Arbeitswelt und Ehe / Familie, in Anlehnung an Bonhoeffers Mandatenlehre.

Dann leitet Wolfgang Nestvogel – der sich öffentlich als AfD-Wähler bekennt – drei Ebenen ab. Die erste sei die Obrigkeit als Anordnung Gottes (Röm 13), das göttliche Prinzip. Auf der zweiten Ebene ginge es um die menschliche Ausgestaltung (1Petr 2) des Staatswesens – das sei in Deutschland das Grundgesetz von 1949. Daraus folgert Nestvogel: „Ordnet euch aller menschlichen Einrichtung unter“ würde in unserem Land bedeuten „Ordnet euch dem Grundgesetz unter“. Und auf der dritten Ebene kämen die menschlichen Gestalter, die Verantwortungsträger – Könige, Statthalter, Bürgermeister etc.

Mit Verlaub, dieses Konstrukt halte ich für eine rein menschliche Interpretation. Ich hingegen glaube, dass die verschiedenen Schreiber der Bibel immer dieselbe Regierungsmacht meinten, der die Christen untertan sein sollten. In Römer 13 wird von „exousia“ in der Mehrzahl gesprochen, welche bestehen und von Gott eingesetzt wurden – hier sind offensichtlich konkrete Regierungen gemeint, kein Prinzip.

In Lukas 12,11 und 20,20 sowie Titus 3,1 wird sogar „exousia“ hintangestellt, zuerst wird „arche“ als Vorsteherschaft / Königtum erwähnt, danach erst „exousia“ im Sinne von Jurisdiktion / Vollmacht. Der Kaiser und seine Statthalter werden uns in 1. Petrus 2 als Beispiele von „menschlichen Einrichtungen“ vorgestellt, nicht als untergeordnete Ebene. Der Wortlaut des Textes ist hier klar. Auch die Kommentare der Griechisch-Experten sind sich in diesem Punkt einig. So wie die Christen damals nicht der „Kaiser-Staatsordnung“, sondern dem konkreten Kaiser und seinen Statthaltern untertan waren, so sind wir es der aktuell gewählten, regierenden Obrigkeit, und nicht zuerst dem abstrakten System, das dahintersteht. Von daher ist es unser Auftrag, uns in der gegebenen Staatsform einzuordnen, nicht diese zu ändern oder zu verteidigen – weder in einer Monarchie noch in einer Demokratie. Das Grundgesetz spricht selbst auch nur von einem Widerstandsrecht, nicht von einem Widerstandsgebot, wie häufig falsch wiedergegeben.

Wolfgang Nestvogel, den ich als Bruder und Diener Gottes schätze, wurde in seinem Obrigkeitsverständnis offensichtlich stark von dem deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) geprägt. Er zitiert ihn jedenfalls in seinen Vorträgen auffallend häufig. Bei allem Respekt vor der Leidensbereitschaft Bonhoeffers muss ich doch in Erinnerung rufen, dass der politische Widerstandskämpfer zu den sogenannten „dialektischen Theologen“ [3] gezählt werden muss, zu denen auch Brunner, Barth und Bultmann gehörten. Darum wäre ich mit Anleihen an seine Theologie sehr vorsichtig. Beispielsweise mit der von Nestvogel zitierten Rede von „Letztem und Vorletztem“ (selbst eine dialektische Herangehensweise) greift Bonhoeffer einen Gedanken auf, den Karl Barth einige Jahre zuvor veröffentlicht hatte. Auch kommen die meisten weiteren Referenzen Nestvogels aus der Volkskirche, die nun mal von einem anderen Verständnis von Gemeinde und Gesellschaft ausgeht.

In jedem Fall ist für Wolfgang Nestvogel das Grundgesetz die oberste Instanz. Aber unser Gott ordnet durch Paulus und Petrus nicht nur den Gehorsam gegenüber abstrakten Gesetzen oder Verfassungen an, sondern vor allem gegenüber den konkreten Amtsträgern der Obrigkeit.

Darum halte ich Nestvogels Konstrukt für eine Fehlinterpretation, die allerdings geeignet ist, den Christen Freiraum zur politischen Betätigung zu verschaffen. Die Gemeinde Jesu Christi hat jedoch keinen politischen Auftrag, sondern einen geistlichen. Wir sind einer sterbenden Welt das rettende Evangelium schuldig!

