„Healing Rooms“: Kreuz und Krankheit / Georg WALTER

25. Mai 2021

Wiederbelebung einer pfingstlichen Sonderströmung in der Neocharismatik

Ich war in Gemeinden, die Wunder in ihren Versammlungen ankündigten … Diese Art von Aufführungen interessieren mich nicht. Du kannst Wunder nicht machen, wie man eine chemische Reaktion auslöst. Du kannst Wunder nicht machen, wie ein Magier auf der Bühne eine verblüffende Vorstellung aufführt. Gott gibt sich nicht in die Hände religiöser Magiker. An diese Art von Wundern glaube ich nicht. A.W. Tozer

Unmittelbar nach der Ausgabe der Zeitschrift Materialdienst 4/12 der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), in welcher sich Autor Kai Funkschmidt kritisch mit den „Healing Rooms“ auseinandersetzte, erschien in einer idea-Meldung vom 4. April 2012 die Stellungnahme von Marina Hanheiser, Vorstand der „Healing Rooms Deutschland“. Frau Hanheiser wies darauf hin, dass die von Funkschmidt „kritisierten Aussagen überwiegend nicht das theologische Verständnis und die Lebenswirklichkeit des deutschen Zweiges dieser Bewegung widerspiegelten.“1

Überdies erklärte Frau Hanheiser, dass Gott „an unserem körperlichen und seelischen Wohlbefinden interessiert sei. Doch mit der Sünde kam auch Leid in diese Welt. Es gibt eine Gegenseite zu Gott, die versucht, die Menschen von Gott und von jeder Segnung Gottes abzuhalten.“2 In der idea-Meldung wurde die Aussage Frau Hanheisers weiter so zusammengefasst: „Jesus habe diese Gegenseite am Kreuz entmachtet. Im Gebet könne man diesen Sieg in Anspruch nehmen und Gott bitten, dass er Heilung schenkt.“3

Kai Funkschmidt bezieht zu der Stellungnahme Hanheisers indessen eine deutliche Gegenposition und spricht davon, dass Healing Rooms von „einer umfassenden Siegestheologie geprägt sind, die das menschliche Glück und Wohlbefinden als ‚Leben in Fülle’ in die Mitte stellt… Für Christen werden Gesundheit, Wohlstand, Macht, Langlebigkeit, Glück und Wohlbefinden als Normalfall und höchstes Ziel postuliert, und Gott ist der Garant dafür.“4 Diese Fülle an Versprechen sei allerdings, so heißt es weiter in dem Artikel in idea „offensichtlich unbiblisch, da Heilung selbst in der Bibel nicht der Normalfall gewesen sei, sondern Zeichen des Reiches Gottes.“5 Funkschmidt wirft den Vertretern der Healing Rooms ein „unprotestantisches Bibelverständnis“ vor und formuliert recht drastisch, dass Gott gemäß dieser charismatischen Sichtweise „fast wie eine Wunscherfüllungsmaschine erscheine, die Heilung geben müsse, weil er es ja versprochen habe.“6

Somit stehen zwei völlig unterschiedliche Standpunkte gegenüber, und der Leser von idea kann sich beliebig für die eine oder andere Anschauung entscheiden, je nach dem Lager, aus welchem er kommt. Pfingstler und Charismatiker werden wohl mehrheitlich Frau Hanheiser zustimmen, während Vertreter des nicht-charismatischen und nicht-pfingstlichen Lagers sich eher zu Funkschmidts Position halten werden. Am Ende dieses vorliegenden Artikels soll jedenfalls ein Fazit gezogen werden, das den Leser nicht im Unklaren lässt.

 Geschichte der Healing Rooms

Um zu einem möglichst umfassenden und fundierten Urteil über die Healing Rooms zu kommen, ist es ratsam, sich mit den Anfängen dieser Praxis zu beschäftigen. Die ersten Berichte über Healing Rooms gehen auf den Dienst des kanadischen Methodistenpredigers John G. Lake (1870-1935) zurück. Bereits vor der Entstehung der Pfingstbewegung im Jahre 1906 kam John G. Lake mit John Alexander Dowie (1847-1907), einem in den USA lebenden schottischen Kongregationalisten, in Zion City, Illinois, USA, in Kontakt. 1901 hatte John Alexander Dowie Zion City in der Nähe von Chicago gegründet, wo er und seine Anhänger bis zur Wiederkunft Christi sündlos leben wollten.

