Gemeinde Christi im postfaktischen Zeitalter / Georg WALTER

Einige der heutigen Herausforderungen, die sich für die Gemeinde Christi als die zerstörerischsten erweisen, kommen von innen. Doch in vielen Kreisen der Gemeinde Christi ist die Apologetik [Verteidigung des Glaubens] nur schwach ausgeprägt, sie wird missverstanden oder offen abgelehnt als ein wertloses und starrköpfiges Unterfangen. Ohne treue und mutige Apologeten, Männer und Frauen, die bereit sind, einen Preis zu zahlen, ist die Gemeinde Christi verwundbar in den Herausforderungen, die ihr sowohl von innen als auch von außen begegnen.1

 

Das Zeitalter nach der Wahrheit

Im Jahre 2016 wurde der Begriff postfaktisch von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) zum „Wort des Jahres“ gewählt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte im September 2016 erstmalig Gebrauch von dem Adjektiv gemacht.2 Durch Medien und Presse wurde die bis dahin weithin unbekannte Vokabel bekannt gemacht. In den USA wurde der Begriff post-factual bereits 1999 verwendet und 2004 durch den sinnverwandten Begriff post-truth – „nach der Wahrheit“ (im zeitlichen Sinn: „Zeitalter nach der Wahrheit“) – im gleichen Kontext verwendet. Im Jahre 2016 kürten die Herausgeber des Oxford English Dictionary ihrerseits das Wort post-truth in Großbritannien zum „Wort des Jahres“.

Das Wort postfaktisch wird synonym zu „gefühlsmäßig“ oder „unsachlich“ verwendet. Es umschreibt Empfindungen, die nicht auf tatsächlichen Sachverhalten beruhen. Im Gegensatz hierzu sind Dinge, die auf Tatsachen beruhen, „faktisch“. Der Ausdruck fand vor allem im Zusammenhang mit der Politik Verwendung. „Als postfaktische Politik wird schlagwortartig ein politisches Denken und Handeln bezeichnet, bei dem Fakten nicht im Mittelpunkt stehen. Die Wahrheit einer Aussage tritt dabei hinter den emotionalen Effekt der Aussage vor allem auf die eigene Interessengruppe zurück.“3 Objektive Fakten sind demnach bei der öffentlichen Meinungsbildung weniger ausschlaggebend als der Appell an Emotionen oder persönliche Überzeugungen.

Der US-amerikanische Sachbuchautor Ralp Keyes vertrat in seinem im Jahre 2004 veröffentlichten Buch The Post-Truth Era: Dishonesty and Deception in Contemporary Life (Das Zeitalter nach der Wahrheit: Unehrlichkeit und Verführung im Leben der Gegenwart) die These, dass „das Lügen in allen Lebensbereichen stark zugenommen habe, während die soziale Kontrolle, die Lügen früher wirkungsvoll eingedämmt habe, mehr und mehr versage.“4 Ob Ralp Keyes sowie andere Autoren mit ihren Thesen Recht haben und die gesellschaftliche Realität samt und sonders zutreffend darstellen, bleibt weiterhin Gegenstand vieler Debatten. Gleichwohl ist durchaus nachvollziehbar, dass die Autoren mit ihren Beobachtungen ein Phänomen beschreiben, das einen gewissen Wandel des Zeitgeistes abbildet. Was Keyes als „mangelnde soziale Kontrolle“ bezeichnet, ist nach meiner Einsicht die Folge der Aushöhlung ehemals christlicher Tugenden und Werte.

Seit den 1970er Jahren hat die von Denkern bezeichnete „Postmoderne“ diese ethisch-moralische Entwicklung begünstigt. Im Jahre 1979 veröffentlichte der französische Philosoph Jean-François Lyotard  die Studie Das postmoderne Wissen. Der Begriff Postmoderne war geboren, der „sich gegen bestimmte Institutionen, Methoden, Begriffe und Grundannahmen der Moderne wendet und diese aufzulösen und zu überwinden versucht“5 und „die Möglichkeit einer Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehender Perspektiven gegenübergestellt (Relativismus)“.6 All diese geistigen Zeitströmungen – Postmoderne, postfaktische Zeiten, Zeitalter nach der Wahrheit (post-truth era) – haben eines gemeinsam: Absolute Wahrheiten und Werte haben an Gewicht verloren, Pluralismus und Relativismus prägen zunehmend die menschliche Erkenntnis und Wahrnehmung. Der postmoderne Mensch handelt immer weniger als jemand, der auf festen Standpunkten steht, sondern als jemand, der sich das Unterwegs-Sein auf seine Fahnen schreibt.

Gott ist wahrhaftig, jeder Mensch aber ein Lügner

Die Wurzel aller gesellschaftlichen Probleme geht auf den Menschen selbst zurück. Der Mensch ist seit dem Sündenfall Sklave seiner Sündhaftigkeit und Getriebener seiner gefallenen Natur. Selbst die höchsten Tugenden, die das Menschengeschlecht vorweisen kann, widerstehen der Wahrheit Gottes.  Allein Gott erweist sich „als wahrhaftig, jeder Mensch aber als Lügner“ (Rö 3,4). Und letztlich wird das Weltengericht über den Menschen hereinbrechen, „denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit durch Ungerechtigkeit aufhalten“ (Rö 1,18). Der Apostel Paulus spricht im Römerbrief nicht in erster Linie die Wahrhaftigkeit des menschlichen Seins an. Er meint nicht in erster Linie die horizontale Ebene, sondern er weist hin auf die vertikale Ebene, das Verhältnis des Menschen zu der Wahrheit, der göttlichen Wahrheit – „das von Gott Erkennbare“ unter den Menschen, „da Gott es ihnen offenbar gemacht hat“ (Rö 1,19). Dennoch werden beim Endgericht vor dem großen weißen Thron auch die alltäglichen Unwahrheiten der Menschen sowie ihre verborgenen Motive ans Licht kommen und gerichtet werden.

Die Gemeinde Jesu Christi, „der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit“ (1Tim 3,15), ist von ihrem Herrn in eine Welt voller Lüge und Finsternis gesetzt, „inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts“ (Phil 2,15). Es war nicht der Ratschluss Gottes, die Gemeinde des Herrn so immun gegen den Zeitgeist dieser Welt machen, dass sie, wenn überhaupt, nur marginal davon betroffen sein könnte. Realität ist, dass schon die Urgemeinde nicht davor gefeit war, vom Zeitgeist ihrer Tage derart stark beeinflusst zu werden, dass sie regelmäßig und dringlich durch das inspirierte Gotteswort zur Umkehr gerufen werden musste. Die neutestamentlichen Briefe und insbesondere fünf der sieben Sendschreiben der Offenbarung sind hierfür ein ebenso eindrückliches wie unwiderlegbares Zeugnis.