Wenn einzelne Christen ihre Berufung als Bürgermeister oder Abgeordnete sehen, negiere ich das nicht pauschal. Aber ich wiederhole mich bewusst: Die Gemeinde Jesu Christi ist Gottes neues Volk auf dieser alten Erde. Sie ist keine irdische Organisation, sondern ein himmlischer Organismus. Unser Bürgerrecht (griech: politeuma) ist im Himmel (Phil 3,20). Die Gemeinde hat keinen politischen Auftrag. Das Neue Testament kennt keine Beispiele von politischem Engagement, auch keine ausdrücklichen Aufforderungen in dieser Richtung, was in den Vorträgen Nestvogels stillschweigend übergangen wird (Mt 20,25-28).

Noch ein Gedanke zum Grundgesetz: Es garantiert uns Staatsbürgern die Grundrechte. Aber die Bibel verheißt uns keine Grundrechte. Wir dürfen sie als Bürger genießen, doch haben wir von Gott her weder ein Recht darauf, noch verbietet das deutsche Rechtssystem, dass sie eingeschränkt werden. Juristisch müssen die Einschränkungen verhältnismäßig sein, aber die Entscheidungsgewalt hierüber haben in Deutschland die Gerichte, nicht die persönliche Meinung. Wer sich dem widersetzt, solange es nicht um den Bekenntnisfall geht (Apg 4,19; 5,29), kann sich weder auf die Rechtslage noch auf die Bibel berufen.

 

III. Dieser Vortrag enthält eine ganze Reihe unwahrer Behauptungen

Im Schlussteil seiner Ausführungen kommt Dr. Nestvogel auf mich zu sprechen (ab Track 10, Min. 6,50). Das ist prinzipiell in Ordnung. Wir beide schätzen uns und führen schon längere Zeit einen „herrschaftsfreien Diskurs“ über gewisse Themen.

Als John MacArthur Ende Juli 2020 eine Erklärung veröffentlich hatte, in der er ankündigte, dass seine Gemeinde sich nicht mehr an die Corona-Bestimmungen (des Staates Kalifornien) halten würde und alle Gemeinden weltweit aufforderte, es ihm gleich zu tun, haben Matthias Swart und ich diese Erklärung Mitte August kritisch kommentiert (abzurufen unter www.gesunde-gemeinden.de). Auf diese Gegen-Stellungnahme bezog sich Wolfgang Nestvogel nun Anfang September bei seinem Vortrag in Schoppen. Er sprach von vier Punkten, in denen John MacArthur und er auf der einen sowie ich auf der anderen Seite gegensätzliche Positionen vertreten würden. Mit Verlaub: Dreieinhalb dieser Punkte sind schlichtweg falsch.

 

  1. Ich würde bestreiten, dass die Obrigkeit eine überpersonale Schöpfungsordnung sei

Nun, wie bereits in Fußnote 2 erwähnt, würde ich im Blick auf die Obrigkeit eher von einer Erhaltungsordnung sprechen. Aber dass die staatliche Gewalt eine von Gott gesetzte Ordnung ist, bestreite ich in keiner Weise. „Exousia“ wird immer von Gott verliehen (Röm 13,1-2). Niemand hat staatliche Gewalt in sich oder aus sich heraus. Jesus wies Pilatus mit den Worten zurecht: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre“ (Joh 19,11).

Ich stelle allerdings weiterhin dieses menschliche Konstrukt in Frage, das Wolfgang Nestvogel in den genannten Vorträgen aufgebaut hat. Und ich beschränke die Obrigkeit auch nicht auf die Personen der Exekutive.

 

  1. Ich würde Corona als Bedrohung für Leib und Leben sehen – er offensichtlich nicht

Ich würde alle „regierungsamtlichen Verlautbarungen“ kritiklos übernehmen und dann angeblich falschen Statistiken folgen. Nestvogel irrt. Die Statistiken stammten gar nicht aus regierungsnahen Quellen, sondern aus unterschiedlichsten Medien.

Nestvogels Vorgehensweise halte ich überdies für unseriös. Solange nicht die konkreten Zeitpunkte und Quellen genannt werden, kann man solche Aussagen weder verifizieren noch falsifizieren. Ich will jedoch gerne einräumen, dass jeder von uns mit Daten operiert, die er aus den Medien übernimmt. Da kann sich natürlich auch einmal etwas als falsch herausstellen. Das gilt allerdings für beide Seiten.

