Johannes Hartl – der neue Stern am charismatischen Himmel? / Georg WALTER

08.06.2021

 

Weltweit breiten sich immer mehr Gebetsinitiativen aus. In Deutschland sind es mittlerweile über einhundert Gruppen, die sich auf vielfältige Weise dieser Initiative verbunden fühlen. Ein Gebetsnetz ist mittlerweile in Deutschland entstanden: Kirchen, Freikirchen, überkonfessionelle Gruppierungen und christliche Netzwerke sind daran beteiligt – und es schließen sich immer weitere Nachahmer an. Es sind Gebetshäuser entstanden ebenso wie Gebetsberge, 24-Stunden-Gebetsinitiativen, deutschlandweite Gebetstage, Gebetsmärsche – der Vielfalt sind keine Grenzen gesetzt.1 Gebet sei wichtig, setze etwas in Bewegung, schaffe Veränderung, ein neues Pfingsten und Erweckung; Gebet führe dazu, dass die Stimme Gottes neu gehört werde; Gebet gäbe Richtungsweisung und Führung, so einige Aussagen dieser Gebetsinitiativen und Gebetsbewegungen. Auf dem christlichen Buchmarkt hat sich diese Sparte längst etabliert und weist durch das mittlerweile große Angebot auf die Aktualität des Themas hin.

Eine herausragende Persönlichkeit dieser Gebetsbewegungen ist der katholische Charismatiker Johannes Hartl vom „Gebetshaus Augsburg“. Er ist momentan in Deutschland bei weitem die Person, die die größte Aufmerksamkeit unter Kirchen und Freikirchen sowie christlichen TV-Sendern auf sich zieht. Hartl veröffentlichte eine Reihe von Büchern zur Thematik „Gebet“; 2014 erschien sein Buch In meinem Herzen Feuer. Meine aufregende Reise ins Gebet.2  Das Gebetshaus in Augsburg und die „MEHR-Konferenzen“ sind durch ihn in den Fokus der christlichen Gebetsinitiativen geraten. Die MEHR-Konferenz 2014 wurde von bis zu 4000 Besuchern vor Ort und 10.000 Besuchern im Webstream besucht.

Ist Johannes Hartl der neue Stern am charismatischen Himmel? Wie ist er aus biblischer Sicht zu beurteilen? Die Internetseite seines Gebetshauses und sein Buch In meinem Herzen Feuer geben darüber Aufschluss.

Im Folgenden die Aussagen von Johannes Hartl über sich selbst:

Dr. Johannes Hartl, Jahrgang 1979, ist katholischer Theologe, Konferenzredner, Buchautor und Gründer des Gebetshauses Augsburg. Als Jugendlicher fand er im Rahmen der Charismatischen Erneuerung zum lebendigen Glauben und gründete eine evangelistische Jugendarbeit. Nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Theologie promovierte er im Fach Dogmatik zum Thema “Metaphorische Theologie”. Im Jahr 2005 gründete er mit seiner Frau Jutta das Gebetshaus, in dem seit September 2011 bei Tag und Nacht Fürbitte und Lobpreis nicht verstummen. Mittlerweile ziehen die Konferenzen des Gebetshauses jedes Jahr tausende von Besuchern an und viele weitere Gebetshäuser entstanden in ganz Europa. Johannes ist Autor zahlreicher Bücher, Podcasts, Videos sowie etlicher Lobpreislieder.3

Der Text auf der Rückseite seines Buches lässt weitere Einblicke zu:

Von einem, der auszog, das Beten zu lernen.

Ob seine Kindheit in der Nachbarschaft eines Benediktinerklosters, seine Jugendzeit voller Extreme und verrückter Aktionen für Jesus oder seine zahllosen Reisen – im Rückblick erkennt Johannes Hartl, dass die Stationen seines Lebens vor allem eines waren: eine Reise ins Gebet. Auf diese Reise – ob in die syrische Wüste, zu einsamen Klöstern, in den laotischen Dschungel oder zu atemberaubenden Aussichten – will er sie mitnehmen und Sie an den Erkenntnissen seines Herzens teilhaben lassen. Tauchen Sie ein in eine ganz andere, teils fremde Welt – die aber unwiderstehlich lockt – und lassen Sie sich einladen zu einem Leben, das ganz von Jesus durchdrungen ist.4

 

Wildes Ausprobieren

Kindheit und Jugend haben Johannes Hartl wegweisend geprägt und zu dem gemacht, was er heute ist:

Die Tendenz, aus dem Rahmen auszubrechen und mein eigenes Ding zu drehen, geht in meine Kindheit zurück…Trotz der unreifen Eskapaden dieser Phase war darin auch viel Wegweisendes… Die Offenheit für alles Neue (damals begann ich auch, mich für östliche Weisheiten und das Zen zu interessieren) und das wilde Ausprobieren hatten schon etwas von dem späteren Abenteuer eines radikalen Weges mit Jesus.5

Dieses „Ausprobieren“ brachte ihn schließlich in Kontakt mit der charismatischen Bewegung innerhalb der Katholischen Kirche (JCE – Jugendarbeit der Charismatischen Erneuerung), wo er seine Bekehrung und „Geistestaufe“ erlebte. In seinem Buch schildert er dies folgendermaßen:

Und mein Alles passiert an jenem Abend auf einem Kongress der Charismatischen Erneuerung…. Und es ist mehr aus Langeweile heraus, dass ich diesem Aufruf nach vorne folge. Wer den Heiligen Geist empfangen wolle, könne vorne für sich beten lassen… Was folgt, ist das, wofür ich bis heute Zeuge bin: Gott küsst mich…Unspektakulär ist es, dieses Gebet. Ein junger Mann legt seine Hand auf meine Schulter und spricht ein paar frei formulierte Sätze. Irgendwann sagt er „Amen“ und ich gehe. Ich gehe einige Schritte und irgendwie ist alles anders. Keine Vision, kein Trip, keine Ekstase. Sondern einfach die alles hinwegspülende Gewissheit: Das ist der Heilige Geist.6

Doch es vergeht ein halbes Jahr, bis ich zufällig höre, man könne „Jesus sein Leben übergeben“. Ja, das will ich. Vielleicht ist das das Geheimnis.

Ich habe ihn nie bereut, diesen Vertrag, den ich an jenem Sonntagvormittag in meinem Zimmer in mein Tagebuch schreibe: „Ich übergebe dir mein Leben, ganz und voll. Und du gibst mir dafür deinen Heiligen Geist für immer, ganz und voll.“ Etwas dreist vielleicht, doch von Herzen… Erst einige Zeit später lernte ich, dass meine Erfahrung von damals normal für viele Menschen ist: Sie haben ein Erlebnis mit Gott, doch wissen nicht, wie sie auf diesem aufbauen können. Eine bewusste Entscheidung zur Nachfolge Jesu und ein tägliches Gebetsleben, so lernte ich nach und nach, sind genau die Mittel, die das Feuer im Herzen weiter nähren.7

Der Wunsch nach mehr

Die Stationen seines Lebens waren immer verbunden mit dem Wunsch nach mehr: mehr erleben, mehr sehen, mehr erfahren. So ist es auch nicht verwunderlich, dass ihn andere Lebensweisen faszinieren, angefangen vom Klosterleben, seinen weltweiten Reisen, bis hin zu neuen Gebetserfahrungen in charismatischen Gruppierungen. Eines seiner ersten Bücher, das er mit 15 Jahren las, war Leidenschaft für Jesus. Autor dieses Buches ist der Extremcharismatiker Mike Bickle, bekannt durch IHOP (International House of Prayer), eine Gebetsbewegung in den USA, die mit ihrem Gebetshaus und dem 24-Stunden-Gebet in Deutschland und weltweit viele Nachahmer gefunden hat.8

1995 nimmt Hartl sein Studium in München auf. 1999 gründet er zusammen mit Freunden eine Jugendgruppe mit dem Namen FCKW (Fröhlich, charismatisch, katholisch sind wir).9 Dies war der erste Schritt in der Jugendarbeit der Charismatischen Erneuerung innerhalb der katholischen Kirche, aber auch der Türöffner für die Verwirklichung einer Idee: Beten und Fasten, um Gottes Wirken zu erleben. Dieser Schritt war begleitet von dem tiefen Eindruck, den die Lektüre von Büchern über das Gebet auf ihn hinterließ. Hartl verschlang Literatur von John Hyde, dem „Apostel des Gebets“, von Daniel Nash, einem Mitarbeiter von Charles Finney, sowie von dem extremcharismatischen und selbst in pfingstlich-charismatischen Kreisen umstrittenen Koreaner Yonggi Cho (Gebet – Schlüssel für Erweckung).10

 