Der Apostel Paulus ermahnte die Kolosser: „Habt acht, dass euch niemand beraubt durch die Philosophie und leeren Betrug, gemäß der Überlieferung der Menschen, gemäß den Grundsätzen der Welt und nicht Christus gemäß“ (Kol 2,8). Niemand würde sich freiwillig berauben lassen, was materielle Güter angeht. Wieviel mehr sollte dies in Bezug auf die ewigen Heilsgüter gelten. Warum aber lassen sich Heilige berauben? Paulus selbst gibt die Antwort im Kolosserbrief: „Das sage ich aber, damit euch nicht irgendjemand durch Überredungskünste zu Trugschlüssen verleitet“ (Kol 2,4). Der Raub der geistlichen Güter ist kaum allein auf Unachtsamkeit der Gläubigen zurückzuführen. Es ist die arglistige Tücke der Verführer, die die Kolosser mit ihren Überredungskünsten umgarnen und sie zu Trugschlüssen verleiten. Sind die Verführten erst einmal von der Wahrheit in Christus weggeführt worden, passen sie sich der Überlieferung der Menschen und den Grundsätzen der Welt an. Diese Taktik ist immer dann erfolgversprechend, wenn die Gemeinde der tiefen Verwurzelung in Christus und in seinem Wort der Wahrheit ermangelt. Und treibt erst einmal das Unkraut der Verführung aus, dann werden Verführte noch nicht einmal offen ihren Glauben verleugnen oder ablegen. Sie vermischen schlicht bedenkenlos die Wahrheit Gottes mit der Unwahrheit dieser Welt und dem vorherrschenden Zeitgeist.

Dass der Herr der Gemeinde kein Gefallen an Vermischung hat, wird aus dem hohepriesterlichen Gebet deutlich. Jesus betete zum Vater: „Heilige sie in deiner Wahrheit! Dein Wort ist Wahrheit.“ Wahre Heiligung kann es ohne das Wort der Wahrheit nicht geben. Darum ist jede Abkehr von der Wahrheit Abkehr von wahrer Heiligung und letztlich Missachtung des heiligen Gottes und des heiligenden Werkes des Heiligen Geistes in den Erlösten. „Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist!“ (1Jo 2,15). Heute scheint die Devise zu lauten: Liebt die Welt, in dem ihr euch der Welt gleichstellt, denn nur so könnt ihr die Welt mit dem Evangelium erreichen. Heißt es denn nicht: „Denn so [sehr] hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern ewiges Leben hat“ (Jo 3,16)? Gott liebt die Welt, Christen solle die Welt nicht liebhaben. Ist dies nicht Widerspruch in sich selbst?

Der Widerspruch, vor den sich wahre Heilige nie gestellt sahen, löst sich eilends auf, wenn man nur den wahren Sinn der Bibelworte ergreifen kann. „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig“ (2Kor 3,6). An keiner Stelle wirbt die Schrift dafür, sich der Welt gleichzustellen. Es ist stets das Gegenteil: „Und passt euch nicht diesem Weltlauf an, sondern lasst euch [in eurem Wesen] verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist“ (Rö 12,2). Wenn Gott die Welt liebt, dann liebt er nicht das gefallene Wesen der Welt, sondern er opfert seinen Sohn für die Sünde der Welt, um sie aus ihrem verderbten Weltlauf zu erlösen. Das ist die Liebe Gottes zu der Welt: das Kreuz. Und darum folgen die wahren Jünger Jesu den Fußstapfen des Lammes und verkünden das Evangelium der Wahrheit – das Wort vom Kreuz, „den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit“ (1Kor 1,23). Das „Neue Evangelium“ will das Ärgernis beseitigen, das Urteil der Torheit vermeiden. Anbiederung an die Welt ist angesagt. Das, so die nichtige These, würde den Weg in die Herzen der Verlorenen freimachen.

Freundschaft mit der Welt ist nicht länger Feindschaft mit Gott (Jak 4,4), sondern das neue Werkzeug zur Verkündigung des Evangeliums. Doch wie weit gefehlt ist solch ein Unterfangen, ganz gleich mit wieviel religiöser Phrasendrescherei oder in höchst theologischer Nomenklatur dahingeschwätzt und vorgetragen. Gottes Wort der Wahrheit steht fest und hast dieses Siegel: „Wer also ein Freund der Welt sein will, der macht sich zum Feind Gottes!“ (Jak 4,4). Nur Feinde Gottes und des Kreuzes, die einen Schein von Gottesfurcht haben, die Kraft aber verleugnen, können solches ersinnen.

Die große Anpassung

Als der presbyterianische Theologe und Pastor Francis Schaeffer im Jahre 1984 sein Buch The Great Evangelical Desaster (Das große evangelikale Desaster; deutscher Titel Die große Anpassung – Der Zeitgeist und die Evangelikalen) verfasste, widmete er es: „Einer neuen, jungen Generation – und jenen Menschen der älteren Generation, die in ihrem standhaften Einsatz als Radikale für die Wahrheit und für Christus eintreten.“7 Schaeffer erkannte bereits vor über drei Jahrzehnten: „Hier liegt die evangelikale Katastrophe – das Versagen der evangelikalen Welt, für die Wahrheit als Wahrheit einzutreten. Für dieses Verhalten gibt es nur eine Bezeichnung – nämlich Anpassung: die Evangelikalen haben sich dem Zeitgeist unserer Tage angepasst.“8 Die Notwendigkeit, als „Radikale standhaft“ für die Wahrheit einzutreten, für die biblische Glaubenslehre zu kämpfen (Judas 1,3-4), ist jedoch nicht ausschließlich der Ruf an einzelne Theologen oder Bibelgelehrte, sondern er ergeht an alle wahren Christen.

Schaeffer war ein Apologet, ein Verteidiger des christlichen Glaubens. Die Apologetik, die Verteidigung von Gottes Wahrheit, ist wesenhaft Berufung aller Christen: „… heiligt vielmehr Gott, den Herrn, in euren Herzen! Seid aber allezeit bereit zur Verantwortung (ἀπολογία, apologia) gegenüber jedermann, der Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, [und zwar] mit Sanftmut und Ehrerbietung“ (1Petr 3,15). Man beachte an dieser Textstelle die Verbindung zur Heiligung. Heiligung und Apologetik gehen sozusagen Hand in Hand.