Der extravagante Heiligungsprediger Dowie, der sich am Ende seines Lebens häufig in einem hohepriesterlichen Gewand nach alttestamentlichem Vorbild zeigte und sich für Elia hielt, der fortan die Wiederkunft Christi ankündigen müsse, unterhielt in Zion City ein „Heilungshaus“. John G. Lake und seine Frau waren im Jahre 1901 nach Zion City gezogen, wo Lake als Ältester diente. Während eines Aufenthaltes in Dowies Heilungshaus erlebte John G. Lake und später auch seine Frau nach eigenen Angaben eine übernatürliche Heilung. Nicht nur diese Erfahrung, sondern auch eine spätere Begegnung mit Charles Parham, dem bei der Entstehung der Pfingstbewegung eine entscheidende Rolle zukam, müssen John G. Lake später dazu bewogen haben, seine Healing Rooms zu eröffnen. Jedenfalls war die geistliche Prägung Lakes von Anfang an wohl kaum in biblischer Nüchternheit verwurzelt.

Es war in Zion City, wo John G. Lake im Jahre 1906 mit Charles Fox Parham (1873-1929) zusammentraf. Obgleich es Charles Parham selbst nicht vergönnt war, der Initiator jener Versammlungen in der Azusa Street 312 in Los Angeles zu sein, welche im Jahre 1906 als die Geburt der amerikanischen Pfingstbewegung in die Kirchengeschichte einging, gilt er vielen dennoch als der eigentliche Vater der Pfingstbewegung, da er es war, der die Lehre über die „Geistestaufe“ als zweite Erfahrung nach der Bekehrung und Wiedergeburt sowie das „Zungenreden“ als Zeichen der Geistestaufe als Erster formulierte und verbreitete.

Der schwarze Heiligungsprediger William Joseph Seymour (1870-1922), der einer der Bibelschüler Parhams war, ging als Vater der Pfingstbewegung in die Geschichte ein. Seymour hatte von Parham die Lehre der Geistestaufe im Jahre 1901 übernommen. Und als Seymour im Jahre 1906 nach Los Angeles gezogen war und dort Parhams Lehre der „Geistestaufe“ verkündigte, gelang es ihm, eine Schar von Anhängern aus der Heiligungsbewegung für diese neue Lehre zu gewinnen. Als schließlich einige seiner Jünger die „Geistestaufe“ erlebten und die „Zungenrede“ empfingen, breitete sich das Pfingstfeuer wie ein Flächenbrand aus. Diese Ereignisse in der Azusa Street 312 im Jahre 1906 sind daher untrennbar mit dem Namen William Joseph Seymour verbunden, obgleich Charles Parham der Vater dieser neuen Lehre war.

Zurück zu John G. Lake. Lake erlebte seine „Geistestaufe“ im Jahre 1906 als Charles Parham gerade Zion City besuchte. Ein weiterer bekannter Prediger, F. F. Bosworth (1877-1958), der mit seiner Familie als junger Mann nach Zion City gezogen war und dessen Buch Christus unser Heiler bis heute gedruckt wird, empfing seine „Geistestaufe“ ebenfalls in Parhams Versammlungen im Jahre 1906.7 Etwa zwei Jahre später im Jahre 1908 fühlte sich Lake zum Missionar berufen. Er machte sich auf nach Afrika, wo er eine Pfingstgemeinde mit dem Namen Apostolic Faith Mission of South Africa gründete. Nach dem Tod seiner ersten Frau im Jahre 1913 kehrte er nach Amerika zurück und heiratete Florence Switzer aus Milwaukee. Lake zog mit seiner Familie nach Spokane in der Nähe Washingtons und gründete dort die Apostolic Church (Apostolische Kirche). Die Eröffnung der ersten Healing Rooms folgte im Jahre 1915. Lake bildete sogenannte „Heilungs-techniker“ (healing technicians) aus und lehrte über „göttliche Heilung“. Angeblich wurden über 10.000 Heilungen bezeugt.

Im Jahre 1920 gründete John G. Lake in Portland, Oregon, eine Zweiggemeinde und eröffnete weitere Healing Rooms. In Portland hielt Lake in den 1920er Jahren Evangelisationsversammlungen ab, zu denen er Charles Parham einlud. Es wird berichtet, dass sich Gordon Lindsay (1906-1973), der in den 1940er und 1950er Jahren die Heilungsbewegung der USA entscheidend mitprägte, in einer dieser Versammlungen bekehrte.8 Im Jahre 1935 verstarb John G. Lake an einem Schlaganfall, ohne seinen Traum von Heilungsräumen in ganz Amerika verwirklicht zu haben. Nach dem Tod von John G. Lake wurde sein Dienst durch die John G. Lake Ministries und den International Apostolic Council weitergeführt.

