Bedingungslose Erwählung / Lapsarianismus – Teil II / Prof. Dr. Laurence M. Vance

Übersetzt von Georg, WALTER, Schömberg

 

Die Art und Weise, wie die Supralapsarianer das Dekret der Verwerfung darstellen, ist für Infralapsarianer nicht akzeptabel. Die Infralapsarianer ziehen es vor, von der Verwerfung als einem negativen oder zulassenden Dekret zu sprechen, und sie lehnen es ab, dies als positives Dekret zu bezeichnen.[1] Dies ist verständlich, da die positiven Aspekte der Verdammung eine ziemlich düstere Vorstellung ist. Obwohl Gill den Begriff Zurückweisung (rejection) vorzog, da „der Begriff Verdammung (reprobation), mit dem falsche erschreckende Vorstellungen verbunden sind, vielen als hart und verpönt erscheint,“[2] führte er die Verdammnis der Verworfenen auf das Wohlgefallen von Gottes Willen zurück: „Der Beweggrund dafür, dass Gott ein solches Dekret erließ, indem er einigen aus der Rasse Adams seine Gunst vorenthält, ist nicht die Sünde, sondern das Wohlgefallen seines Willens.“[3] Calvin begründet die Verdammnis der Verworfenen ebenfalls mit Gottes Willen:

Wie nun Gott an seinen Erwählten durch die Wirksamkeit der Berufung das Heil vollbringt, zu dem er sie kraft seines ewigen Ratschlusses bestimmt hat, – so hat er gegenüber den Verworfenen seine Gerichte, in denen er seinen Ratschluss über sie verwirklicht. Denn die, welche er zur Schmach des Lebens und zum Verderben im Tode erschaffen hat, damit sie Werkzeuge seines Zorns seien und Beispiele seiner Strenge, die beraubt er, damit sie zu ihrem Ende kommen, bald der Fähigkeit, sein Wort zu hören, bald verblendet und verstockt er sie durch die Predigt nur umso mehr.[4]

Warum wird nun dieser Erlöser den einen gegeben und den anderen nicht? Vergebens wird sich abplagen, wer hier eine Ursache sucht, die höher wäre als Gottes geheimer und unerforschlicher Ratschluss![5]

Der reformierte Theologe David Engelsma führt das Vermächtnis Calvins fort und vertritt die positive, supralapsarianische Auffassung der Verwerfung:

Die Schrift lehrt, dass die Verdammnis Gottes souveränes, bedingungsloses Dekret ist, das Sünder verdammt. Dies ist die unausweichliche Schlussfolgerung der biblischen Lehre, dass Gott einige Menschen, nicht alle, bedingungslos zum ewigen Leben berufen hat.[6]

Verdammnis bestätigt, dass Gott einige Menschen von Ewigkeit her hasst; er hat unabänderlich ihre Verdammnis beschlossen; und er hat beschlossen, sie von Christus, Gnade, Glauben und Heil fernzuhalten.[7]

Es ist nicht überraschend, dass Boettner beklagt, Arminianer hätten die Neigung, sich an dem Thema Verdammnis zu stoßen, „als ob dies die Hauptsache des Calvinismus sei.“[8] Folglich erstaunt es nicht, dass John Wesley sich sehr klar gegen dieses System aussprach:

Singet, o Hölle, und freuet euch, die ihr unter der Erde seid! Denn GOTT, der mächtige GOTT, hat gesprochen und dem Tod Tausende von Seelen übergeben vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang. Hier, o Tod, ist dein Stachel! Sie werden nicht, sie können nicht entkommen. Denn der Mund des Herrn hat geredet. Hier, o Grab, ist dein Sieg! Noch ungeborene Nationen, die weder Gutes noch Böses getan haben, sind verdammt, das Licht des Lebens nie zu sehen. Lasst alle Morgensterne zusammen singen, die mit Luzifer, dem Sohn des Morgens, gefallen sind. Lasst alle Söhne der Hölle vor Freude rufen! Denn das Dekret ist erlassen, und wer wird es aufheben?[9]