Zunächst war die frühchristliche Apologetik des 2. und 3. Jahrhunderts nach Christus eine Auseinandersetzung zwischen Christentum auf der einen Seite und den heidnischen Religionen und Staatswesen sowie Judentum auf der anderen Seite. Im Zuge der christologischen Streitigkeiten ab dem 4. Jahrhundert wurde die Dringlichkeit der Apologetik innerhalb der christlichen Kirche immer größer. Apologetik ist Auftrag aller Glieder der Gemeinde und richtet sich sowohl nach innen wie nach außen. Immer dann, wenn die Wahrheit des Evangeliums verdreht, verleugnet oder in den fundamentalen Wahrheiten gänzlich verworfen wird, bedarf es mutiger Männer, die bereit sind, ihre Stimme zu erheben und für die biblische Wahrheit einzutreten.

Obgleich Streitigkeiten über zweit- oder gar drittrangige Lehrfragen nicht zum eigentlichen Inhalt der Apologetik gehören, handelt es sich um eine falsche Schlussfolgerung, das Tätigkeitsfeld der Apologetik ausschließlich auf außerchristlichen Dissens zu beschränken. Es ist Stephan Holthaus zuzustimmen, innerchristliche Kontroversen der Konfessionskunde und nicht der Apologetik zuzuordnen. Der Apologetiker setzt sich vor allem „mit nichtchristlichen oder pseudochristlichen Ideologien und Denksystemen“ auseinander, wie Holthaus richtig anmerkt.9 Ferner bleibt im Streit der Meinungen vielfach die Brüderlichkeit auf der Strecke, was weder Schrift noch Christus gemäß ist.

Gleichwohl ist es ein Irrtum, die Apologetik nur dann als Disziplin zuzulassen, wenn streitbare Auffassungen außerhalb des Christentums widerlegt werden müssen. Wenn „nichtchristliche oder pseudochristliche Ideologien und Denksysteme“ in der Mitte der christlichen Gemeinde Verbreitung finden, handelt es sich um derart schwerwiegende Abweichungen von der Wahrheit der Schrift, dass man solche Konfliktfelder nicht mehr der Konfessionskunde überlassen kann. Der Kirchenvater Athanasius (295 – 373 n. Chr.) beispielsweise verfasste seine Schutzschrift gegen die Arianer (Apologia contra Arianos) im Zuge der christologischen Auseinandersetzungen des 4. Jahrhunderts, die innerkirchlich geführt wurden. Arius (ca. 260 – 336), der christliche Presbyter aus Alexandria, formulierte die Lehre, dass Jesus Christus nicht Schöpfer und damit nicht wesensgleich mit Gott, dem Vater, sei. Diese führte zum arianischen Streit, der über Jahrzehnte anhielt. Warum sollten etwa Oneness-Pfingstler, die die Gottheit Jesu leugnen, anders behandelt werden als die Zeugen Jehovah oder Arius? Die Leugnung der Gottheit Jesu ist eben nicht nur Unterpunkt der Konfessionskunde, sondern zentrales Lehrfundament der Apologetik.

Zu einer gesunden Theologie zurückfinden

Stephan Holthaus gibt, was den modernen Evangelikalismus angeht, überdies zu bedenken: „Mittlerweile ist hier die Spannbreite der Ansichten so groß geworden, dass man sich um den Zusammenhalt der Bewegung ernsthaft Sorgen machen muss. Auch die Vertrautheit der Bibel hat eher ab- als zugenommen. Selbst grundlegende theologische und ethische Überzeugungen sind manchen nicht einmal mehr bekannt. Die Zukunft der Gesamtbewegung wird nicht zuletzt davon abhängen, ob man diese Entwicklung stoppen und zu einer lebendigen, gesunden Theologie zurückfinden kann.“10 Diesen Worten ist zwingend beizupflichten, da nichtchristliches und pseudochristliches Denken weite Teile des Evangelikalismus erfasst hat.

Wenn etwa führende Evangelikale in den USA den Schulterschluss mit den Mormonen suchen11 oder die abrahamitische Ökumene beschwören und in diesem Zuge postulieren, der Islam bete den gleichen Gott an wie das Christentum12, dann handelt es sich bei Weitem nicht mehr um bloße konfessionskundliche Unterschiede unter Evangelikalen. Diese Themenfelder sind klassische Aufgabenstellungen an die Apologetik. Dass die Kritik unter Evangelikalen an so bedenklichen Entwicklungen eher verhalten und nur punktuell aufflammte, ist wohl dem Umstand zuzuschreiben, dass der pluralistische Zeitgeist auf das evangelikale Denken abgefärbt hat. Aus diesem Grund ist es umso dringlicher, diesen Entwicklungen entgegenzutreten und zur gesunden Lehre zurückzufinden, wie Holthaus es formuliert, und es ist noch entscheidender, dass treue und couragierte Apologeten mit Entschlossenheit dem Trend unserer Tage die Stirn bieten, was Os Guinness als unbedingt erforderlich betrachtet, wohlwissend, dass ein solches Auftreten einen Preis kostet.

Vielfach geschieht genau das Gegenteil. Über Jahrzehnte hat sich die Halbwahrheit „Liebe eint, Wahrheit trennt“ tief in das Bewusstsein vieler Evangelikaler und sogar der sogenannten Bibeltreuen eingebrannt. Man will sich nur noch „positiv“ darstellen, theologische Fehlentwicklungen nicht mehr benennen und meint, mit solchem Tun „konstruktiv“ zu sein.13 Das Wort konstruktiv bedeutet: förderlich, nutzbringend, tauglich, wirksam, hilfreich, ersprießlich, den sinnvollen Aufbau fördernd.14 Die neutestamentlichen Briefe wären demnach alles andere als „konstruktiv“. In ihnen werden Fehlentwicklungen benannt, das Negative wird nicht verschwiegen, Korrektur wird offen ausgesprochen, gesunde gegen falsche Lehre verteidigt. Auf diese Weise wird Gemeinde des Herrn ge- und erbaut – konstruktiver Gemeindebau. Wer beim Bau der Gemeinde immer nur positiv sein will, wer Gefahren, Probleme und Irrtümer verschweigt, Fehlentwicklungen nicht beim Namen nennt, gleicht einem Bauherrn, der die Bedenken des Statikers in den Wind schlägt und mit großem Optimismus und Leichtfertigkeit ein Haus errichtet, das sich später als einsturzgefährdet herausstellt. Immer nur positiv sein zu wollen, ist wie ein Vogel, der versucht, mit einem Flügel zu fliegen.