Das Gebetshaus entsteht

Hartl engagierte sich weiterhin deutschlandweit in der JCE. Bis 2010 war er Mitglied in den nationalen Leitungsgremien der Charismatischen Erneuerung Deutschlands. Wiederholt stößt man in seinem Buch auf seine „Suche nach mehr.“Uns interessiert das Neue, Gefährliche, Radikale“, heißt es dort beispielsweise.11 In seiner Münchner Zeit fügt sich die Heirat mit Jutta ein, aber auch viele Begegnungen und Erfahrungen, die das Ehepaar von nun an auf ihrem abenteuerlichen Weg gemeinsam macht. Es verdichtet sich der innere Eindruck, eine Gebetsarbeit ins Leben zu rufen. Hartl berichtet:

Das Abenteuer hin zum Gebetshaus geht weiter. Wenige Tage, nachdem ich im Herbst 2003 das erste Mal das kleine Symbol eines Hauses mit einem brennenden Herzen auf ein Papier gemalt habe, treffe ich Kim Kollins. Kim, in den USA geborene freikirchliche Predigerin, ist Anfang der 80er-Jahre nach Europa gekommen und katholisch geworden. Im Jahr 1997 schenkte Gott ihr auf spektakuläre Weise in Rom eine Vision von Gebet, das bei Tag und bei Nacht nicht endet. Inmitten meiner Suche nach „mehr“ treffe ich sie. Wir sprechen nächtelang. Sie erzählt mir von dem, was Gott ihr gezeigt hat. Und sie berichtet mir vom „International House of Prayer“, einem überkonfessionellen Gebetszentrum in den USA unter der Leitung eines alten Bekannten von ihr: Mike Bickle.12

Durch Kim Kollins, die maßgeblich die charismatische Bewegung innerhalb der Katholischen Kirche beeinflusste und weiterhin beeinflusst, wird der Kontakt zu IHOP hergestellt. Das Ehepaar Hartl erlebt zukunftsweisende Tage in Kansas City, USA: „Jutta und ich beten jeden Tag. Und tatsächlich ist Jutta die Erste von uns, die eines Tages sagt: ‚Johannes, ich habe den Eindruck, wir sollten etwas Ähnliches in Deutschland machen. Und zwar solltest du das Vollzeit machen.‘“13

Verstärkt wird dieser Eindruck durch ein dort angebotenes Seminar über prophetisches Reden. Am Ende des Seminars „empfängt“ Andy, einer der Teilnehmer, ein Bild für Hartl – es war der 17.6.2005, wie sich Hartl genau erinnert: „Es zeigt Samuel, Jutta und mich, wie wir auf einer Brücke stehen. Die Brücke führt über einen langen, geraden Fluss, der links und rechts von Bäumen gesäumt ist. Unter uns fährt ein Kanu hindurch, und der Herr spricht, es sei jetzt an der Zeit, in das Kanu hineinzuspringen. Von oben sieht das Ganze wie eine Kreuzung aus. Soweit das Bild…“14 Das Ehepaar Hartl empfindet dieses Bild als „göttliches Go“, den Traum von einem Gebetshaus umzusetzen. Bald nehmen ihre Pläne konkrete Formen an: „An einem Wochenende im August 2005 lassen wir dann die Bombe platzen und berichteten von unseren Kanu-Plänen.“15

Eine Zeit des Gebets und Wartens folgt, bis sich nach eineinhalb Jahren der Gedanke herauskristallisiert hatte, die Stadt Augsburg sei der richtige Platz, um ein Gebetshaus zu gründen. Nach Beendigung des Studiums und der Geburt des ersten Kindes erfolgt der Umzug nach Augsburg. „Zunächst nehme ich mit dem Bistum Kontakt auf und frage an, ob wir erwünscht seien. Die Pfarrgemeinde „Zwölf Apostel“ in Augsburg-Hochzoll wird uns als idealer Punkt des Anschlusses genannt, und es wird uns signalisiert, dass wir willkommen sind.“16 Eine Wohnung in der Nähe der Pfarrei ist Bestätigung für ihr Vorhaben und die folgende Begebenheit:

Doch die richtig große Überraschung erleben wir, als wir wenige Tage später einen Spaziergang machen. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich der Lech. Und dort auch die Kanu-Rennstrecke, die für die Münchner Olympiade erbaut worden ist. Bis heute finden dort Kanu-Weltcups statt. Und hier stehen wir. Als kleine Familie gemeinsam auf der Brücke. Vor uns die lange Kanustrecke, links und rechts Bäume. Und unter uns fährt ein Kanu hindurch. Wir befinden uns im Bild von Andy! … Es dauert noch ein bisschen, bis ich herausfinde, dass es schon drei verschiedene Gruppen in Augsburg gibt, die für ein Gebetshaus in Augsburg beten und seit Jahren das 24-Stunden-Gebet auf dem Herzen haben.17

Auf der Internetseite des Gebetshauses Augsburg erfährt man weiteres zu der Entstehung des Gebetshauses:

Im Mai 2007, zählten sich ca. 40 junge Leute zu den Visionären des Gebetshauses. Nach einem langen Prozess des Betens und Wartens entschlossen wir uns, in Augsburg Hochzoll mit dem 24-Stunden-Gebet zu beginnen. Nachdem die ersten Gebetshaus-Pioniere dorthin gezogen sind, beginnen im Mai dort tägliche Gebetstreffen.