Trotz der Unterschiede stimmen die unterschiedlichen lapsarianischen Systeme in der Lehre der Verdammnis überein, wie aus den Worten von Homer Hoeksema, einem Supralapsarianer, und von Loraine Boettner, einem Infralapsarianer, hervorgeht:

Die Wahrheit der Erwählung und Verdammnis stehen und fallen gemeinsam. Die Erwählung zu leugnen bedeutet, die Verdammnis zu leugnen. Die Verdammnis zu leugnen, bedeutet die Erwählung zu leugnen. An die Erwählung zu glauben bedeutet, an die Verdammnis zu glauben. An die Verdammnis zu glauben bedeutet, an die Erwählung zu glauben.[10]

Diejenigen, die die Lehre der Erwählung vertreten, aber die Lehre der Verdammnis verwerfen, können sich nicht darauf berufen, konsequent zu sein. Erstere Lehre zu bejahen, während man letztere verneint, macht aus der Prädestinationslehre ein unlogisches, einseitiges Dekret.[11]

Obgleich beide Gruppierungen an die „doppelte Prädestination“ glauben, gehen sie unterschiedlich an das Thema heran. Wie Sproul anmerkt: „Die Frage ist nicht, ob die Prädestination eine doppelte ist, sondern inwiefern sie eine doppelte ist.“[12] Die Auffassung, dass sich Erwählung und Verdammnis symmetrisch zueinander verhalten, wird gelegentlich als „entsprechende Endgültigkeit“ (equal ultimacy) bezeichnet. Sproul sagt ohne Umschweife, dass, „obgleich der Calvinismus eine Art von doppelter Prädestination lehrt, er nicht entsprechende Endgültigkeit lehrt.“[13] Er betrachtet diese Lehre als „Sub-Calvinismus“ oder als „Anti-Calvinismus.“[14] Aber um dieses Thema noch verwirrender zu machen argumentiert Best, dass Infralapsarianer „nicht die doppelte Prädestination lehren,“ es sind lediglich die Supralapsarianer, die „an die doppelte Prädestination glauben.“[15] Best versteht unter doppelter Prädestination die Lehre der „entsprechenden Endgültigkeit“. Um die calvinistischen Strömungen voneinander zu unterscheiden, ist es wichtig zu verstehen, wie sie ihre Begriffe definieren.

Um von der Lehre des positiven Dekrets der Verdammnis abzulenken, stimmen die Vertreters des Infralapsarianismus den Arminianern zu, wenn sie Kritik am Supralapsarianismus üben. Boettner, der Warfield folgt,[16] erklärt, dass „der Supralapsarianismus auf der einen Seite ebenso extrem ist wie der Universalismus auf der anderen. Allein das infralapsarianische System steht in Übereinstimmung mit anderen Tatsachen.“[17] Shedd erklärt, dass „die supralapsarianische Ordnung sich den Vorwurf gefallen lassen muss, Gott schaffe Menschen, um sie zu verdammen, denn die Schöpfung folge aus der Verdammnis. Der infralapsarianischen Ordnung kann dieser Vorwurf nicht gemacht werden.“[18] Sproul versucht, seine Leser mit einem emotionalem Aufruf zu schockieren: „Einige argumentieren, dass Gott einige Menschen zum Heil prädestiniert hat und andere zur Verdammnis, um daraufhin das Dekret des Sündenfalls zu erlassen, um sicherzustellen, dass einige Menschen verlorengehen. Manchmal wird diese schreckliche Auffassung dem Calvinismus zugeschrieben. Solch eine Vorstellung war in den Augen Calvins abscheulich.“[19]

Die Infralapsarianer machen die Lehre der Verdammnis weniger anstößig, indem sie sie in zwei Aspekte aufgliedern. Zum einen ist die Verdammnis bedingungslos wie bei der Erwählung, zum anderen ist sie bedingt und macht den Menschen aufgrund seiner Sünde dafür verantwortlich, was dazu führt, dass Gott sie übergeht. Girardeau und Cunningham erklären dies detailliert aus ihrer calvinistischen Perspektive:

Wir haben gesehen, dass die Lehre der Schrift ist, dass Gott aus reiner Gnade und nach dem Wohlgefallen seines souveränen Willens beschlossen hat, einige aus der gefallenen, sündhaften Masse zu erretten, die er als ebenso verdammt betrachtete. Das ist Erwählung. Der Rest ist folglich nicht erwählt zum Heil, sondern er wird übergangen und ist bestimmt, weiterhin unter der gerechten Verdammnis zu sein. Das ist Verwerfung. Es gibt zwei Aspekte diesbezüglich: erstens, ein souveräner Akt Gottes, durch den sie in seinem Ratschluss übergangen und in ihrem Zustand belassen wurden. Zweitens, es ist eine richterliche Handlung, durch die sie in seinem Ratschluss dazu bestimmt wurden, unter dem Urteil des gebrochenen Gesetzes zu stehen und für ihre Sünden bestraft zu werden. Das wird als Verdammnis bezeichnet.[20]

Was die Diskussion um Verwerfung angeht, unterscheiden Calvinisten zwischen zwei unterschiedlichen Handlungen durch ein Dekret Gottes in der Ewigkeit, welches durch ihn in der Zeit ausgeführt wurden – das eine negativ, das andere positiv – das eine souverän, das andere richterlich. Das erste, was als Nicht-Erwählung bezeichnet wird, ist einfach ein Dekret, das den Menschen in seinem natürlichen sündhaften Stand belässt. Folglich verharren sie in ihrer Sünde unter der Schuld ihrer Übertretung. Das zweite – die positive, richterliche Handlung – wird in unserem Bekenntnis als „vorherbestimmt zum ewigen Tod“ und „diejenigen, die übergangen werden, für die Unehre und das Zorngericht für ihre Sünden bestimmt“ bezeichnet.[21]

Die Dordrechter Lehrregel trifft ebenfalls diese Unterscheidung:

Übrigens erläutert und empfiehlt uns die Heilige Schrift dadurch vorzüglich diese ewige und unverdiente Gnade der Erwählung, dass sie ferner bezeugt, dass nicht alle Menschen erwählt sind, sondern einige nicht erwählt oder bei der Erwählung Gottes übergangen, die Gott nämlich nach seinem freien, gerechten, untadeligen und unveränderlichen Wohlgefallen in dem gemeinsamen Elend, in das sie sich durch ihre Schuld gestürzt haben, zu lassen und sie nicht mit dem seligmachenden Glauben und der Gnade der Sinnesänderung zu beschenken, sondern sie, auf ihren Wegen und unter dem gerechten Gericht lassend, endlich nicht nur wegen ihres Unglaubens, sondern auch wegen ihrer übrigen Sünden zur Bezeugung seiner Gerechtigkeit zu verdammen und ewig zu strafen beschlossen hat. Und dies ist der Ratschluss der Verwerfung, der Gott keineswegs zum Urheber der Sünde (das zu denken eine Lästerung wäre), sondern zum furchtbaren, untadeligen und gerechten Richter und Rächer macht.[22]

Dieses zweifache Dekret findet sich auch in Artikel III des Westminster Bekenntnisses:

Artikel 3.3: Erwählung und Verwerfung

Durch den Ratschluss Gottes sind zur Offenbarung seiner Ehre einige Menschen und Engel (1Tim 5,21; Mt 25,41) zum ewigen Leben vorherbestimmt und andere zum ewigen Tod verordnet (Röm 9,22-23; Eph 1,5-6; Spr 16,4).

Artikel 3.7: Die Übergangenen

Es hat Gott gefallen, nach dem unerforschlichen Ratschluss seines eigenen Willens, aufgrund dessen er Barmherzigkeit erweist oder vorenthält, wie es ihm gefällt, zur Ehre seiner unumschränkten Macht über seine Geschöpfe, den Rest der Menschheit zu übergehen und sie zur Unehre und zum Zorn über ihre Sünde vorherzubestimmen, zum Preise seiner herrlichen Gerechtigkeit (Mt 11,25-26; Röm 9,17-22; 2.Tim 2,19-20; Jud 4; 1.Petr 2,8).[23]

Man kann erkennen, dass ohne den letzteren Artikel eine supralapsarianische Interpretation erforderlich wäre.