Gewiss meinen es Christen gut, wenn sie vor der Welt ein gutes Zeugnis abgeben wollen. Doch die Welt ist oft weiser als die Christen. Es steckt viel Wahrheit in Kurt Tucholskys Aussage: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Das Evangelium ist der krasse Gegenentwurf zur Philosophie von Gemeinde, die immer nur „konstruktiv“ und immer nur „positiv“ sein will – bis hin zu Selbstverpflichtungen, keine Kritik an anderen mehr zu äußern. Weder die Autoren der neutestamentlichen Briefe noch Jesus selbst scheuten sich, den Finger in die Wunde zu legen – und sie hatten einen Preis zu bezahlen. Jesus starb am Kreuz, der von Gott berufene Völkerapostel Paulus musste sich gegen falsche Apostel und betrügerische Arbeiter in Korinth verteidigen. Wie bequem wäre es für Paulus gewesen, nur „positiv“ zu sein und um des Friedens willen Fehlentwicklungen nicht zu benennen und stets nur den kleinsten gemeinsamen Nenner zu suchen. Doch Paulus trieb die Sorge um alle Gemeinden und um gesunde Lehre um. Wahrhaft konstruktiver Gemeindebau stand für Paulus unter dem Leitsatz:  „Denn wir vermögen nichts gegen die Wahrheit, sondern [nur] für die Wahrheit“ (2Kor 13,8).

Eine neue Art zu denken

Kampf war für Paulus wesentlicher Teil seiner Nachfolge und seines Dienstes an der Gemeinde (1Tim 1,18; 6,12; 2Tim 2,5; Phil 1,27; Kol 4,12; Rö 15,30; 2Kor 7,5; 10,3, 11,28). Viele unter den Frommen von heute sind nur positiv – und feige. Sie sind Fahnenflüchtige und scheuen den Kampf um die Wahrheit. Schlimmer noch, sie verunglimpfen diejenigen, die sich um die Reinheit der Gemeinde kämpfend mühen als kritisch, lieblos und negativ. Die Bereitschaft unter den Evangelikalen, entschieden für die Wahrheit einzutreten, ist in den letzten Jahrzehnten einem Trend nach Harmonie gewichen. Aus welchen Wurzeln stammt dieses neue Bewusstsein? 1987 erschien von Horst Afflerbach das inzwischen vergriffene Buch Die sanfte Umdeutung des Evangeliums – eine biblische Analyse des Neuen Bewusstseins. Im Klappentext schreibt der Autor: „Eine neue Art zu denken ist in der Gemeinde Jesu aufgekommen. Vielfältig mit dem New-Age-Bewusstsein verbunden, führt sie zu einer sanften, für viele unmerkliche Umdeutung des Evangeliums. Vor allem das Menschenbild, die Gotteslehre und die Zukunftserwartung haben eine veränderte Gestalt bekommen. Aber ist das neue Reden von der Ganzheitlichkeit, Selbstverwirklichung, Zärtlichkeit Gottes, synthetischem Denken und weltweiter Zukunftschancen noch biblisch gedeckt? Horst Afflerbach will helfen, Zusammenhänge zu erkennen, die Wurzeln der Veränderung aufzudecken und das Neue Bewusstsein biblisch zu beurteilen.“15

Der Autor hat vor zwei Jahrzehnten zutreffend wahrgenommen, dass biblische Begriffe mit neuen Inhalten gefüllt werden und ein neuer, anthropozentrischer Ansatz – der Mensch statt Gott steht im Mittelpunkt – die Gemeinde allmählich für sich einnimmt. Am Ende dieser Entwicklung steht die subtile Umdeutung des Evangeliums: „ein anderer Jesus, ein anderes Evangelium, ein anderer Geist“ (2Kor 11,3-4). Es erübrigt sich zu sagen, dass die Mitte des Evangeliums, das Kreuz, beim „Neuen Evangelium“ keine Rolle mehr spielt. Afflerbach formulierte damals noch mutig: „Die Verkündigung des Evangeliums darf, um Menschen heute zu erreichen, nicht allein betonen, was sie meint, sondern muss auch sagen, was sie nicht meint.“16

Zu viel Zeitgeist, zu wenig Apologetik

Der US-amerikanische Pastor, Bibellehrer und Autor John MacArthur schrieb in seinem im Jahre 2007 veröffentlichten Buch Der Kampf um die Wahrheit: „In den letzten beiden Jahrzehnten und darüber hinaus ist die evangelikale Bewegung unablässig von einer Flut fremdartiger Ideen, Philosophien und Programme regelrecht erschlagen worden. Noch nie zuvor in der Kirchengeschichte sind so viele Neuerungen mit so wenig kritischem Denken einhergegangen. Seitdem ist es in zunehmendem Maße ein immer größeres Problem, darauf gut durchdacht und biblisch fundiert zu reagieren. Es ist schon herausfordernd genug, all diese evangelikalen Trends auch nur einzuordnen und festzustellen, welche dieser Neuerungen eine wirklich ernsthafte Bedrohung für die Gesundheit und Eintracht der Gemeinde darstellt.“17 Während immer neue Ansätze in Lehre und Praxis in der Gemeinde wuchern, ist Unterscheidungsvermögen und fundierte biblische Lehre immer mehr auf dem Rückzug.

Vor allem die einst fest in christlichen Werten verankerte Gesellschaft in Europa und Nordamerika ist von einem sprunghaften Anstieg der Konfessionslosen charakterisiert, so dass man mittlerweile von einer nach- oder postchristlichen Gesellschaft sprechen muss. Pluralismus und Relativismus dominieren längst nicht nur das Denken des „christlichen“ Mainstreams, sondern hat ebenso den Evangelikalismus unterwandert. Wie einst im Urchristentum sind die wahren Jünger Christi und die Verkündiger biblischer Wahrheit zu einer Minderheit in der Gesellschaft geworden. Weder Rückzug, noch Anpassung, noch Neutralität sind in dieser Stunde, in der ein Kampf um die Wahrheit tobt, geboten.

