Das ungewollte Kind (Prof. Dr. Leighton Flowers, USA)

Quelle: https://soteriology101.com/2020/01/10/the-unwanted-child/

Übersetzt von Esther Dorendorf

Veröffentlicht im August 2021

 

Wie meinen regelmäßigen Zuhörern sicherlich bewusst ist, ist meine Frau eine Ehe- und Familientherapeutin. Sie arbeitet oft mit Menschen, die mit Beziehungsproblemen und tiefen Traumata kämpfen. Schon einige Male hat sie mir gesagt, dass insbesondere Klienten, die Verlassenheitserfahrungen gemacht haben, von den Lehraussagen des Calvinismus regelrecht niedergeschmettert werden.

Mir ist natürlich klar, dass ein Calvinist diesen Post so auffassen könnte, als spielte ich mit den Emotionen meiner Leser, aber ich kann Ihnen versichern, dass das an dieser Stelle nicht meine Absicht ist. Ich möchte niemanden anklagen oder übertrieben dramatisch werden, sondern nur auf Tatsachen hinweisen. Es gibt Menschen, die wirklich in Probleme geraten, wenn sie, vor dem Hintergrund ihrer eigenen Kindheit, mit den Behauptungen der calvinistischen Theologie konfrontiert werden. Deshalb hören Sie mir bitte zu!

Diejenigen von uns, die, wie ich selbst, von sehr liebevollen Eltern großgezogen wurden, können sich den entsetzlichen Schmerz überhaupt nicht vorstellen, wenn man von den Menschen nicht geliebt und nicht gewollt ist, die einen am meisten lieben und wollen sollten. Ich kann noch nicht einmal ansatzweise das Gefühl nachempfinden, was es heißt, von denen abgelehnt zu werden, die für mich da sein sollten, und ich will auch gar nicht so tun, als könnte ich verstehen, wie ein solcher Schmerz die Beziehungen eines Menschen zu anderen Menschen ein Leben lang prägen kann.

Ich kann mir jedoch vorstellen, warum die exklusiven Ansprüche der calvinistischen Theologie negative Auswirkungen auf jemanden haben könnten, der ohnehin schon mit der Angst kämpft, verlassen und zurückgewiesen zu werden. Wenn meine eigenen Eltern mich nicht wollten, warum sollte Gott mich wollen? Und wenn Gott eine Art Gott ist, der nicht sehr viele Menschen liebt und will, liebt er wirklich dann auch mich? Ganz gleich, welchen soteriologischen Standpunkt Sie einnehmen: Es gibt eine berechtigte Furcht, die Tausende von Menschen überfällt, und die im realen Leben auf die eine oder andere Weise von Therapeuten, Pastoren oder Freunden angesprochen werden muss.

Peg Streep, eine Psychologin, schrieb einen Artikel mit dem Titel „The Unwanted Child: Feeling a Unique Kind of Hurt,“[1] in dem sie die Geschichte von Karen erzählt, einer Frau, die jetzt über fünfzig Jahre alt ist und die mit einem tiefen emotionalen Schmerz kämpft, weil sie von ihren Eltern nicht gewollt war:

“Ich wusste von früher Kindheit an, dass meine Eltern wegen mir heiraten mussten. Wegen mir musste meine Mutter auch ihr Studium abbrechen, was ihren Traum, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten und Juristin zu werden, ziemlich effektiv zerstörte. Und mein Vater musste einen Job annehmen, um uns zu unterstützen, anstatt seinen Traum, Schriftsteller zu werden, weiter zu verfolgen. Allerdings hatten sie, fünf Jahre nachdem ich geboren war, zwei weitere Kinder. Als ich in den Kindergarten ging, hätte sie vermutlich wieder aufs College gehen können, anstatt weitere Kinder zu bekommen, aber dieser Gedanke ist mir tatsächlich erst gekommen, als ich in den Zwanzigern war und meine eigenen Entscheidungen traf. Sie gab mir die Schuld daran, dass ihr Leben so war, wie es war, und zahlte es mir zurück, indem sie meinen Bruder und meine Schwester liebte und mich beständig ignorierte, bis auf die Situationen, in denen sie sich die Zeit nahm, Schuld und Kritik auf mich zu häufen. Mein Bruder und meine Schwester waren Wunschkinder gewesen; ich nicht. Heute noch werden meine eigenen Kinder von meinen Eltern anders behandelt als die Kinder meiner Geschwister. Es ist anscheinend ein Familienerbe, dem ich nicht entkommen kann.“

Auch wenn das Ungewollt- oder Ungeplantsein nicht zu einem familiären Erbe wird, wie das bei Karen der Fall war, berichtet ein ungewolltes Kind oft, dass sie [Anm. d. Übers.: Es geht hier um Töchter] bereits, als sie noch ganz klein war, wusste, dass sie irgendwie anders war und anders behandelt wurde:

“Als mein Bruder geboren wurde, war ich vier, und ich erinnere mich, dass ich absolut am Boden zerstört war, als ich beobachten musste, wie sie mit meinem Bruder umging – sie sang ihm vor, schmuste mit ihm und bedachte ihn mit Koseworten. Mich berührte sie selten, und wenn sie etwas für mich tat, handelte sie es höchst flüchtig und mechanisch ab. Natürlich dachte ich, es müsste an irgendetwas liegen, was ich gemacht hatte, und ich strengte mich so sehr an, ihr zu gefallen. Nun, raten Sie mal, was passierte? Es funktionierte nicht. Mein Bruder war ihr Liebling, und das war‘s. Kein Wunder, dass Aschenputtel meine Lieblingsgeschichte war. Mein Vater war ebenfalls die meiste Zeit emotional abwesend – versteckt hinter seiner Zeitung –, deshalb hatte ich keinerlei Unterstützung oder Bestätigung, als ich heranwuchs. Als ich dreißig war, brachte ich schließlich den Mut auf und fragte meine Mutter, warum sie meinen Bruder mehr liebte als mich, und, ohne mit der Wimper zu zucken, schaute sie mir direkt in die Augen und meinte: ‚Ich habe nie ein Mädchen gewollt, ich wollte immer nur einen Sohn.‘ Übrigens nehmen die meisten Menschen mir meine Geschichte nicht ab, aber sie ist nun einmal leider die Wahrheit.“

Nun stellen Sie sich vor, Karen sitzt in ihrer Bankreihe in einer calvinistisch geprägten Kirche und hört in der Predigt, dass Gott beschlossen hat, einige Menschen zu lieben und für diese Menschen zu sorgen, aber dass dies nicht für alle gilt. Ob berechtigt oder nicht, was wird ihr sofort durch den Kopf schießen?

Gott, genau wie meine Mutter, liebt meinen Bruder, aber nicht mich.

Können Sie sich vorstellen, welch verheerenden Folgen das für ihre Beziehung zu Gott haben könnte?

Selbst, wenn sie sich ihrem calvinistischen Pastor anvertraut und ihm von ihren Ängsten erzählt, und er irgendwie in der Lage ist, sie davon zu überzeugen, dass sie zu dem bevorzugten Personenkreis gehört (d.h. zu den „Auserwählten Gottes“), wird sie in ihrem Herzen nicht anders können, als tiefes Mitleid mit den ungewollten, den „Verworfenen,“ zu empfinden, die von dem gleichen Gott zurückgewiesen und übergangen wurden, von dem sie selbst mit einer Vorzugsbehandlung bedacht wurde. Sie wird nicht anders können, als Zorn auf diesen Gott zu empfinden, der diesen Menschen das antut, was ihre Mutter ihr angetan hat.

Ich wiederhole mich an dieser Stelle: Ganz gleich, wo Sie theologisch stehen, manche Menschen fechten hier einen realen Kampf aus, dem man im realen Leben mit guten Antworten begegnen muss. Was würden Sie jemanden wie Karen, die sich vielleicht im Zorn von Gott entfernt hat, sagen, wenn sie zu der Überzeugung gelangt ist, dass sie es mit einem Gott zu tun hat, der manche Menschen liebt, noch bevor sie geboren wurden, und alle anderen verwirft? Wäre es ratsam, ihr Römer 9 (aus dem Kontext gerissen) zu zitieren und sie zu fragen: „Wer bist denn du, dass du mit Gott rechten willst?“ Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand meinen würde, dass es das ist, was Karen jetzt in ihrem Schmerz hören muss.

Ich glaube, dass wir Karen, und allen, denen es wie sie ergeht, sagen müssen, dass Gott nicht wie ihre eigenen selbstbezogenen Eltern ist. Ich glaube, wir müssen ihr Gottes bedingungslose Liebe zu jedem Mann, jeder Frau, jedem Jungen und jedem Mädchen vor Augen stellen. Sie muss davon hören, dass Gott unermüdlich nach den Verlorenen sucht. Sie muss erfahren, dass unser Gott jemand ist, der lieber selbst stirbt, als zuzulassen, dass irgendjemand zugrunde geht. Sie muss von einem Gott hören, der alle seine Geschöpfe liebt und für alle eine Lösung anbietet![2] Sie muss wissen, dass es in dieser Welt vielleicht schlechte Mütter und Väter gibt, die ihre eigenen Kinder verstoßen, aber dass Gott gut ist und dass kein Kind in diese Welt hineingeboren wird, das von seinem Schöpfer nicht gewollt ist, nein, nicht eines!

Helfen Sie mir, diese Wahrheit zu verbreiten!

 

[1] Auf Deutsch etwa: „Das ungewollte Kind: Wenn jemand mit einem einzigartigen Schmerz kämpft.“ Die Autorin greift ein Tabuthema auf: Töchter, die von ihren Müttern von Anfang an abgelehnt werden. [Anm. d. Übers.] https://blogs.psychcentral.com/knotted/2016/09/the-unwanted-child-feeling-a-unique-kind-of-hurt/

[2] https://soteriology101.com/2019/03/12/new-release-gods-provision-for-all/

 

2021-08-13T16:01:52+02:00