 

Um diese Frage noch weiter zu verkomplizieren und eine weitere Unstimmigkeit unter Calvinisten zu verdeutlichen, gibt es eine weitere Lehrrichtung, auf die wir eingehen müssen, den Sublapsarianismus. Die Vorsilbe sub ist uns aus dem häufigen Gebrauch im Englischen bekannt: submarine (Unterseeboot), submerge (untertauchen), subcontractor (Subunternehmer). Demnach bedeuten infra und sub das gleiche: „unten“ oder „nach“. Wenn Gill oder Girardeau oder Dabney von Sublapsarianismus sprechen, beziehen sie sich auf den Infralapsarianismus, wie er gewöhnlicherweise bezeichnet wird. Fünf-Punkte-Calvinisten erkennen nur zwei theologische Systeme an: den Supralapsarianismus und den Infra- oder Sublapsarianismus. Aber die Calvinisten, die die begrenzte Sühnung verwerfen [Vier-Punkte-Calvinisten] haben ein drittes theologisches System ersonnen, um ihre Auffassung darzulegen. Sie schlagen die folgende Ordnung vor:

  1. Schöpfung
  2. Sündenfall
  3. Erlösung aller Menschen
  4. Erwählung und Verwerfung
  5. Errettung der Erwählten

In diesem System sind die Dekrete der Erwählung und Verwerfung nicht nur nach dem Sündenfall, sondern auch nach dem Dekret der Erlösung. Dies wird auch als „hypothetische Erlösung“ bezeichnet, die von Moyse Amyraut, dem ersten Vier-Punkte-Calvinisten vertreten wurde.[24] Was als Sublapsarianismus bezeichnet wird, ist die Auffassung aller Vier-Punkte-Calvinisten. Wie im nächsten Kapitel aufgezeigt werden wird, ist die Debatte über die Erlösung sinnlos, da ohnehin nur die Erwählten errettet werden. Wie die Infralapsarianer versuchen die Sublapsarianer die schreckliche Schlussfolgerung einer positiven Sicht der Verwerfung, die eine Parallele zur Erwählung hat, zu umgehen.

Berkhof behauptet, dass „nur die reformierte Theologie der Lehre der Dekrete gerecht wird.“[25] Doch die Schrift sagt zu diesen Dekreten: „Wehe denen, die ungerechte Gesetze erlassen, und den Schreibern, die bedrückende Vorschriften schreiben“ (Jes 10,1). Die widersprüchliche und verwirrende Natur von Gottes Dekreten, wie sie von reformierten Theologen dargelegt werden, schließt aus, dass Gott ihr Urheber ist. Gott „kann sich selbst nicht verleugnen“ (2Tim 2,13), und Gott ist auch „nicht ein Gott der Unordnung“ (1Kor 14,33).

Es gibt eine Reihe von Problemen mit diesen calvinistischen Theorien, was den Zusammenhang zwischen Sünde/Sündenfall und Erwählung/Verwerfung angeht. Offenkundig macht der Sublapsarianismus Gott zum Urheber von Sünde und damit direkt verantwortlich für die Verdammnis von Milliarden von Menschenseelen. Aber die beiden anderen Hypothesen sind ebenso verwerflich. Wenn Gottes Dekrete wirklich nur ein Dekret sind, dann folgt, wie Dabney erläutert: „Gottes Dekret wird von nichts gefolgt; es handelt sich um Gleichzeitigkeit, im Ganzen zusammengefasst durch eine ewige Eingebung.“[26] Aus diesem Grund kann man Prädestination nicht von Erwählung und Verwerfung trennen. Dieses eine Dekret wird ferner als ewig beschrieben. Demnach kann es keinen Unterschied zwischen den lapsarianischen Systemen geben, da Berkouwer bestätigt: „Wir können nicht von vor oder nach sprechen, was Gottes ewige Dekrete angeht, wie wir es in der Zeitlichkeit tun, und folglich ist der Unterschied zwischen supra und infra erfunden, denn er setzt eine zeitliche Ordnung in der Ewigkeit voraus.“[27] Man sollte auch daran erinnern, dass dieses eine, ewige Dekret allumfassend ist. Chafer bestätigt: „Es gibt einen allumfassenden Plan, in dem alle Dinge ihren Platz haben und durch den sie verwirklicht werden. Bei Gott gibt es einen unveränderlichen Plan, der jedes Detail enthält, selbst der Tod eines Spatzen.“[28] Folglich ist alles, was sich ereignet, einschließlich der Sünde, des Sündenfalls und der letztlichen Verdammnis gewisser Menschen die Folge von Gottes souveränem Willen und Ratschluss. Was den Sündenfall im Besonderen angeht, wenn Gott die Verwerfung nach dem Sündenfall verordnete, den er ebenfalls verordnete, dann gilt, was Berkouwer schreibt: „Der Sündenfall muss letztlich Teil von Gottes Ratschluss gewesen sein und folglich ist er nach Gottes souveränem Wohlgefallen. Aber was dies angeht, sagt der Infralapsarianismus das Gleiche aus wie der Supralapsarianismus.“[29]