Warum aber ist Apologetik, wie Os Guinness richtig beobachtet, „nur schwach ausgeprägt, missverstanden oder als ein wertloses und starrköpfiges Unterfangen offen abgelehnt“? Möglicherweise befinden wir uns bereits in der letzten Phase des großen Abfalls (2Thess 2,3) der Gemeinde Christi vor dem zweiten Wiederkommen unseres Herrn. Das von Francis Schaeffer vor Jahrzehnten beobachtete Phänomen der Anpassung weiter Teile der Evangelikalen an den postmodernen Zeitgeist hat schleichend um sich gegriffen und erklärt den Zustand des heutigen Evangelikalismus. Dieser Trend bleibt nicht folgenlos. Die geistliche Sicht derer, die sich anpassen oder neutral bleiben wollen, wird zunehmend vernebelt. Matthäus 13,12 ist ein geistliches Gesetz, das man tausendfach beobachten kann: „Denn wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben; wer aber nicht hat, von dem wird auch das genommen werden, was er hat.“ Dies gilt auch für die Fähigkeit, Entwicklungen und Strömungen geistlich zu beurteilen.

Verlorene Sehfähigkeit

Der britische Prediger Charles Spurgeon, der sich bis zuletzt das hohe Gut der geistlichen Unterscheidung bewahrte, kämpfte in den letzten Jahren seines Dienstes gegen modernistische und liberale Tendenzen, die nicht nur seinen Baptistenbund, die britische Baptist Union, sondern alle Freikirchen seiner Zeit zu unterhöhlen drohten. Diese Auseinandersetzung mit den „Progressiven“ ging unter dem Begriff Down-grade Controversy in die Geschichte ein. Dem Niedergang (down-grade) biblischer Lehre folgte der Niedergang der Denominationen. Seine Bibelschüler unterwies Spurgeon mit folgenden Worten: „Der Skeptiker ruft: ‚Was ich will, sind Fakten.‘ Dies [die biblische Lehre] sind unsere Fakten: Lass uns nicht vergessen, sie einzusetzen. Ein Skeptiker fordert mich mit der Aussage heraus: ‚Ich kann meinen Glauben nicht auf ein Buch oder auf Geschichten stützen. Ich will Fakten in der Gegenwart sehen.‘ Meine Antwort ist: ‚Du kannst sie nicht sehen, weil deine Augen blind sind; aber die Fakten gibt es nichtsdestotrotz. Diejenigen unter uns, die Augen haben, sehen wunderbare Dinge, obgleich du sie nicht siehst.‘“18

Wenn die inneren Augen des Herzens in einer postchristlichen Zeit mit dem postmodernen, postfaktischen Virus infiziert sind, bedarf es Augensalbe, damit „die Augen wieder sehen können“ (Offb 3,18). Diese Salbe ist Gottes Wort der Wahrheit und Gottes Geist der Wahrheit, der Heilige Geist. Längst geht es um zentrale Fundamente biblischer Lehre, die angezweifelt, verwässert oder offen angegriffen und negiert werden. Hierzu gehören: die Gottheit Jesu Christi (Christologie), die Jungfrauengeburt, die Wunder und die Auferstehung Jesu Christi als reale Fakten, der stellvertretende Sühnetod Jesu Christi, der doppelte Ausgang der Menschheitsgeschichte (ewiges Heil und ewige Verdammnis), die Existenz der Hölle, Jesus Christus als einziger Heilsweg zum himmlischen Vater (Soteriologie), Evangelisation und Mission im Sinne der Verkündigung der Wahrheit des Evangeliums, die Lehre über den dreieinigen Gott (Trinität), die Lehre über den Heiligen Geist als Person des dreieinigen Gottes (Pneumatologie), das biblische Verständnis der Gemeinde (Ekklesiologie), die Lehre der Sündhaftigkeit des Menschen (Hamartiologie), die Lehre vom Menschen (biblische Anthropologie).

Die meisten evangelikalen Gemeinden verfügen über ein kurz gefasstes Glaubensbekenntnis, das auf den ersten Blick als rechtgläubig erscheint. Spätestens wenn man den Büchertisch betrachtet, Gespräche mit Gliedern der Gemeinde führt oder Predigten hört sowie die Aktivitäten der jeweiligen Gemeinde näher betrachtet, erkennt man, wie Bekenntnisse vielfach nur noch Phrasendrescherei sind, die mit dem biblischen Evangelium kaum noch in Einklang gebracht werden können. Das soziale Evangelium, „missionale“ Aktivitäten und die sogenannte Transformationstheologie hat biblische Mission und Evangelisation verdrängt. Oneness-Pfingstler und extreme Israelkreise, in der Regel charismatisch geprägt, leugnen die Gottheit Christi. Die sogenannte Wort-des-Glaubens-Bewegung ist mittlerweile in Allianzkreisen anerkannt, obgleich sie suborthodoxe Lehren und ein völlig verzerrtes Bild biblischen Glaubens vertritt. Ein neues Interesse für Mystik ist unter Evangelikalen ebenso hoffähig geworden wie der Schulterschluss mit der katholischen Kirche. Ökumene, interreligiöse Tendenzen, Universalismus und Allversöhnung sind durch den Einfluss der Emerging-Church-Bewegung in nicht wenigen Gemeinden nachweisbar. Weltliche Managementmethoden ersetzen Gemeindebau nach den Prinzipien der Schrift, säkulare Psychologie schriftgemäße Seelsorge. Unterhaltung mit seichter Lobpreismusik dominiert viele „Gottesdienste“. Geistliche Lethargie und Verweltlichung haben längst das normale Christenleben verdrängt. Der äußere Schein von Gottesfurcht (2Tim 3,5) hat vielerorts die Kraft Gottes verdrängt. Der Mensch steht bei allem frommen Tun im Mittelpunkt.

Generation Narzissmus

Eine aktuelle Studie der Digitalagenturgruppe SYZYGY, einer Agentur für digitales Marketing und Vertrieb, aus dem Jahre 2017, die sich mit den deutschen Millennials – zu Deutsch etwa die „Jahrtausender“, also die zwischen 1981 – 1998 geborene Generation – befasste. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass unter der jungen Generation ein klarer Zusammenhang zwischen Nutzung digitaler Medien und Narzissmusausprägung [Narzissmus: Selbstverliebtheit] besteht. Diese Generation, auch als Generation Y bezeichnet, zeichnet sich durch sieben Merkmale aus:

1) Anspruch der Millennials: Für mich nur das Beste!
2) Überlegenheit: Schmeichle meinem Ego!
3) Eitelkeit: Spiegle meine Schönheit!
4) Exhibitionismus: Hilf mir, mich zu inszenieren!
5) Instrumentalisierung: Mach‘ mich zum König der Welt!
6) Autorität: Erweitere meinen Einfluss!
7) Eigenständigkeit: Hilf mir, mir selbst zu helfen!19

Das Presseportal kommentiert: „Willkommen bei der ‚Generation Narzissmus‘: Überlegenheitsgefühl, Exhibitionismus und Eitelkeit kennzeichnen das Lebensgefühl der Millennials in Deutschland. Sie sind die erste Generation der sogenannten Digital Natives, die zwischen 1981 und 1998 geboren wurden und mit Handy & Co. groß wurden. Diese Generation macht etwa 20% der deutschen Bevölkerung aus und stellt einen besonders guten Indikator für die grundlegenden Veränderungen und Trends in unserer Kultur und Gesellschaft dar.“20 Digitale Medien verändern Sichtweise, Gefühle und Umgang mit anderen Menschen.