Im Jahre 1999, über sechs Jahrzehnte nach John G. Lakes Tod, griffen Cal Pierce und dessen Ehefrau Michelle, Mitglieder einer Pfingstgemeinde, die Vision erneut auf, Healing Rooms in den gesamten USA zu errichten. In Spokane, jenem Ort, wo Lake seine ersten Healing Rooms gegründet hatte, eröffnete Pierce seine eigenen Healing Rooms sowie den internationalen Dienst International Association of Healing Rooms (IAHR). Über die Anfänge seines Dienstes verfasste Cal Pierce ein Buch mit dem Titel Preparing the Way: The Reopening of the John G. Lake Healingrooms in Spokane (Mcdougal Pub, 2001; deutscher Titel: Den Weg bereiten, 2002; Neuauflage 2011: Eine Vision für Heilungsräume, Gloryworld-Medien). In Kapitel 1 zitiert er einen Artikel von Andy Butcher (S.17), der am 6. Dezember 2000 als Leitartikel im US-amerikanischen Magazin Charisma erschienen war.9 Butcher beschreibt in seinem Artikel, wie Cal Pierce in seiner Gemeinde in Redding, Kalifornien, eine besondere „Erfahrung“ mit Gott gemacht hatte, die für seinen weiteren Dienst prägend werden sollte. Pierce fühlte sich im Zuge dieser Erfahrung berufen, nach Spokane zu gehen.

Seinem inneren Ruf folgend gab Pierce infolgedessen sein Geschäft auf, um dort in den vollzeitigen Dienst zu treten. Häufig suchte er in jener Zeit das Grab von John G. Lake auf. Pierce berichtet: „Es hatte mit dem Heiligen Geist zu tun und mit der Vollmacht dieses Mannes. Ich wusste, dass diese Kraft dem Leib Christi auch heute noch zur Verfügung steht.“10 Schließlich kam Pierce zu der Überzeugung, er solle die Healing Rooms wieder eröffnen. „Zu seiner großen Verwunderung entdeckte Pierce, dass in der dritten Etage des Rookery Buildings in der Innenstadt von Spokane noch Räume frei waren – genau dort, wo Lake von 1914 bis 1920 gedient hatte. Der Dienst von Lake, der vorher Missionar in Afrika gewesen war, ist zeitweise so erfolgreich gewesen, dass Spokane ‚die gesündeste Stadt Amerikas‘ genannt wurde.“11

Auf der Webseite der IAHR trifft man auf einen Bericht, der noch weitere aufschlussreiche Details aus dem Leben von Pierce ans Licht bringt.12 Pierce berichtet, wie er und seine Frau Michelle in Redding, Kalifornien, aufwuchsen und die dortige charismatische Gemeinde Bethel Assembly of God Church besuchten. Pierce war Ältester und Vorstandsmitglied der Gemeinde. Sein Glaubensleben beschrieb er als langweilig, bis zu jenem Ereignis im Jahre 1996, als Pierce durch die „Kraft Gottes“ eine Veränderung erfuhr. Nach dieser besonderen Erfahrung begann Pierce die Erweckungsgeschichte zu studieren und stieß dabei auf den Heilungsdienst von John G. Lake.

Fasziniert von John G. Lakes Dienst begab sich Pierce zusammen mit seiner Frau nach Spokane und begann 1998 jeden Monat am Grab von John G. Lake um die Führung Gottes zu beten. Im Februar 1999 fastete er sogar 40 Tage und betete weiterhin regelmäßig am Grab Lakes, bis Gott angeblich zu ihm sprach: „Es gibt eine Zeit fürs Gebet und eine Zeit für den Aufbruch.“ Für Pierce stand zweifelsohne fest, dass es der Wille Gottes war, die alten „Heilungsquellen“ in Spokane wieder auszugraben. Pierce entschloss sich, Fürbitter um sich zu sammeln und Heilungsteams zu trainieren. Nach über 80 Jahren weihte Cal Pierce am 22. Juli 1999 seine ersten Healing Rooms ein.

Während auf den Internetseiten der weltweiten Healing Rooms der Eindruck entsteht, dass Cal Pierce seinen Heilungsdienst am vermeintlich selben Ort und im vermeintlich selben Haus in Spokane, wo John G. Lake die ersten Healing Rooms eröffnet hatte, anknüpfte, stellt Pierce allerdings auf seiner Webseite in Q&A (Fragen und Antworten) klar, dass er zunächst irrtümlicherweise davon ausging, dass es sich um die gleichen Räume handelte, die schon John G. Lake genutzt hatte. Später stellte sich heraus, dass das ursprüngliche Gebäude abgebrannt war. Pierce korrigierte daraufhin die Angaben auf seiner Webseite.