Was die Verdammnis angeht, gibt es in den drei lapsarianischen Denkrichtungen keinen Unterschied. Boettner, ein Infralapsarianer, beklagt: „Es ist für uns schwer zu verstehen, dass viele, die uns nahe stehen (enge Freunde und Verwandte) möglicherweise zur ewigen Verdammnis vorherbestimmt sind.“[30] Chafer, der Vier-Punkte-Calvinist, erklärt in Bezug auf den Ursprung der Sünde: „Die Arminianer haben auf die Frage nach dem Ursprung der Sünde nur die Antwort, dass Gott keinen Bezug dazu hat, außer dass er vorauswusste, dass die Sünde in Erscheinung treten würde. Diese Auffassung ist völlig unzureichend, da das göttliche Vorauswissen notwendigerweise beinhaltet, dass sich alles kraft eines souveränen Ratschlusses ereignet. Es kann etwas nicht vorausgewusst werden, das nicht gewiss ist, und nichts ist gewiss, bis Gottes souveränes Dekret es beschlossen hat.“[31] Und wie wir sehen, verwenden alle drei Denkrichtungen die genau gleichen Schriftstellen, um ihre Lehre der Verwerfung zu beweisen. Jetzt versteht man, warum so viel Zeit aufgewendet wird, um die allumfassende Natur von Gottes vermeintlichem ewigen Dekret darzulegen. Wenn Gott alles zu seiner Verherrlichung bestimmt hat, dann handelt es sich bei der Verwerfung der Gottlosen um Gottes „festgesetzten Ratschluss“ (Apg 2,23), den Gott „nach dem Ratschluss seines Willens“ wirkt (Eph 1,11), ganz gleich welcher lapsarianischen Denkrichtung man angehört.

Was den doppelten Aspekt des Dekrets der Verwerfung (Verdammnis) angeht, sollten die calvinistischen Theologen konsequent sein, wie Dabney anmerkt: „Wende eine ähnliche Analyse auf das Dekret der Erwählung an und teile dieses Dekret in Auserwählung und Vorrechtfertigung ein. Das wäre dann die Lehre der ewigen Rechtfertigung, die sie zu Recht als irrtümlich verwerfen. Aus diesem Grund sollte der doppelte Aspekt konsequent aufgegeben werden, und man sollte nicht mehr von Gottes negativer Prädestination sprechen.“[32] Dabney ist zumindest teilweise korrekt, wenn er die Auffassung vertritt, dass Gottes Dekret der Verwerfung ein passives ist [d.h., Gott überlässt die Nichterwählten ihrer Sünde und bestimmt sie nicht durch ein Dekret zur Sünde]. Allerdings gibt es diesbezüglich zwei weitere Probleme. Wenn Gott die Erwählten erwählt, folgt daraus, dass er die Verworfenen nicht erwählt. Daher existiert so etwas wie eine negative Verdammnis nicht – ein passives Dekret. Man kann nicht die einen erwählen, ohne dass man die anderen übergeht. Die „Erwählten“ können nicht aus der Masse der gefallenen Menschheit erwählt werden, ohne dass automatisch die Verworfenen übergangen werden. Jemanden zu übergehen, der nicht geschaffen wurde, ist unmöglich. Die einzige Möglichkeit, wie die Verdammnis ein für sich genommenes Dekret sein kann, muss auf der Basis eines noch nicht geschaffenen Menschen stehen, der entweder als „Erwählter“ oder als „Verdammter“ geschaffen wird. Es ist der Sündenfall, der das reale „Dekret der Verdammnis“ darstellt. Aber der Sündenfall Adams wirkte sich auf die Verdammnis aller Menschen und nicht nur auf eine bestimmte Menschengruppe aus: „… denn gleichwie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden“ (1Kor 15,22). In gewissem Sinne sind alle Menschen zum ewigen Tod prädestiniert, jedoch nicht bedingungslos, denn der HERR Jesus Christus schaffte einen Ausweg: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen“ (Joh 5,24).