Narzissmus gab es zu allen Zeiten der Menschheit, da Ichbezogenheit ein Kennzeichen des gefallenen Menschen ist. Dass aber Narzissmus vor allem die Endzeit charakterisieren wird, wusste bereits der Apostel Paulus, als er in seinem Brief an Timotheus die prophetischen Worte schrieb: „Das aber sollst du wissen, dass in den letzten Tagen schlimme Zeiten eintreten werden. Denn die Menschen werden sich selbst lieben …“ (2Tim 3,1-2). Für das Wort „sich selbst lieben“ verwendet das Griechische das Wort φίλαυτος (philautos): das Adjektiv beschreibt vor allem Menschen, die ihr Selbst lieben und sich vorzugsweise mit der Erfüllung ihrer ichbezogenen Wünsche beschäftigen.

Eigenliebige, selbstsüchtige Menschen werden die letzten Tage bestimmen. Wenn sich Menschen zu Jesus Christus bekehren, sind es immer Menschen, die vom Zeitgeist ihrer Tage beeinflusst sind. Die neutestamentlichen Briefe zeichnen ein sehr reales Bild davon, mit welchen Schwierigkeiten die Urchristen zu kämpfen hatten. Christen werden je zu ihrer Zeit von ihrer Kultur beeinflusst und legen ihre Prägungen nicht in einem Nu ab. Die Verwandlung in das Ebenbild Christi, das Ablegen des alten Menschen ist ein Geschehen, das in einem christlichen Leben bis zum letzten Atemzug vollzogen wird. Daher ist es wenig verwunderlich, dass der Narzissmus der Menschen unserer Tage sein hässliches Gesicht auch in der Gemeinde Jesu zeigt.

Selbstdarstellung, Menschenkult, Selbstbereicherung sind nicht von ungefähr in vielen christlichen Kreisen zu beobachten. Es handelt sich um die Auswüchse des Zeitgeistes, den viele oberflächlich Bekehrte – oder gar Scheinbekehrte –in der Kraft des Evangeliums nicht zu bändigen verstanden. Es sind verführte Verführer, die Kinder ihrer Zeit und ihrer kulturellen Prägung sind. Ein Bekehrter, der noch immer das eigene Selbst und seine Sünde liebt und beständig die Gnade Gottes als Vorwand, Entschuldigung oder Beschönigung für sein gottloses Tun wie ein Feigenblatt nutzt, hat die Botschaft der Erlösung und Gnade nicht begriffen. Die alte Botschaft vom Kreuz, die den Tod des alten Menschen fordert, aber dafür unendlich viel an Herrlichkeit und Kraft der Auferstehung verheißt, ist dem „neuen Kreuz“ gewichen – nach dem Motto: Der alte Mensch ist tot, es lebe der alte Mensch.

Das alte und das neue Kreuz

  1. W. Tozer drückte es treffend aus, als er schon vor Jahrzehnten fast prophetisch eine Entwicklung voraussah, die den amerikanischen Evangelikalismus prägte. Eine neue, sehr subtile Geneigtheit, das Kreuz neu zu definieren, hatte um sich gegriffen und dazu geführt, dass die neu aufkommende Deutung vom Kreuzesgeschehen mit der biblischen Lehre vom Kreuz allenfalls nur noch flüchtige Ähnlichkeiten aufwies. Und natürlich beschränkte sich diese Entwicklung nicht nur auf den amerikanischen Evangelikalismus, sondern beeinflusste die Evangelikalen auf globaler Ebene. Vor allem in der Evangelisation schlug sich dieser Trend dahingehend nieder, dass das Christentum nicht mehr dazu aufrief, radikal umzukehren und das Kreuz auf sich zu nehmen. Im Gegenteil, das Christentum bietet „die gleichen Dinge wie die Welt an, nur auf einem höheren Niveau. Nach der neuen Betrachtungsweise bringt das Kreuz die Sünder nicht um, sondern leitet sie nur auf den richtigen Weg. Die Philosophie, die dahinter steckt, mag aufrichtig gemeint sein; aber sie ist so falsch wie sie blind ist. Sie begreift nichts von dem, was das Kreuz eigentlich bedeutet. Das alte Kreuz ist das Symbol des Todes. Es steht für das abrupte, gewaltsame Ende der menschlichen Existenz. Wenn in römischen Zeiten ein Mensch sein Kreuz auf sich lud, ging er, um nie wiederzukehren. Er ging nicht hin, damit sein Leben neu geregelt würde, er ging, um es zu beendigen! Das Kreuz versuchte nicht, mit seinem Opfer im Guten auszukommen. Es schlug grausam und hart zu, und wenn es sein Werk getan hatte, gab es den Menschen nicht mehr! Adams Geschlecht steht unter dem Todesurteil. Gott kann keine Frucht der Sünde anerkennen. Indem wir zu Christus kommen, bringen wir unser altes Leben nicht auf eine höhere Ebene; wir verlieren es am Kreuz. Denn Gott rettet jeden Einzelnen, indem Er ihn sterben lässt und ihn dann zu einem neuen Leben auferweckt!“21

Die meisten Bereiche der heutigen Gemeindearbeit in evangelikalen Gemeinden steht unter dem Banner des neuen Kreuzes. Bei dem Lobpreis der meisten Gemeinden stellt kaum jemand noch die Frage, ob auf dem „Lobe Gottes“ denn das Wohlgefallen des lebendigen Gottes, der angebetet wird, ruht. Kriterium für neues Liedgut ist: Gefällt mir der Lobpreis. Ob der Herr Gefallen am „Lobpreis“ der anbetenden Gemeinde hat, ist eine Frage, die für viele so weit weg ist wie der Nordpol vom Südpol. Gottesdienstgesaltung wird nicht selten den Bedürfnissen der Gottesdienstbesucher angepasst – mittlerweile auch in sogenannten bibeltreuen Kreisen, wo die Progressiven die Bewahrer neutestamentlicher Gemeinde als rückständig und altbacken abkanzeln. Das goldene Kalb der besucherfreundlichen Gottesdienste und des pragmatischen Gemeindebaus wird allerorts errichtet.