Welches besondere Erlebnis war für Cal Pierce so ausschlaggebend gewesen, dass er alles hinter sich ließ, um in Spokane erneut Healing Rooms ins Leben zu rufen? Auf der Internetseite der Healing Rooms Australien trifft man auf einen persönlichen Bericht von Cal Pierce über jenes Erlebnis in seiner Pfingstgemeinde, das sein Leben veränderte. Bill Johnson war in jener Zeit im Jahre 1996 der Hauptpastor der Gemeinde von Pierce. Es war die Zeit, in der der sogenannte „Toronto-Segen“, eine hypercharismatische „Erweckung“ mit Umfallen, lautem Schreien, Zucken, Schütteln, usw., in vollem Gange war. Der Extremcharismatiker Bill Johnson hatte bereits Versammlungen in der charismatischen Vineyard Gemeinde in Redding gehalten und war überzeugt, dass es an der Zeit war, dass nun auch seine eigene Gemeinde in den Genuss des „Toronto-Segens“ kommen sollte. Der Gottesdienst begann recht unspektakulär. Bill Johnson erhob sich, streckte seine Hände aus und sagte: „Komm, Heiliger Geist.“ Das waren die letzten Worte, an die sich Pierce erinnert. Pierce berichtet: „Wir standen da und plötzlich fühlte ich etwas, das sich wie Feuer Gottes anfühlte, das langsam Welle für Welle durch meinen Körper fließt. Es war, als ob der Boden aus Stahl sei und meine Schuhe Magneten gewesen wären, denn ich konnte mich nicht bewegen… Schließlich zog mich meine Frau am Ärmel und sagte: ‚Liebling, die Versammlung ist zu Ende. Lass uns nach Hause gehen!‘ Ich habe nicht die geringste Ahnung, um was es in der Versammlung ging, aber ich weiß, um was es für mich ging.“13

Oft wurde Cal Pierce gefragt, was es denn damit auf sich hatte, dass er damals über Monate regelmäßig am Grab von John G. Lake betete. Auf seiner Internetseite beantwortet er diese Frage folgendermaßen: „Bevor Gott mich und Michelle nach Spokane sandte, habe ich alles über das Leben von John G. Lake und die machtvolle Arbeit in den Healing Rooms gelesen. Ich ging zur Grabstätte, um eine Verbindung zu der Vision und der historischen Arbeit herzustellen, die in den Heilungsräumen in Spokane stattgefunden hatte. Durch den Besuch des Grabes hat mir der Herr sehr klar gezeigt, dass diese neue Bewegung der Healing Rooms nichts mit der Vergangenheit oder John G. Lake zu tun haben würde. Es sollte sich alles um den Heiligen Geist drehen und darum, was Er jetzt und in Zukunft tun würde … Das Wichtige daran ist nicht, ob ich am Anfang das Grab besucht habe oder nicht, sondern es geht um die Aktivierung der Healing Rooms und um die veränderten Leben, die man überall auf der Welt sehen kann.“14

Die Webseite des Verlags Glory World Medien, der das Buch von Cal Pierce verlegt, erläutert: „Die Vision von Cal Pierce und seinen Mitarbeitern ist es, den Dienst der Heilungsräume weltweit zu verbreiten. In diesem Buch erzählt Cal die packende Geschichte, wie es zur Wiedereröffnung der Heilungsräume von John G. Lake kam. Er vermittelt gleichzeitig die Vision für solche Heilungsräume weltweit.“15 Der Charismatiker Jim Goll, der Cal Pierce und seinen Dienst wärmstens empfiehlt, schwärmt: „Dadurch dass der Brunnen der heilenden Gegenwart Gottes wieder ausgegraben wurde, öffnete sich eine strategische Türe, die das Wirken des Geistes Gottes weltweit beeinflussen wird. Es wird ein reiner Strom von Zeichen und Wundern werden, der den Herrn Jesus Christus verherrlichen wird.“16

Organisationelle Strukturen der Healing Rooms

    Cal Pierce ist Direktor des International Association of Healing Rooms (IHAR), und seine Frau Michelle steht der Organisation als Co-Direktorin vor. Das Ehepaar Pierce reist um die ganze Welt, um den Dienst der Healing Rooms von neuem bekannt zu machen, und sie ermutigen andere, neue Healing Rooms zu gründen. Cal Pierce ist außerdem ein Mitglied der International Coalition of Apostels (ICA), einer charismatischen Organisation endzeitlicher Apostel.17

Der Dienst von Cal Pierce und seiner Frau Michelle ist international und überkonfessionell. So ist es nicht verwunderlich, dass der Gedanke der Healing Rooms auch in Deutschland wieder Fuß fassen konnte. Aus dem Bericht Heilungsräume in Deutschland von Gerhard Bially geht hervor, dass die christlichen Gemeinden und Werke schon für die Entstehung von Heilungsräumen vorbereitet waren.18

Auf der Internetseite der Healing Rooms Hannover heißt es: „Die erste Nationale Heilungskonferenz fand im Oktober 2002 mit Monika Flach, Utta und Christoph Häselbarth (Josua-Dienst Strittmatt), Andreas Herrmann (CZ Wiesbaden), Bud und Elaine Bonn (Healingrooms Minnesota) sowie Cal Pierce (Healingrooms Spokane) als Gastsprechern statt. Ziel der Konferenz war es, die unterschiedlichen „Salbungen“ und „Konzepte von Heilung und Heilungsdiensten“ zu einer gemeinsamen, gebündelten Kraft zusammenzubringen, damit die Heilungssalbung und Heilungen in Deutschland in einer neuen Dimension freigesetzt würden. Die Healing Rooms sollten sich in Deutschland multiplizieren und zunehmend Gebetsteams im ganzen Land entstehen.