Seit September 2007 konnten Räumlichkeiten der Katholischen Pfarrgemeinde 12-Apostel benutzt werden. Die täglichen Gebetstreffen zogen immer mehr Menschen an, besonders der Donnerstagabend mit Lehre wuchs bald auf 100 Besucher. Auch unsere erste Konferenz „MEHR“, ein Vortragsabend mit Bruder Yun und ein „Tag am MEHR“ waren mit 130, 250 bzw. 400 Besuchern überaus ermutigend. Am 7. Mai 2008 kam die Gebetshaus-Vision einen deutlichen Schritt weiter: wir konnten in unseren ersten eigenen Gebetsraum umziehen… Im Sommer 2008 nahmen 15 Jugendliche und junge Erwachsene an der dreimonatigen Bibelschule „E1“ teil, daraufhin stieg die Zahl der Mitarbeiter beträchtlich. Auch unsere jährliche MEHR-Konferenz wächst an Teilnehmerzahlen. Im Sommer 2010 nehmen 22 junge Leute an der „E1“ teil, die wöchentliche Stundenzahl an Gebet im Gebetsraum steigt auf 100 und die MEHR 2011 wird von ca. 1000 Menschen (darunter ca. 100 Gäste aus dem europäischen Ausland) besucht. Ein einschneidendes Datum war der 19.09.2011, an diesem Tag begann um 12:00 Uhr Mittag eine Gebetszeit die seitdem nicht mehr enden sollte, unser Ziel dass an einem Ort Rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche 365 Tage im Jahr das Feuer des Gebets nicht erlöschen sollte war erreicht…

Dank der großzügigen finanziellen Unterstützung von Menschen, die die Gebetshausvision mittragen, konnten wir im Frühjahr 2012 ein ehemaliges Fitnessstudio im Augsburger Stadtteil Göggingen erwerben, für unsere Zwecke umbauen und schließlich im Mai 2012 als neues Gebetshaus-Zentrum in Betrieb nehmen.18

Das Gebetshaus in Augsburg blieb nicht lange unbemerkt. Durch Medien und Internet, aber auch durch die rege Tätigkeit von Johannes Hartl als Konferenzsprecher über die Grenzen Deutschlands hinaus wird diese Gebetsinitiative bekannt. Es sei hier nur zu erwähnen, dass seit dem Jahr 2013 die alljährliche MEHR-Konferenz von Bibel-TV übertragen wird und so nicht nur Beachtung erhält von Katholiken.19 Wer die Bücher von Johannes Hartl aufmerksam liest, wird feststellen, dass er mit Leib und Seele ein aufrichtiger Katholik ist, der nichts sehnlicher wünscht als die Erneuerung seiner Kirche, die Einheit aller Christen und ein vom Feuer Gottes neu entfachtes Gebetsleben.

Mystik der Gottesnähe und Wüste der Nacht

Sein Glaube ist geprägt von christlichen Mystikern und vom Kloster- und Eremitenleben. So verweist er auf Martin Buber,20 Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz, Henri Nouwen, Therese von Lisieux,21 um nur einige der Mystiker zu nennen, die im Glaubensleben weiterhelfen sollen. Er trifft Eremiten der Gegenwart, die bleibenden Eindruck auf ihn hinterlassen:

Dieser Durst zieht mich schließlich auch zu den noch auf Erden lebenden Mystikern. Barbara Busowietz, Eremitin bei Regensburg, ist eine davon… Ich verbringe viele Tage bei ihr, im Gästezimmer des Pfarrhauses, in dem sich auch ihre Klause befindet… Sie selbst und auch der Hausherr, Pfarrer Gustav Krämer, sind katholische „Charismatiker der ersten Stunde“. Solche, die schon in den ersten Jahren von der pfingstlichen Welle erfasst worden sind, die Ende der 60er-Jahre über die katholische Welt schwappte… Was Barbara mich vor allem lehrte, war die abgrundtiefe Liebe zu ihrem Bräutigam Jesus. Eine Liebe, die sich nicht erschüttern ließ von ihrer schweren Krankheit und dem inneren Dunkel, das sie oft erlebte, sondern darin umso heller strahlte. Sie war die Erste, die mich mit den Schriften Johannes‘ vom Kreuz vertraut machte. Eine der Hauptlektionen, die die Mystiker lehren, sind die Etappen im geistlichen Leben. Phasen der intensiven Gottesnähe wechseln sich ab mit solchen der Wüste und der Nacht.22

Seine Begeisterung für das Klosterleben spiegelt sich in jedem Wort, das er darüber schreibt: „Ja, es waren die Klöster, die mich durch ihr bloßes Dasein schon die ersten Lektionen des Gebets lehrten… Die Botschaft der Klöster ist von großer Bedeutung für uns Menschen heute.“23 Natürlich fehlen Weihrauch, Kerzen und Ikonen nicht, … „auf dem Altar die Monstranz, in der Jesus — im katholischen Verständnis leibhaft gegenwärtig in der Gestalt des eucharistischen Brotes — betrachtend und anbetend verehrt wird.“24

Gebet ist für den Gründer des Gebetshauses in Augsburg der Schwerpunkt seines Glaubenslebens. In unzähligen Ausführungen und Interviews verkündet er seine Sichtweise des Gebets, wonach es nicht nur „eine richtige Gebetsform“ gibt, sondern eine „…Vielzahl von Gebetsformen, die zu unterschiedlichen Menschen zu unterschiedlichen Etappen ihres geistlichen Lebens passen…“25 Besonderes Gewicht hat aus Hartls Sicht die:

… Einübung des Schweigens, der Bibelmeditation, des Lobpreises, des liturgischen Gebets, der beständigen Fürbitte, des 24-Stunden-Gebets, der eucharistischen Anbetung, des Rezitierens oder Singens biblischer Passagen, des hörenden Gebets, des Gebets bei Exerzitien oder auf einer Pilgerreise, des kontemplativen Gebets, des Jesusgebets — all das sind Formen, die den Beter Unterschiedliches lehren.26

Gebet: Nicht denken und tun, sondern wahrnehmen und sein

Und weiter empfiehlt er das pfingstliche Zungenreden (Sprachengebet) als Unterstützung von Gebeten in verständlicher Sprache: „Die Fürbitte ist ein faszinierender Aspekt des Gebets… Ordnen Sie dann die Themen der Reihe nach und nehmen Sie sich für jedes etwa zehn Minuten. Falls Ihnen die Gabe des Sprachengebets vertraut ist, können Sie gut leise auf diese Weise im Hintergrund beten, während einer laut in verständlicher Sprache betet.“27

In einem Interview auf der Delegiertentagung des Mühlheimer Verbandes (Verband innerhalb der Pfingstbewegung) antwortet er auf die Frage nach seinem eigenen Anfängen mit dem Gebet:

Ich habe Gebet dann in erster Linie kennengelernt als ein liebendes Herz-zu-Herz mit diesem faszinierenden Gott, nicht in erster Linie als etwas, das ich tun und leisten muss. Das ist nach wie vor der wichtigste Bestandteil meiner Definition von Gebet. Dass es auch Fürbitte gibt und dass die auch Auswirkungen hat, habe ich dann erst später in der Jugendarbeit erlebt, als wir gesehen haben wir signifikant effektiver unsere Unternehmungen waren, wenn sie mit Gebet untermauert waren…“28 Und weiter fasst Hartl zusammen, dass Gebet in erster Linie nicht denken und tun ist, sondern „wahrnehmen und sein. Das bedeutet, ich muss mich nicht an Gott hindenken oder meine Gebetsliste abrackern, sondern ich darf im Gebet einfach da sein, so wie ich bin und in dem ich wahrnehme, was wirklich da ist, lerne ich nach und nach auch Gottes Gegenwart wahrzunehmen. Das kann verbal sein, im Sinne davon, dass ich den Eindruck habe, Gott spricht zu mir; das kann aber auch sehr still und sehr leise sein. Es geht im Gebet allgemein nicht nur um Erfahrungen, obgleich Erfahrungen helfen.“29

Den Bräutigam lieben, die Braut wertschätzen

Das Gebetshaus in Augsburg ist offen für alle Beter gleich welcher Konfession. Es zählt die Einheit im Gebet nach Johannes 17. „Wenn Gott seine Kirche mehr und mehr zurück ins Gebet ruft, wird das auch ein Ruf sein, in Einheit zu beten“,30 so Hartl. In einer Anweisung für den Leser seines Buches sagt Johannes Hartl ferner:

Wie geht es Ihnen mit Christen anderer Konfessionen? Gibt es gewisse Kirchen, mit denen Sie gar nichts anfangen können? Warum ist das so? Sie müssen nicht mit den Lehrmeinungen oder der Praxis anderer Christen übereinstimmen, auf dieser Ebene wird es wohl immer Differenzen geben. Doch können Sie versuchen, einmal bewusst für die Teile des Leibes Christi zu beten, mit denen Sie sich besonders schwer tun, die Sie vielleicht insgeheim verachten? Jesus ist monogam und er hat nur eine Braut. Obgleich ihre sichtbare Einheit zerbrochen ist, gehören alle, die an Jesus glauben, zu dieser Braut. Den Bräutigam zu lieben, sollte einhergehen mit größer werdender Wertschätzung der Braut, die er nun einmal erwählt hat. Das gemeinsame Gebet — vielleicht auch mit Christen anderer Konfessionen — ist ein wunderbares Übungsfeld für ebendiese Herzenshaltung, die den anderen mit seinen Unterschieden stehen lassen und dennoch tief annehmen kann.31

Johannes Hartl hat viele Kontakte zu anderen Organisationen wie Campus für Christus, JMEM (Jugend mit einer Mission), IHOP u. a. geknüpft – letztere Organisationen sind charismatisch ausgerichtet. Auch der umstrittene charismatische „Gebetsheiler“ Arne Elsen war als Sprecher für die „MEHR-Konferenz“ 2014 eingeladen,32 für die unter dem Motto „Leidenschaftlich, explosiv und voller Möglichkeiten, einem faszinierenden Gott zu begegnen!“ geworben wurde. Für die ökumenische Europäische Gebetshaus Konferenz 2016 (MEHR-Konferenz) wurden als Sprecher unter anderem der Katholik Kardinal Schönborn und die Extremcharismatikerin Heidi Baker (Toronto Segen) eingeladen. Neben einer Eucharistiefeier werden sowohl ruhiger Lobpreis als auch „Party-Lobpreis“ angeboten. Die Teilnahmegebühren für die viertägige Veranstaltung betrugen für einen Erwachsenen 120 €.

Zu weiteren Themen und Events, die das Gebetshaus anbieten, gehören „Brautidentität“, „Stille“, „Das Brüllen des Löwen“ (Geschichte der Erweckungen), „Leuchtfeuer“ (Gebetsabend im Dom mit Eucharistiefeier und farbigen Lichtspielen), „72 Stunden Lobpreis Nonstop“, „Eucharistische Anbetung“,  Praise Academy (4-wöchige Sommerschule), der Flame Academy (10-Monate im Gebetshaus intensiv) und den Prayerhomes (sleep & pray) u.v.m. Über das Internet mit Live-Übertragungen erreicht Hartl Anhänger und Interessierte im großen Umfang.

 

Fazit

Johannes Hartl hat es verstanden, über die konfessionelle Grenze des Katholizismus hinweg Christen aus nahezu allen Lagern anzusprechen, insbesondere aus dem pfingstlich-charismatischen Lager. Er strebt die Einheit unter Christen vor allem auf Grundlage des Gebets und mystischer, extremcharismatischer Erfahrungen an. Lehrfragen spielen in dieser Hinsicht eine nur untergeordnete Rolle. Eine ernsthafte Prüfung vieler Praktiken, die er selbst ausübt oder empfiehlt, auf Basis der Heiligen Schrift erübrigt sich damit. Wildes Ausprobieren hat beim Finden des eigenen Weges mit Gott höhere Priorität als Gottes Wort.

Hartl ist Katholik aus Überzeugung, schöpft aber gleichwohl aus den unterschiedlichsten christlichen Traditionen. Zugleich betont er, dass es keine Anpassung an den Zeitgeist geben darf. Er präsentiert seine Botschaften dynamisch und lebendig und vermag es, auf diese Weise eine breite Zuhörerschaft anzusprechen. Er verfügt dabei über die volle Unterstützung der Bischofssynode. An der Hochschule Heiligenkreuz ist er zudem als Dozent tätig für Neuevangelisierung. Erstrangiges Ziel ist und bleibt für Hartl: „Wir brauchen Orte, an denen Gottes Gegenwart erfahrbar wird.“33 Dies müsse von der Katechese, der praktischen Einführung in den „christlichen“ Glauben begleitet sein. Katholische Mystiker betrachtet Hartl als große Hilfe bei der Gottesbegegnung.