Viele unabhängige Experten stehen übrigens der Regierungslinie näher. In solch komplizierten Fragen sollten wir alle demütig bleiben, da diese Statistiken teilweise für den gebildeten Laien kaum zu bewerten sind und vieles – sowohl im „mainstream“ als auch in „alternativen“ Medien – nur Augenscheinvalidität hat.

Wie ich bereits erwähnte, spielt Wolfgang Nestvogel die Gefahr von Covid-19 durchgehend herunter. Dass staatliche Stellen auch hin und wieder übervorsichtig agieren, ist doch verständlich.

In Schweden hat man sich bekanntlich für einen anderen Weg – ohne Lockdown – entschieden. Am 17.12.2020 musste der schwedische König Carl XVI. Gustaf schließlich in einer Ansprache an sein Volk wegen viel zu vielen Corona-Toten bekennen: „Wir haben versagt.“

Wenn man diese Aussagen mit dem 6. Kapitel von „Corona Fehlalarm?“ von Bhakdi & Reiss [4] vergleicht, das Wolfgang Nestvogel in seinem Vortrag Anfang September 20 noch wärmstens empfohlen hat, dann klingen die Worte wie Hohn in den Ohren. In dem Spiegel-Bestseller wird der „schwedische Sonderweg“ in höchsten Tönen gelobt und als Musterbeispiel hingestellt. Dazu kein weiterer Kommentar.

 

  1. Ich würde Gesundheit als höchstes Gut ansehen

Hier formuliert Nestvogel vorsichtiger und sagt, dass wir uns möglicherweise nicht einig wären. Die Logik meiner Argumentation würde aber in diese Richtung deuten. Ich würde quasi behaupten, dem vermeintlichen Recht auf Gesundheit müsse alles andere untergeordnet werden.

Das ist ein klassisches Strohmann-Argument. Zuerst baut man einen fiktiven Strohmann auf und dann zerschießt man ihn genüsslich. Denn weder glaube ich, dass Gesundheit das höchste Gut ist, noch habe ich so etwas jemals geäußert – weder mündlich noch schriftlich. Eine wie auch immer geartete „Gesundheitsreligion“ ist nicht biblisch.

Zum Stichwort „Rechte“ habe ich schon etwas gesagt (siehe am Ende von Punkt 2.). Wenn wir durch vorsichtiges Verhalten unsere Mitbürger schützen wollen, dann geschieht das nicht, weil wir Gesundheit „vergötzen“ wollen, sondern aus Nächstenliebe. Unser Herr Jesus Christus hat gelehrt, dass wir unseren Nächsten lieben sollen wie uns selbst (Mt 22,34-40). Dieser Aspekt kommt mir in Wolfgang Nestvogels Vorträgen viel zu kurz. Ich kann mich nicht erinnern, ob der Begriff Nächstenliebe überhaupt einmal vorkommt.

Tja, da ist wohl der Strohmann in sich zusammengefallen.

Der Hannoveraner Theologe zitiert dann John MacArthur mit den Worten, es sei nicht die Aufgabe der Kirche, die Leute vor der Grippe zu schützen, sondern vor der Hölle. Das ist eine falsche Alternative. Natürlich hat die Errettung von Menschen Priorität vor allem anderen. Aber das heißt doch nicht, dass wir keine Rücksicht auf die Gesundheit unserer Mitmenschen nehmen brauchen. Was die Grace Community Church in Los Angeles seit Monaten tut, ist in meinen Augen schlichtweg unverantwortlich. Wenn eine Gemeinde wegen der Ansteckungsgefahr nicht in der gewohnten Weise zusammenkommen kann, dann muss sie eben alternative Wege suchen. Genauso machen es ungezählte Gemeinden weltweit. Und wenn die Grace Community Church meint, Rechtsmittel einlegen zu müssen, dann darf sie das tun. Aber bis zur Entscheidung der Gerichte, sollten die Anordnung der Obrigkeit befolgt werden. Hier geht es nicht um Christenverfolgung – auch nicht in Kalifornien!

 

  1. Kann eine Gemeinde für längere Zeit auf reale Gottesdienste verzichten – ja oder nein?

Wolfgang Nestvogel und ich sind übereinstimmend der Meinung, dass das reale Sichversammeln zum Wesen der Gemeinde gehört. Wo es aber aus Gründen der Nächstenliebe geboten ist, plädiere ich für Abstandhalten, Mund-Nasen-Bedeckung etc. – und im Notfall auch für Veranstaltungen via Zoom, Skype, Teams usw. Natürlich ist es schöner und erbauender, wenn man sich real trifft. Aber besser ein Online-Meeting als gar keines.