Begeistert wird seitdem von der Gründung einiger neuer Healingrooms berichtet, sowie mehr und mehr Heilungsgebetsteams in vielen verschiedenen Orten und Gemeinden. Viele weitere Heilungskonferenzen hat es in den letzten 2 Jahren in Deutschland gegeben – Heilungen sind keine Ausnahme mehr in unserem Land!“19 Und auf der Webseite der Healing Rooms Deutschland ist zu lesen: „Sie [die Teilnehmer] konnten erleben, wie durch das Wort Gottes Glaube für Heilung und göttliches Wohlergehen genährt wurde. Außerdem manifestierten sich immer wieder die Gegenwart Gottes und die Kraft des Heiligen Geistes in Heilung und Befreiung… Als die Aufforderung erging, sich in Reihen aufzustellen, hielten wir immer einen Abstand von zwei Metern zwischen den Reihen. Die Piercens und alle anderen amerikanischen Helfer gingen nun durch die Reihen, sprachen den Heiligen Geist zu … ‚more power, more power‘ … Für mich geschah Eigentümliches, da ich so etwas zum ersten Mal miterlebte: Viele in den Reihen vor mir gingen einfach zu Boden. Helfer („Catcher“) standen hinter den Einzelnen und passten auf, dass sie sich nicht wehtaten. Sie fingen sie also auf, wenn sie zu Boden gingen, halfen ihnen, sich hinzulegen, etliche lachten ungehemmt und ununterbrochen, andere ruhten einfach. Für die Reihe, in der ich stand, war es eigentümlich, dass nur sehr wenig von diesen äußerlich erkennbaren Zeichen zu verspüren war. Neben mir stand eine Schwerinerin. Ob wir Norddeutsche uns da besonders schwer tun? Sehnsucht war da, aber dies scheint noch nicht zu genügen – oder die Power war noch nicht ‚more‘ genug. Viele waren jedoch ergriffen“, so Pfarrer Joachim Anders, Pilgerherberge Kloster Tempzin.20

Der Besuch von Cal Pierce und seiner Frau in Deutschland war die Initialzündung für die Gründung der Healing Rooms Deutschland. 2003 gründeten die Ehepaare Rolf und Erika Keusen und Bernd und Martina Hanheiser in Neu-Anspach den ersten Healing Room. Es folgen im Januar 2004 Augsburg unter der Leitung des Arztehepaares Schürenberg sowie der Healing Room Hanau, gegründet von Helmut und Doris Schank.

Die Zeitschrift Charisma berichtete: „… Cal Pierce, der Gründer und Leiter der International Association of Healing Rooms, kam Anfang Mai wieder nach Deutschland. Diesmal mit Ehefrau Michelle und deren „geistlicher Mutter“. Pierce hatte im Oktober 2002 auf der ‚Nationalen Heilungskonferenz‘ in Hannover und im Jesus-Haus Düsseldorf erste Anstöße zur Eröffnung von Healing Rooms (Heilungsräumen) in Deutschland gegeben. Bernd Hanheiser und seine Frau Martina waren die Pioniere, die – als deutscher Zweig der International Association of Healing Rooms einen Ort der Heilung in (Neuanspach) Neu-Anspach im Taunus errichteten. Nach einer Charisma-Studienreise zu Healing Rooms in den USA folgten Augsburg, Düsseldorf und Hanau.“21

    In Deutschland entstanden zwei Dachverbände mit identischer Ausrichtung:

  1. Die International Association of Healing Rooms (IAHR), der internationale Verband mit Sitz in Spokane unter Leitung von Cal Pierce sowie dem Ehepaar Schürenberg in Augsburg als Deutschlandleiter
  2. Healing Rooms Deutschland e.V. (HRD) unter Leitung des Ehepaars Hanheiser in Neu-Anspach

Einzelne Healing Rooms gehören keinem Verband an (darunter Hanau, Leitung: Ehepaar Schank). Da sich beide Verbände inhaltlich nicht unterscheiden, erhält man Informationen über eine gemeinsame Internetseite, welche einen Überblick über die Standorte der Heilungsräume in Deutschland von der IAHR (7 Orte) und der HRD (12 Orte) vermittelt.22

Darüber hinaus bieten mittlerweile jedoch deutschlandweit viele Gemeinden und Kirchen eigene Heilungsräume an, die keinen Anschluss an diesen Dachverband haben.