„Wir müssen mit der Zeit gehen“, so propagiert mancher selbstverliebte Prediger oder verzauberte Anhänger moderner Gemeindewachstumsmethoden, die blühende Gemeinden in kürzester Zeit versprechen. Doch Gottes Wahrheit steht und hat dieses Siegel: Wir müssen mit Jesus gehen. Das ist der schmale Weg dem Lamme nach. Dieser Weg war stets ein Weg, der sich gegen den Zeitgeist der jeweils lebenden Generation wandte, weil nur Jesus der Fels in der Brandung der Zeiten ist. Wer das Ziel will, muss den Weg wollen. Der Herr und Retter dieser Welt hat seine Jünger auf den schmalen Weg berufen. Wie wahr sind seine Worte, dass nur wenige darauf gehen (wollen).

Der amerikanische Börsenexperte Bernhard Mannes Baruch riet einmal: „Hüte dich vor Leuten, die dir Versprechungen machen, ohne Gegenleistungen zu fordern.“22 Gemeindearbeit ist Opfer, Kampf, Arbeit, Mühe und manchmal Drangsal. Ein zu düsteres Bild? Paulus weiß um wahre Missionsarbeit: „Ich habe weit mehr Mühsal, über die Maßen viele Schläge ausgestanden, war weit mehr in Gefängnissen, öfters in Todesgefahren. Von den Juden habe ich fünfmal 40 Schläge weniger einen empfangen; dreimal bin ich mit Ruten geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten; einen Tag und eine Nacht habe ich in der Tiefe zugebracht. Ich bin oftmals auf Reisen gewesen, in Gefahren auf Flüssen, in Gefahren durch Räuber, in Gefahren vom eigenen Volk, in Gefahren von Heiden, in Gefahren in der Stadt, in Gefahren in der Wüste, in Gefahren auf dem Meer, in Gefahren unter falschen Brüdern; in Arbeit und Mühe, oftmals in Nachtwachen, in Hunger und Durst; oftmals in Fasten, in Kälte und Blöße; zu alledem der tägliche Andrang zu mir, die Sorge für alle Gemeinden“ (2Kor 11,23-28).

Aber gerade Paulus kennt in all seinen Mühen eben auch die Freudigkeit, wenn er wieder einmal als Gefangener, wahrscheinlich aus Rom, den „Freudenbrief“ an die Philipper schreibt. Die Frucht seines Aufreibens ist für ihn „Freude und Krone“ (Phil 4,1). Er war eben wie Christus gesinnt und bereit, in seinen Fußstapfen zu wandeln. Timotheus und Epaphroditus waren die wenigen, die in der gleichen Geisteshaltung wie Paulus an der Seite des Apostels wirkte. Sie waren „gleicher  Gesinnung“ oder wörtlich „gleichgeseelt“ (Phil 2,20; ἰσόψυχος) und stritten mit Paulus mit ganzer Seele für das Evangelium und gegen alle Unwahrheit. Epaphroditus hatte den weiten Weg von Philippi nach Rom zurückgelegt,23 immerhin mehr als 1000 Kilometer zu Fuß und per Schiff, um Paulus eine Gabe zu überbringen und ihm zu dienen. „Für das Werk des Christus ist er dem Tod nahe gekommen, da er sein Leben gering achtete“ (Phil 2,30). Möglicherweise waren die Strapazen der Reise so aufzehrend, dass er beinahe starb. Er suchte das, was Christi Jesu ist und strahlte wie Timotheus als leuchtendes Zeugnis unter seinen Zeitgenossen hervor. Längst nicht alle Urchristen waren von der so seltenen Tugend der Opferbereitschaft geprägt wie Paulus, Timotheus und Epaphroditus. Viele Mitbrüder jener Tage „suchen alle das Ihre, nicht das, was Christi Jesu ist!“ (Phil 2,21).

Wer ist bereit, einen Preis zu zahlen?

Das Sinnen und Trachten der Menschen ist seit dem Sündenfall verfinstert. So ein Mensch durch wahre Buße zu seinem Gott und Erlöser zurückfindet, ist er in einen Kampf zwischen Licht und Finsternis gesetzt. „Unser Kampf richtet sich nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Herrschaften, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher der Finsternis dieser Weltzeit, gegen die geistlichen [Mächte] der Bosheit in den himmlischen [Regionen]“ (Eph 6,12). Dieser Kampf ist nichts für Feiglinge und Weichlinge. Es ist ein Kampf, der Mut abverlangt – und Opfer, allen voran der Tod des alten Menschen. Nie hat es in der Gemeinde Jesu eine Zeit gegeben, in der die Wahrheit nicht umkämpft war. Die Gemeinde des Herrn ist eine Gemeinde, die unter Waffen steht. Immer wenn die Rüstung der Heiligen in der Ecke verstaubte und Lethargie und Bequemlichkeit um sich griff, konnte geistlicher Niedergang um sich greifen. Kampf ist Überwindung, Kampf heißt Opferbereitschaft, Kampf bedeutet, sein Leben zu verlieren um Jesu willen, um es zu retten (Lk 9,24). Wie wahr sind die Worte von Os Guinness: „Ohne treue und mutige Apologeten, Männer und Frauen, die bereit sind, einen Preis zu zahlen, ist die Gemeinde Christi verwundbar in den Herausforderungen, die ihr sowohl von innen als auch von außen begegnet.“24

 

Anmerkungen

1 Os Guinness, Fool’s Talk, Recovering the Art of Christian Persuasion, IVP Books, 2015, S. 210.

2 „Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen.“ Zitiert von Matthias Heine in dem Artikel der WELT: Danke, Merkel, für das Wort „postfaktisch“!  17.11.2016.

URL: https://www.welt.de/kultur/article159560304/Danke-Merkel-fuer-das-Wort-postfaktisch.html am.

3 Wikipedia: Postfaktische Politik. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Postfaktische_Politik.

4 Ebd.

5 Wikipedia: Postmoderne. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Postmoderne.

6 Ebd.

7 Francis Schaeffer, Die große Anpassung – Der Zeitgeist und die Evangelikalen, CLV Bielefeld, 2008, ohne Seitenangabe, Coverblatt vor dem Impressum.