Der evangelische Theologe Karl Heim schrieb über die katholische Mystik schon 1925: „… mystische Rauschzustände kann man gemeinsam haben unter einer Massensuggestion, aber Wahrheitserkenntnisse und Gewissenserfahrungen sind einsame Erlebnisse. Alles, was ich unter der Suggestion eines Menschen glaube und erlebe, das ist gerade kein Erlebnis mit Gott. Wir können nur durch einen klaren geistigen Akt zu Gott kommen, … nicht durch untergeistige Rauschzustände. Alle klaren, geistigen Akte lassen sich im Wort aussprechen und entstehen durchs Wort. Wir finden also Gott nur durch das Wort und ein geistiges Vernehmen des Worts, nicht durch wortlose und wortfremde Unendlichkeitsmystik … Immer, wenn wir die großen Vertreter und Vertreterinnen der katholischen Frömmigkeit betrachten, die den höchsten Gipfel der Ekstase erklommen, stehen wir vor dem letzten Entweder-Oder, um das sich der Kampf der Religionen in der ganzen Religionsgeschichte dreht. Entweder der himmlische Rausch, den diese Persönlichkeiten erreicht haben, ist wirklich eine Berührung mit Gott, oder aber wir können Gott nur in einem einsamen geistigen Akt finden, also in nüchterner Klarheit. Jeder von uns steht vor diesem Entweder Oder und muss sich entweder für die eine oder für die andere Auffassung entscheiden. Davon hängt dann unsere Stellung zur katholischen und protestantischen Frömmigkeit, ja unsere ganze Weltanschauung ab.“34

Diese Offenheit für Erfahrungsreligiosität ist wohl auch der Grund für Hartls Offenheit zur pfingstlich-charismatischen Frömmigkeit, von der er maßgeblich beeinflusst wurde. Die klassische Pfingstbewegung, die sich aus der Heiligungsbewegung und damit aus dem Hauptstrom des Protestantismus herausbildete, hat sich seit den 1950er Jahren zunehmend von dem klaren Entweder-Oder wahrer Jesusnachfolge entfernt. Sie stand der konfessionsübergreifenden Charismatik, die in den 1960er Jahren ihren Anfang nahm, zunächst in mancher Hinsicht kritisch gegenüber und lehnte gewisse Praktiken und Lehren der Charismatiker ab. Seit den 1970er Jahren kam es zu einer allmählichen Öffnung der Pfingstbewegung zur Charismatik. In diesem Zuge räumten Pfingstler ihren Geist-Erlebnissen höhere Priorität als dem Wort Gottes ein. Aus klassischen Pfingstlern, die oftmals der Ökumene und dem Katholizismus kritisch gegenüberstanden, hat sich in wenigen Jahrzehnten eine neopfingstliche Bewegung herausgebildet, die sich nur noch unwesentlich von Charismatikern unterscheidet und mittlerweile geradezu den Schulterschluss mit der Ökumene und dem Katholizismus sucht. Hartl ist eines der Bindeglieder, die sich für diese Entwicklung bestens empfehlen.

Dass die katholische Kirche mittlerweile Hartls Dienst nahezu uneingeschränkt unterstützt, zeigt, dass auch katholische Kirchenleitungen kaum noch in der Lage sind, Gefahren zu erkennen und zu benennen. Noch 1998 wird in einem Artikel auf relinfo.ch, der Evangelischen Informationsstelle Kirchen, Sekten und Religionen, über die Charismatische Erneuerung in der Katholischen Kirche darauf hingewiesen: „Die Charismatische Erneuerung sieht Gefahren in der eigenen Bewegung, wenn es zu einer Überbetonung der Gefühle kommt, so dass einer echten Erfahrung des Geistes die Versuchung folgt… Wer an seinen gemachten Geist-Erfahrungen festhalte, gerate in die Gefahr religiöser Selbstzufriedenheit und Selbstdarstellung, die zum Missbrauch von Geistesgaben führen könne. Damit verbunden sei die Gefahr eines Elitebewusstseins.“35

Mittlerweile scheint die Strahlkraft der Großveranstaltungen des Augsburger Gebetshauses und vor allem das zunächst als scheinbar wenig angreifbare Thema „Gebet“ und „Stille“ auch in einigen bibeltreuen Gemeinden vor allem junge Christen anzuziehen. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer der MEHR-Konferenzen liegt bei 25 Jahren. Es bleibt nur zu wünschen, dass Pastoren, Älteste und Jugendleiter in ihren Gemeinden ihren Dienst schriftgemäß ausüben und die ihnen anvertraute Herde nicht nur mit der gesunden Lehre von Gottes Wort ernährt, sondern sie auch vor den Gefahren schützt und aufklärt.