Schon vor der Gründung der IAHR durch Cal Pierce existierten die John G. Lake Ministries (JGLM) und der International Apostolic Council (IAC), zwei Dienste, welche direkt auf John G. Lake selbst und seine Nachfahren zurückgingen. Bis 1987 leitete Wilford Reidt, Schwiegersohn von John G. Lake, den IAC sowie JGLM mit Sitz in Edgewater, Colorado. Nach dessen Tod übernahm Curry Blake diesen Dienst. Es existiert eine Prophetie von John G. Lake, die ein Jahr vor seinem Tod ausgesprochen wurde und seinen Nachfolger betraf. Reidt und seine Frau Gertrude glaubten, dass Curry Blake dieser junge Mann sei, auf welchen die Prophetie Lakes zutraf, und so übernahm Blake die Leitung des IAC und JGLM.23 Auch Curry Blake gründete weltweit viele Healing Rooms und ist außerdem der Präsident von The International Divine Healing Association (IDHA) und des Divine Healing Institute (DHI). Seit 1997 werden in Dallas, Texas, am Divine Bible Institute (DBI), das dem JGLM angeschlossen ist,24 nach dem Handbuch von John G. Lake sogenannte „divine healing technicians“ (göttliche Heilungstechniker) ausgebildet. Blake wurde im Jahre 1997 eine Kopie des alten Handbuchs von John G. Lake ausgehändigt, woraufhin er von diesem Zeitpunkt an begann, die Ausbildung der „Heilungstechniker“ nach Lakes eigenen Vorgaben auszurichten.25

Zwischen den Diensten von Cal Pierce und Curry Blake gibt es keinerlei Verbindung. Im Gegenteil! Während beide Dienste für sich beanspruchen, in den Fußstapfen von John G. Lake zu wandeln und seine Vision zu vollenden, betont man auf Curry Blakes Webseite, John G. Lake Ministries, dass keine Verbindungen zu den von Cal Pierce gegründeten Healing Rooms in Spokane bestünden und dass dieser ferner nicht mit dem Material von John G. Lake über göttliche Heilung arbeite.

Theologische Bewertung

Über die unter Pfingstlern und Charismatikern weitverbreitete Auffassung, dass am Kreuz nicht nur alle Sünden, sondern auch alle Krankheiten getilgt wurden, schreibt Funkschmidt: „Diese Auslegung ist eine ausgesprochene Engführung.“26 Obgleich die Bibel das Gebet für Kranke durchaus kennt und verordnet wie beispielweise in Jakobus 5, ist ein Heilungsdienst nicht als zentrale Mission der Gemeinde Christi im Neuen Testament erkennbar. Einen Heilungsdienst in Form von Healing Rooms zu institutionalisieren, ist demnach nicht schriftgemäß.

Funkschmidts zutreffender Befund, der sich auf Kleinschriften, Gespräche und Beobachtungen aus der Praxis der Healing Rooms stützt, macht deutlich, dass die grundlegenden Lehrüberzeugungen dieser neocharismatischen Bewegung eine durchaus wichtige Rolle bei den Heilungstechniken spielen. Diesen Techniken liegt ein falsches Verständnis vom Glauben zugrunde, das auch die Wort-des-Glaubens-Bewegung charakterisiert und das mittlerweile für viele pfingstlich-charismatische Kreise prägend ist.

Die Wort-des-Glaubens-Bewegung ist eine pfingstliche Strömung, die durch den US-amerikanischen Heilungsprediger Kenneth Hagin (1917-2003) sehr erfolgreich über die USA hinaus weltweit Verbreitung fand. Eine Grundannahme des „Wohlstandsevangeliums“, wie die Wort-des-Glaubens-Lehre auch bezeichnet wird, ist die irreführende Überzeugung, ein Christ könne durch im Glauben ausgesprochene Proklamationen Reichtum, Heilung und Wohlergehen erfahren. Diese Aussage verneint nicht nur die Theologie des Kreuzes, sondern sie widerspricht der Botschaft des Evangeliums (z.B. Lk 9,23-25). Die Lehre, man müsse seinen Glauben mit dem rechten, positiven Bekenntnis verbinden, damit der unsichtbare Segen in der physischen Welt Realität annimmt, hat enorme Popularität erreicht und liegt auch den Healing Rooms mehr oder weniger ausgeprägt zugrunde. Im Falle der Krankheit gilt es „im Glauben“ die Heilung zu „proklamieren“, um die gewünschten Resultate zu erbringen. Die Heilung gilt somit als nahezu gesichert, und bleibt der Patient krank, unterstellt man ihm mangelnden Glauben oder gar eine verborgene Sünde, die es zu bekennen gilt.