Dann kommt der nächste Strohmann. Die Gemeinde Jesu dürfe nicht zulassen, dass jemand anderes über ihr geistliches Leben und die Art ihrer Verkündigung entscheidet als nur Christus und seine Diener (Track 12, Min. 4). Absolut, wer behauptet denn etwas anderes?

Nestvogel führt dann aus, der Staat dürfe die realen Versammlungen nicht verbieten; das sei nicht mal im 2. Weltkrieg passiert. Pastor Nestvogel beruft sich dann auf Hebräer 10,25 und zitiert Artikel 7 des Augsburger Bekenntnisses von 1530 (den Begriff „Sakramente“, der dort im Original vorkommt, umschreibt er galant mit „Taufe und Abendmahl“, wobei er unter „Taufe“ leider die unbiblische Praxis der Säuglingsbesprengung versteht[5]). Schließlich bezeichnet er den realen Gottesdienst als absolut systemrelevant. Christus sei der Herr der Kirche – und nicht Caesar. Letzteres wird ein echter Christ niemals bestreiten. Hier haben wir also Strohmann Nr. 4.

Ich möchte dem reformierten Theologen Folgendes entgegnen: Hebräer 10,25 muss unbedingt im Kontext des Hebräerbriefs verstanden und ausgelegt werden. Arnold G. Fruchtenbaum schreibt:

Wenn wir den Kontext dieser Aussage im Hebräerbrief untersuchen, dann handelt es sich hier um jene Hebräerchristen, die in Gefahr waren, die christliche Versammlung als solche zu verlassen, um u.U. sogar wieder ins Judentum zurückzukehren. Juden standen unter dem Toleranzedikt des Caesar und durften ihre alttestamentlichen Gottesdienste durchführen. Christen nicht! Christen saßen zwischen allen Stühlen. Darum liebäugelten manche mit dem Gedanken, unter den jüdischen Schutzschirm zu schlüpfen, um der Verfolgung zu entgehen. Genau diese Gläubigen ermahnt der Schreiber des Hebräerbriefs (Der Hebräerbrief, CMD-Hünfeld, 6. Aufl. 2018, S. 188-189).

Eine neutestamentliche Gemeinde versammelt sich also so gut es geht – mal in Kirchen oder Sälen, mal unter freiem Himmel oder im Wald, mal in Kellern oder in Katakomben. Aber das Glaubensleben des Einzelnen lebt viel mehr von der persönlichen Beziehung zu seinem Herrn, die der Christ durch Lesen der Schrift und durch Gebet pflegt sowie durch den geistlichen Austausch mit seinen Geschwistern. Wenn es möglich ist, dann auch in gottesdienstlichen Versammlungen – wenn nicht, dann auf andere Weise. Ich selbst komme zum Dienst in die unterschiedlichsten christlichen Gruppen. Über den Ideenreichtum und die Flexibilität vieler Gemeinden konnte und kann ich nur staunen.

In seinem Schlussbeispiel erzählt Wolfgang Nestvogel von einer Begebenheit im Dritten Reich. Wilhelm Busch sollte in einer vollbesetzten Kirche in Darmstadt predigen. Gestapo-Leute lauerten dem Prediger auf, um ihn zu verhaften; aber Busch wollte trotzdem predigen. Dann unterbricht sich Nestvogel und ruft aus: „Wenn ich Wilfried Plock demnächst treffe, werde ich ihn fragen, was er Wilhelm Busch in dieser Situation geraten hätte!“ (Track 13, Min. 5). Er suggeriert damit, dass ich sicherlich vor der Staatsmacht gekuscht und dass ich Busch aus lauter Obrigkeitshörigkeit geraten hätte, nicht mehr das Evangelium zu predigen.

Nun, ich bin kein Held. Aber ich hoffe sehr, dass mir mein Herr Jesus Christus auch in solchen Situationen den Mut geben wird, ihn unerschrocken zu bezeugen (Apg 4,19; 5,29). Genau das hätte ich selbstverständlich auch Wilhelm Busch – und jedem anderen Verkündiger – geraten.