Ein Buch, das vom Maleachi-Kreis 2010 erstmals herausgegeben wurde und mittlerweile in der dritten Auflage vorliegt, erlangt damit neue Aktualität. Es handelt sich um das Buch Gefährliche Stille, das anlässlich der Initiative Jahr der Stille 2010 vor unbiblischen Methoden, Lehren und Praktiken warnte. Die steigende Abneigung gegen biblische Lehre hat in den letzten Jahren zu einer größeren Offenheit für Gotteserfahrungen geführt. Es soll an dieser Stelle nicht geleugnet werden, dass Gott erfahrbar ist. Wahrer Glaube ist mehr als kalte, starre Orthodoxie. Doch wer das Ziel verfolgt, Gott wahrhaft zu begegnen, muss sich im Gehorsam auch dem Weg unterordnen, den Gott vorzeichnet. Wer das Ziel will, muss auch den Weg Gottes wollen! Über wahre Gotteserfahrung schreibt Roland Antholzer treffend:

„Nehmen wir doch sein Joch (Kreuz) auf uns, werden wir gelehrige Schüler in der Lebensgemeinschaft mit ihm. Allerdings: Sein Rezept steht im krassen Gegensatz zu dem, was die Mystiker und Seelenärzte verschreiben. Denn wahre Gotteserfahrungen wird der Christ nur dort haben, wo er aus Glauben lebt, aus einem Glauben, der sich auf das Wort Gottes stützt. Dazu kann manchmal die Stille der Einsamkeit hilfreich sein, um ohne äußere Ablenkung sich dem Gebet und dem Lesen des Wortes Gottes widmen zu können.“36

 

Anmerkungen

1 URL: http://www.charisma-magazin.eu/bonus_zum_titelthema.html.

2 In meinem Herzen Feuer. Meine aufregende Reise ins Gebet, SCM R. Brockhaus, Witten, 2014.

3 URL: http://johanneshartl.org/ueber-mich/.

4 In meinem Herzen Feuer. Meine aufregende Reise ins Gebet, SCM R. Brockhaus, Witten, 2014.

5 Ebd. S. 17.

6 Ebd. S. 18.

7 Ebd. S. 20.

8 Ebd. S. 89.

9 Ebd. S. 73.

10 Ebd.

11 Ebd. S. 83.

12 Ebd. S. 88.

13 Ebd. S. 90-91.

14 Ebd. S. 93

15 Ebd. S. 94

16 Ebd

17 Ebd. S. 95

18 URL: http://www.gebetshaus-augsburg.de/about/geschichte.

19 URL: http://www.presseportal.de/rss/pm_55188.rss2.

20 In meinem Herzen Feuer. Meine aufregende Reise ins Gebet, SCM R. Brockhaus, Witten, 2014, S. 57.

21 Ebd. S. 225.

22 Ebd. S. 46-48

23 Ebd. S. 27

24 Ebd. S. 33

25 Ebd. S. 212

26 Ebd.

27 Ebd. S. 156

28 URL: http://www.muelheimer-verband.de/dt-2014-in-schwabbach/mv-news/aus-dem-mv/delegiertentagung-2014-in-schwabbach/mv-delegiertentagung-2014-johannes-hartl-im-interview.

29 Ebd.

30 In meinem Herzen Feuer. Meine aufregende Reise ins Gebet, SCM R. Brockhaus, Witten, 2014,S. 191.

31 Ebd. S. 195.

32 URL: https://charismatismus.wordpress.com/category/visionen-und-charismatik-kritik/elsen-arne-gebetsheiler/.

33 KathNet: Hartl: Wir brauchen kantige mutige Verkündigung des ganzen Evangeliums.

URL: http://www.kath.net/news/52485.

34 Karl Heim, Das Wesen des evangelischen Christentums, Verlag Quelle & Meyer, Leipzig, 1925, S.68-69.

35 relinfo.ch, Charismatische Erneuerung in der Katholischen Kirche.

URL: http://www.relinfo.ch/ce/info.html.

36 Maleachi-Kreis, Gefährliche Stille, CLV, 2013, S. 118-199.

2021-06-10T07:21:18+02:00