Die Evangelical Alliance Commission on Unity and Truth among Evangelicals ACUTE (Kommission der Evangelischen Allianz zu Einheit und Wahrheit unter Evangelikalen) hat sich Anfang der 1990er Jahre mit den fragwürdigen Lehren und Praktiken der Wort-des-Glaubens-Bewegung auseinandergesetzt. Vierundfünfzig evangelikale Leiter, darunter auch Pfingstler und Charismatiker, diskutierten die Exzesse und zweifelhafte Theologie dieser Glaubensrichtung. Andrew Perriman fasste die Ergebnisse der theologischen Untersuchungen im Jahre 2003 in einem Buch mit dem Titel Faith, Health and Prosperity (Glaube, Heilung und Wohlstand) zusammen27 und schlussfolgert: „Die Lehre der Wort-des-Glaubens-Bewegung hat sich als nachweisbar schädlich für ein gesundes Christenleben erwiesen.“28

Da seelsorgerliche Gespräche bei den Healing Rooms nicht ausbleiben, ist davon auszugehen, dass eine zumindest teilweise von der Wort-des-Glaubens-Lehre beeinflusste einseitige Theologie von vielen Hilfesuchenden angenommen wird. Fatal ist eine solche unreflektierte Übernahme unbiblischer Lehren, wenn sie von einer psychosomatischen Besserung der Beschwerden begleitet ist, weil der Hilfesuchende dann zu der irrigen Überzeugung kommen kann, es gehe ihm besser, weil die Lehre richtig und folglich biblisch begründet sei. Niemand streitet ab, dass Empathie in Form von Gebet und Hinwendung zu einer Person durchaus wohltun und Symptome lindern kann. Dies hat allerdings nichts mit einer Heilung im Sinne eines biblischen Wunders zu tun.

Ferner trifft man bei den Healing Rooms auch auf die Experten des sogenannten „Befreiungsdienstes“ wie beispielsweise Christoph Häselbarth. Die Lehre des Befreiungsdienstes sieht einen Zusammenhang zwischen dämonischer Belastung und Krankheit. In der Praxis werden dem Hilfesuchenden je nach „Führung“ dämonische Mächte ausgetrieben, Flüche werden gebrochen oder Vorfahrenschuld erkannt und „gelöst“. Diese unbiblische Praxis übersieht, dass Jesus Christus am Kreuz von Golgatha „die Herrschaften und Gewalten [dämonische Mächte] entwaffnet hat und sie öffentlich an den Pranger stellte und an demselben über sie triumphierte“ (Kol 2,15).

Funkschmidt weist begründet darauf hin, dass „das Verhältnis der Healing Rooms zur Bibel eigentümlich“ ist.29 Die Verheißungen der Schrift werden ohne gründliche Auslegung und ohne die Beachtung des Kontextes so gedeutet, dass der Mensch Gottes Wort fast in einer magischen Weise für sich einsetzen kann, um die gewünschte Heilung zu erfahren. Funkschmidt erläutert ferner: „In der Broschüre ‚Liebesbrief vom Vater‘ des Healing Rooms Hanau (2009) werden ca. 60 kurze Satzteile zu einem fortlaufenden Text Gottes an den Leser zusammengefügt. Jeder dieser Satzfetzen wird mit einer Stellenangabe ergänzt. Beim Nachschlagen wird klar, dass es keine Zitate aus der Bibel sind, sondern Paraphrasen und Assoziationen. So steht unter den vier Worten ‚Du bist kein Fehler … ‚ als Stellenangabe ‚Psalm 139,14‘. Das Original jedoch lautet: ‚Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.‘ Das Verfahren ist irreführend, denn der Leser nimmt an, echte Zitate vor sich zu haben.“30 Funkschmidt ist zuzustimmen, dass ein solches Schriftverständnis „unprotestantisch“ ist – und im Grunde ist es auch „unevangelikal“.

Funkschmidt kommt in seinem überwiegend kritischen Artikel zu dem Schluss, dass die Heilungsangebote der Healing Rooms als Krankenseelsorge unter Vorbehalt positiv einzuschätzen sind. „Healing Rooms bieten vielmehr jedem Kranken eine intensive persönliche Zuwendung, die seine Sehnsucht nach Heilung absolut ernst nimmt. Mehrere Personen sind bereit, beliebig oft ausführlich und eindringlich unter Handauflegung für mich zu beten! Und zwar explizit um Heilung, nicht nur um Kraft zum Ertragen der Krankheit.“31 Doch kann – oder sollte – eine solche „intensive persönliche Zuwendung“ nicht gerade auf der Grundlage biblischer Wahrheit geschehen?

Fazit

Wie die geschichtliche Einführung gezeigt hat, gehen die Healing Rooms auf den frühen Pfingstler John G. Lake zurück. Die Pfingstbewegung hat von Anfang an die charismatischen Gaben des Zungenredens und der Heilung nicht nur überbetont, sondern überbewertet. Wie nicht nur die jüngsten Nachforschungen über den Heilungsevangelisten Todd Bentley in der „Lakeland Erweckung“ gezeigt haben, sondern auch alle Recherchen der letzten Jahrzehnte über die sogenannten „Heilungsprediger“, entsprachen die unzähligen vollmundigen Ankündigungen göttlicher Heilungen oder sogar Totenauferweckungen ausnahmslos nicht der Realität. Sobald die angeblichen „Heilungen“ nüchtern und objektiv erfasst und untersucht wurden, verflüchtigen sie sich in die Welt der Phantasie.