 

IV. Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit ist meines Erachtens nicht gewahrt

Wenn eine Konfliktsituation entsteht, in der man zwei unterschiedlichen Geboten Gottes nicht gleichzeitig nachkommen kann, muss man abwägen und sozusagen das kleinere Übel wählen. In diesem Zusammenhang muss der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gewahrt werden.

Wenn ich auf der einen Seite meine Mitchristen und andere Zeitgenossen vor einer Infektion schützen kann, die bei manchen sogar einen schweren bis tödlichen Verlauf nehmen könnte, dann wiegt das doch ungleich schwerer als „mit aller Gewalt“ bestimmte Veranstaltungen unbedingt in der gleichen Weise durchführen zu können wie ich es bisher gewohnt war. Wenn dann vorrübergehend nicht laut gesungen werden kann, dann singt und spielt man Gott eben mit aller Hingabe in seinem Herzen (Eph 5,19).

Man kann auf das sture Befolgen von zweitrangigen Dingen zeitweise aus Liebe verzichten, weil man einem höheren Ziel dienen möchte – die schwachen Mitmenschen zu schützen.Diesen Ansatz vermisse ich in den Vorträgen von Wolfgang Nestvogel schmerzlich.

Mir kam hier die Szene in den Sinn, als Jesus Christus einmal besonders gesetzestreuen Leuten die Worte Hoseas zitierte: „Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer“ (Mt 12,6). [6]  

 

Fazit

Ich bin fassungslos, dass Wolfgang Nestvogel Anfang September 2020 diesen Vortrag mit all den falschen Behauptungen und mit seiner Verharmlosung der Corona-Pandemie gehalten hat. Glücklicherweise ist er in seinen letzten Predigten schon kleinlauter geworden.

Am 20.11.20 schrieb ich ihm: „Ich hoffe sehr, dass unser HERR gütig mit dir ist und du dich nicht einmal an einer Beatmungsmaschine hängend auf einer Intensiv-Station wiederfindest. Genau das hat in den letzten Monaten schon einige Corona-Leugner oder -Verharmloser kuriert.

Noch unbegreiflicher für mich ist allerdings, dass Buchhandlung Bühne (Leseplatz) Nestvogels Vortrag etwa zwei Monate später – zu einer Zeit, als sich Europa bereits mitten in einer zweiten Welle befand – veröffentlicht hat.

Möge unser Gott die Hörer dieser Vorträge bewahren. Und möge er den Verantwortlichen den Mut und die Größe schenken, ihre Fehler einzusehen und diesen Vortrag, der nie hätte veröffentlicht werden dürfen, wieder vom Markt zu nehmen. Wilfried Plock

 

[1] Diesen gesamten 2. Punkt übernehme ich aus dem Artikel „Sieben falsche Sichtweisen im Blick auf den Staat“ von Johannes Lang und mir, der im Januar 2021 in der KfG-Zeitschrift „Gemeindegründung“ abgedruckt sein wird.

[2] Wolfgang Nestvogel nennt die Obrigkeit eine Schöpfungsordnung. Das sehe ich anders. Die Obrigkeit stammt nicht aus dem Paradies, sondern wurde erst nach der Sintflut von Gott eingesetzt. In 1. Mose 9,6 heißt es: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll durch Menschen vergossen werden; denn nach dem Bilde Gottes hat er den Menschen gemacht“. Nach der Flut straft Gott das Böse nicht mehr direkt, sondern setzt den Menschen dazu ein.

[3] Eine philosophische Herangehensweise an Theologie innerhalb des Protestantismus, die eine extreme Verschiedenheit zwischen Gott und der Welt voraussetzt. Sie war eine Gegenbewegung zum Liberalismus und verstand die Bibel als Gottes Wort, ohne jedoch die historisch-kritische Bibelkritik fallenzulassen. Die Dialektische Theologie hatte vor der Machtergreifung Hitlers ihren Höhepunkt.

[4] Goldegg Verlag, Berlin 2020

[5] Wer die unbiblische Praxis der Säuglingstaufe praktiziert, macht m.E. in Gottes Augen einen größeren Fehler als der, der aus Rücksicht auf andere auf einen Präsenz-Gottesdienst oder das laute Singen von Liedern verzichtet – wenn Letzteres überhaupt als Fehler bezeichnet werden kann.

[6] Mit dieser Aussage will ich Wolfgang Nestvogel – und alle, die so denken wie er – keinesfalls als Pharisäer bezeichnen. Mir geht es lediglich um die Verhältnismäßigkeit.

2020-12-30T08:02:10+01:00