Konfrontiert man die Lapsarianer mit den unüberwindlichen Schwierigkeiten und den fatalen Widersprüchen, argumentiert der Calvinist mit der Barmherzigkeit und souveränen Gnade Gottes. Berkouwer führt aus, dass „es daher nicht die wichtigste Frage ist, ob Gott in der Prädestination den Menschen als bereits geschaffen und gefallen oder als noch nicht geschaffen und daher vor dem Sündenfall betrachtet, sondern der wichtigste Punkt ist, dass das Heil des Menschen im Lichte von Gottes Gnade gesehen wird.“[33] Pink erläutert, dass „es ausreicht, alle bösen Anschuldigungen, die Prädestinationslehre sei grausam, schrecklich und ungerecht, damit zu entkräften, dass niemand errettet worden wäre, wenn Gott nicht die einen zum Heil erwählt hätte.“[34] Die meistzitierte Aussage stammt von Warfield: „Das Wunder der Wunder ist nicht, dass Gott in seiner unendlichen Liebe nicht alle Menschen dieser schuldhaften Rasse zum Heil erwählt hat, sondern dass er einige erwählt hat.“[35]

Diese sentimentalen Aussagen sind jedoch abwegig, wenn man sich daran erinnert, was Calvinisten wirklich über Gottes Dekret glauben. Sie sind auch auf einer falschen Prämisse aufgebaut, die der totalen Verderbtheit. Es ist keine Ehre für Gottes Gnade und Barmherzigkeit, wenn er einen Sünder, der völlig verderbt ist, erwählt aus Menschen, die er zu völliger Ohnmacht verdammt. Die Lehre der bedingungslosen Erwählung setzt die Lehre der völligen Verderbtheit voraus. Selbst wenn Gott nicht alles vorherbestimmte und wirklich den Sündenfall zuließ und tatsächlich allen Menschen die Erlösung anbietet, würde die „souveräne Erwählung“ Gottes Gnade erheben, wenn kein Mensch ohne sie errettet werden könnte? Die eigentliche Frage, um die es geht, ist, ob Gott gerecht ist, wenn er die einen einfach übergeht. Laut Bibel würde Gott so nicht handeln.

Das souveräne, ewige Dekret der Erwählung soll Demut hervorbringen. Baker erinnert uns daran, dass „niemand jemals so vermessen sein sollte, dass er sich seiner Erwählung gewiss ist.“[36] Palmer schreibt demütig: „Dies ist sodann die religiöse Demut des Calvinisten. Er bekennt: Ich weiß es nicht. Ich kann nicht alles verstehen, aber da es in der Bibel steht, dass Gott einhundert Prozent souverän ist und ich dennoch verantwortlich bin, glaube ich es.“[37] Obgleich der Calvinist die Erwählung nicht versteht und nicht sicher weiß, ob er zu den Erwählten zählt, da er nicht so vermessen sein kann, dies zu wissen, behauptet er noch immer ganz offen, dass er zu den Erwählten zählt. Tatsächlich führt die bedingungslose Erwählung zu dem, was in diesem alten Kirchenlieder der Particular Baptists beschrieben wird:

Wir sind die wenigen Erwählten des HERRN,

Möge der ganze Rest verdammt sein;

Es gibt genügend Platz für Euch in der Hölle,

Der Himmel wird nicht überfüllt sein![38]

Der Versuch, sich in Gottes Gedanken zu vertiefen außerhalb dessen, was Gott in der Bibel geoffenbart hat, ist das Werk von Theologen der „toten Orthodoxie“, die ihre philosophischen Spekulationen und theologischen Schlüsse von einer Generation an die nächste weitergeben. Sei es die presbyterianische Linie von Calvin zu Hodge, zu Warfield, die reformierte Linie von Calvin zu Kuyper, zu Berkhof, oder die baptistische Linie von Calvin zu Gill, zu Spurgeon, alle die Mutmaßungen über Ordnung und Ausmaß der göttlichen Dekrete sind nichts weiter als dies. Obgleich die calvinistischen Theologen große Meinungsverschiedenheiten haben, werden sie nicht müde, sich gegenseitig zu erheben, während sie ihre Schwächen minimieren. Wir haben bereits gesehen, wie sehr Augustinus überhöht wird. Calvin ebenso, wenngleich in gewisser Weise zu Recht, wurde auf diese Weise gepriesen. Von Clark wird gesagt, „er stehe in der Tradition von Augustinus und Calvin.“[39] Aber jeder, der etwas über die Häresien von Augustinus oder die Irrtümer Calvins weiß, würde vor solch einem Urteil zurückschrecken. Von Berkouwer wird behauptet, dass „er in der Linie des großen Reformators Johannes Calvin steht.“[40] Van Til erklärte, dass John Murray „der größte lebende calvinistische Gelehrte war.“[41] Boettner bestand darauf, dass Warfield „der hervorragendste Theologe seit Calvin war.“[42] Nach dem Tod Warfields, so wird gesagt, läge „der Mantel von Dr. Warfield auf den Schultern von Dr. Boettner.“[43] Caspar Hodge (1870-1937) bezeichnete Machen bei seinem Tod als „den größten Theologen der englischsprachigen Welt.“[44] Clark bezeichnete Charles Hodge als „Amerikas größten Theologen.“[45] Und A. A. Hodge stimmte Shedd zu, indem sie Dabney als „den größten theologischen Lehrer in den Vereinigten Staaten“ bezeichneten.[46]

Trotz ihrer Gelehrsamkeit waren diese Riesen der presbyterianischen und reformierten Orthodoxie jedoch nicht unproblematisch. Kuyper vertrat die Lehre der „vermuteten Wiedergeburt“ und der „vermuteten ewigen Rechtfertigung“ (presumptive regeneration and justification: Eltern sollten ihre Kinder taufen auf der Grundlage der vermuteten Wiedergeburt).[47] John Murray vertrat die Auffassung, dass der Sonntag ein Sabbat war und infolgedessen keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzt werden durften, um den Gottesdienst zu besuchen.[48] Boettner erklärte, dass „es scheinbar klar ist, dass das Christentum die zukünftige Weltreligion ist. Angesichts dieser Tatsache schauen wir vertrauensvoll in die Zukunft, denn das Beste kommt noch.“[49] Aber die beiden größten Verirrungen unter einer Reihe von Theologen drehten sich um den Tabakgenuss und die Evolution. Neben A. H. Strong waren eine Reihe von Theologen in Princeton vom Gedankengut der Evolutionstheorie beeinflusst. Der supralapsarianische reformierte Theologe Herman Hoeksema trank sowohl alkoholische Cocktails und rauchte, während er über Gottes Dekrete nachsann.[50] Machen war in Princeton erfreut über einem Raum voller rauchender Personen und sagte: „Was für eine wunderbare Hilfe ist Tabak, um Freundschaften und christliche Geduld zu bewahren.“[51] Obgleich sie über Gottes Dekrete und deren theologischen Nuancen spekulierten, hatten viele der reformierten Theologen nicht genug Glauben an die Bibel, um den Darwinismus daran zu hindern, im Christentum Fuß zu fassen, oder genug gesunden Menschenverstand, um sich vom Tabakgenuss fernzuhalten. Und doch erwarten Calvinisten von uns, dass wir Berkhof glauben, wenn er schreibt, dass „allein die reformierte Theologie der Lehre der Dekrete gerecht wird.“

Mit freundlicher Genehmigung von Laurence M. Vance.