8 Ebd., S. 44.

9 Stephan Holthaus, Apologetik, jota Publikationen, Muldenhammer, 2009, S. 15.

10 Stephan Holthaus, Die Evangelikalen – Fakten und Perspektiven, Johannis kompakt, Lahr, 2007, S. 97.

11 Billy Graham bspw. ließ die Aussage, das Mormonentum sei eine Sekte, von der Webseite der Billy Graham Evangelistic Association löschen. Daniel Burke, Billy Graham faces backlash over Mormon’cult’ removal, Artikel in The Washington Post, 25. Oktober 2012.

URL: https://www.washingtonpost.com/national/on-faith/billy-graham-faces-backlash-over-mormoncult-removal/2012/10/24/2f9ca0c6-1e1b-11e2-8817-41b9a7aaabc7_story.html?utm_term=.c27a044a7296.

12 Bereits 1964 verabschiedete die katholische Kirche auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein Dokument, wonach Christen und Muslime den „einen und barmherzigen Gott anbeten.“ Der einflussreiche US-amerikanische Pastor und Autor Rick Warren ist Unterzeichner des Dokuments A Christian Response to a Common Word Between Us and You, in welchem im Jahre 2007zum Ausdruck gebracht wird, dass Christen und Muslime dem gleichen Gott dienen und den gleichen Gott anbeten. Siehe auch: Jim Hinch, Rick Warren builds Bridge to Muslims, in The Orange County Register, 2. März 2012.

URL: http://www.ocregister.com/2012/03/02/rick-warren-builds-bridge-to-muslims/.

13 Die Arbeitsgemeinschaft der Brüdergemeinden (AGB) formulierte ihr Leitbild im Jahre 2011 mit diesen Worten:

„Wir werden aufgefordert, positiv Einfluss zu nehmen und das Böse mit Gutem zu überwinden. Das ist gar nicht so leicht! Viel leichter ist es, Böses und Negatives aufzuspüren und es zu kritisieren anstatt Gutes

dagegenzusetzen, das so überzeugend ist, dass das Böse dadurch überwunden wird.

Weil uns in unserem Gemeindekreis bewusst geworden ist, genau in dieser Gefahr zu stehen, und weil andere bei uns sogar zuerst wahrnehmen, wogegen wir sind, haben wir die Entscheidung getroffen, dieses zu

verändern, einen positiven Beitrag zu leisten und Standpunkte konstruktiv einzubringen. So haben wir es auch in unserem Leitbild formuliert. Dort heißt es sinngemäß: …

– Anstatt über den Unglauben zu schimpfen, möchten wir einen positiven Beitrag dazu bringen, dass viele Menschen das gute Evangelium von Jesus verstehen und annehmen können.

– Anstatt in den Chor der Kirchenkritiker einzustimmen, wollen wir einen konstruktiven Beitrag dazu leisten, dass die Gemeinde Jesu wächst.

– Anstatt theologische und ethische Fehlentwicklungen zu beklagen, möchten wir zu einer biblischen Ausrichtung in Denken und Leben beitragen.“

URL: http://www.agb-online.de/fileadmin/content/dokumente/sonstige/Jahresprospekte/101007_Jahresprogramm_2011.pdf.

14 Duden.de. URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/konstruktiv.

15 Horst Afflerbach, Die sanfte Umdeutung des Evangeliums, Verlag R. Brockhaus, Wuppertal, 1987.

Afflerbach ist Leiter der Biblisch-Theologischen Akademie Wiedenest, die aufgrund der Offenheit zur Charismatik, einschließlich zu dem katholischen Charismatiker Johannes Hartl, eine äußerst progressive Richtung darstellt. Jürgen-Burkhard Klautke schreibt über Afflerbach: „Auch in Freikirchen scheint die Zeit vorbei zu sein, in der ein unzweideutiges Nein zu homosexuellen Verbindungen gelehrt wird. Horst Afflerbach, der Leiter der Biblisch-Theologischen Akademie im Forum Wiedenest, vertritt laut idea Spektrum folgende Position: Die Bibel sage nichts zu homosexueller Orientierung und lehne homosexuelle Menschen an keiner Stelle ab. Auch Jesus Christus habe sich nicht zur Homosexualität geäußert… Wie gesagt, was hier über die Auffassung des Leiters einer freikirchlichen Ausbildungsstätte referiert wurde, entstammt dem Nachrichtenmagazin idea-Spektrum. Afflerbachs Rede liegt im Wortlaut nicht vor… Aber die auf der Homepage von Wiedenest zu findende Stellungnahme zu dem idea-Artikel ist nicht wirklich hilfreich. Hier wird von ‚Irritationen‘ gesprochen, und es wird von der Bitte um ‚Ergänzungen‘ und ‚Aktualisierungen‘ geschrieben und darauf hingewiesen, dass der ‚Fokus‘ von Afflerbachs Rede ein anderer gewesen sei.“ Jürgen-Burkhard Klautke, Zur Homo-Ehe Teil 1.

URL: http://bekennende-kirche.de/2015/07/zur-homo-ehe-teil-1/.

16 Ebd., S. 104.

17 John MacArthur, Der Kampf um die Wahrheit, Verlag Mitternachtsruf, 1. Auflage April 2010, S. 195.

18 C. H. Spurgeon, Lectures to my students, Banner of Truth Trust, Edinburgh, 2008, S. 224.

19 SYZYGY,  Narzissmus auf dem Vormarsch: Exklusive SYZYGY Studie zeigt gesellschaftliche Veränderungen durch digitale Technologien. Abgerufen am 11.5.2017.

URL: https://www.syzygy.net/germany/de/news/egotech-studie.

20 Presseportal, Generation Narzissmus – SYZYGY Studie zu deutscher Millennials, Artikel vom 20.3.2017. Abgerufen am 11.5.2017 unter URL: http://www.presseportal.de/pm/30242/3589818.

21 A. W. Tozer; Verändert in sein Bild – Tägliche Andachten, CLV, Bielefeld, 2012, S. 11.

22 Willi & Yvonne Plattes, Weisheiten für jeden Tag: Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist, Kindle Edition, Books on demand, 2013.

23 Sollte Paulus in Ephesus im Gefängnis gewesen sein, wie einige vermuten, waren es immerhin noch ca. 700 Kilometer, die Epaphroditus zurücklegen musste.

24 Os Guinness, Fool’s Talk, Recovering the Art of Christian Persuasion, IVP Books, 2015, S. 210.

 

2021-07-02T15:39:23+02:00