Laurence M. Vance, The Other Side of Calvinism, Vance Publications, Orlando, Fifth Printing, 2014, S. 292 – 302.

[1] Gerstner, Predestination, S. 7; Sproul, Grace Unknown, S. 158; Best, God’s Degree, S. 25; Chafer, Theology, Vol. 1, S. 236.

[2] Gill, Divinity, S. 192.

[3] Ebd., S. 197.

[4] Institutio 3. Buch, Kapitel 24,12. Nach der letzten Ausgabe von 1559 übers. und bearb. von Otto Weber. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1997. URL: https://www.calvin-institutio.de/display_dokument.php?elementId=2.

[5] Ebd.

[6] Engelsma, Hyper-Calvinism, S. 45.

[7] Ebd.

[8] Boettner, Predestination, S. 123.

[9] John Wesley, zitiert in Sell, S. 72.

[10] Hanko, Unconditional Election, S. 36.

[11] Boettner, Predestination, S. 105.

[12] Sproul, Grace Unknown, S. 158.

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Best, God’s Decree, S. 23.

[16] Warfield, Salvation, S. 21.

[17] Boettner, Predestination, S. 127.

[18] Shedd, Calvinism, S. 35.

[19] Sproul, Chosen, S. 96.

[20] Girardeau, S. 175-176.

[21] Cunningham, Theology, Vol. 2, S. 429-430.

[22] Artikel I, 15. URL: http://www.serk-heidelberg.de/unser-glaube/lehrregel/#Erstes_Lehrstueck_Von_der_goettlichen_Vorherbestimmung.

[23] Westminster Bekenntnis. URL: http://winterthur.erkwb.ch/westminster-bekenntnis/kapitel-3-von-gottes-ewigem-ratschluss/.

[24] Charles Hodge, Theology, Vol. 2, S. 321; Dabney, Theology, S. 235.

[25] Palmer, S. 110.

[26] Berghof, Theology, S. 105.

[27] Berkouwer, S. 261.

[28] Chafer, Theology, Vol. 1, S. 228.

[29] Berkouwer, S. 261.

[30] Boettner, Predestination, S. 125.

[31] Chafer, Theology, Vol. 1, S. 237.

[32] Dabney, Theology, S. 239.

[33] Berkouwer, S. 267.

[34] Pink, Sovereignty, S. 239

[35] Benjamin Warfield, zitiert in Storms, Chosen for Life, S. 122.

[36] Baker, S. 66.

[37] Palmer, S. 87.

[38] Zitiert in George, S. 333.

[39] John W. Robbins, ed., Gordon H. Clark: Personal Recollections, Jefferson, The Trinity Foundation, 1989, S. 77.

[40] Baker, S. 24.

[41] Cornelius Van Til, zitiert in Iain H. Murray, The Life of John Murray, Edinburgh, The Banner of Truth Trust, 1982, S. 40.

[42] Boettner, Predestination, S. 23.

[43] Ebd., auf der vorderen Schutzumschlagseite.

[44] Ned B. Stonehouse, J. Grecham Machen: A Biographical Memoir, 3. Edit., Edinburgh, The Banner of Truth Trust, 1987, S. 7.

[45] Clark, The Trinity, Jefferson: The Trinity Foundation, 1985, S. 68.

[46] Douglas Kelly, „Robert Lewis Dabney“, in David F. Wells, Southern Reformed Theology, Grand Rapids: Baker House, S. 68.

[47] Baker, S. 31-32.

[48] Ian Murray, Life of Murray, S. 35.

[49] Boettner, Predestination, S. 143.

[50] Hoeksema, Therefore I Have Spoken, Grand Rapids: Reformed Free Publishing Association, S. 264.

[51] Stonehouse, S. 85.

2021-07-02T15:16:47+02:00