Im Falle Todd Bentleys schrieb der Reporter des Magazins WORLD Warren Cole Smith, der die „Heilungen“ des Todd Bentley dokumentieren wollte, nahezu ein Jahr nach der sogenannten Lakeland-Erweckung mit ihren angeblich unzähligen Heilungen in einem Artikel im Mai 2009: „Ist es überhaupt von Bedeutung, dass weniger als ein Jahr nach dem Ende der Lakeland-Erweckung zwei der dreizehn ‚geheilten‘ Personen einer Liste, die von Bentleys Dienst selbst übergeben wurde, tot sind und dass die meisten Heilungen der anderen Personen äußerst unglaubwürdig sind?“32

Über die „Heilungen“ des Heilungspredigers Morris Cerullo im Jahre 1993 kam nicht nur der britische Doku-Kanal Heart of the Matter (HOTM), sondern auch andere britische Tageszeitungen nach ihren Recherchen zu dem Schluss, dass die Vorstellung von übernatürlichen, göttlichen Wundern durchweg in den Bereich der Phantasterei gehören und Cerullos Aussagen als nicht vertrauenswürdig und unwahr zu betrachten sind. Cerullo wollte dieses niederschmetternde Ergebnis mit einem Symposium widerlegen. Roland Howard schreibt über die damaligen Vorgänge in seinem Buch Charismania:

„Dieses ‚Symposium’, welches später zu einer Heilungsveranstaltung mutierte, fand im Juli 1993 statt. Cerullo ließ verlauten, dass 450 Ärzte und Leiter anwesend waren, aber verschwieg, dass es sich lediglich um sechs oder sieben Ärzte unter den 450 Anwesenden handelte und dass jene Ärzte, die sich kritisch über Cerullo geäußert hatten, nicht eingeladen worden waren. Tatsächlich wurde vor dem Symposium ein ärztlicher Ausschuss gebildet, um die angeblichen Wunderheilungen aus dem Jahre 1992 näher zu betrachten. Indes wurden – so Dr. med. M. J. Soole, ein Mitglied dieses Ausschusses – lediglich drei Heilungen detailliert diskutiert, und es gab eine Reihe von Problemen, um eine ‚unwiderlegbare Dokumentation’ der angeblichen Heilungen zu erstellen.“33

Doch noch einmal zurück zu den Anfängen der Heilungsräume in Spokane. Es wurde von Seiten der Anhänger der Heilungsräume immer wieder auf die Behauptung hingewiesen, dass die Stadt Spokane in der Zeit von 1915-1920 laut offiziellen Regierungskreisen die „gesündeste Stadt Amerikas“ gewesen sei und dass es ferner an die 100.000 dokumentierte Heilungen gegeben habe. Geht man diesen Aussagen jedoch nach, findet sich in den offiziellen Unterlagen der Stadt Spokane nicht eine einzige Bestätigung für diese Behauptung. Besonders was Heilungen betrifft, ist dies verwunderlich, da ein Tuberkulosekrankenhaus gerade zur Zeit von John G. Lake in Spokane eröffnet wurde und die Tuberkuloserate zur Zeit des Wirkens von John G. Lake auf stabilem Niveau verharrte.

TB war in jener Zeit die dritthäufigste Todesursache und die Statistiken zeigen, verglichen mit dem Rest der USA, keine signifikant niedrigeren Werte in Spokane. Auch finden sich in den Unterlagen der Stadt Spokane keine Hinweise darauf, dass diese Stadt die „gesündeste Stadt der USA“ gewesen sein soll, wie von den Vertretern der Healing Rooms immer wieder beteuert wird. Wäre es für eine Einrichtung wie die der Healing Rooms nicht von entscheidender Bedeutung gewesen, ihre Behauptungen dokumentieren zu können? Schließlich sollten von 100.000 angeblichen Heilungen zumindest so viele beschrieben und bestätigt worden sein, dass es ein Leichtes wäre, dieses wundersame Wirken Gottes zu beweisen. Doch weit gefehlt, es bleibt bei dem Mythos, an dem verblendete Charismatiker beharrlich festhalten.34

Dies offenbart das grundlegende Problem vieler Pfingstler und Charismatiker, die moderaten Vertreter ausgenommen. Von einer Theologie fehlgeleitet, die Zeichen und Wunder in den Mittelpunkt rückt, geraten sie unter einen Geist, der sie die Wahrheit nicht mehr wahrnehmen lässt. Roland Howard kommt zu dem Schluss: „Es ist erstaunlich, wie die Teilnehmer von Heilungsveranstaltungen ihren Kopf in den Sand stecken, und es ist ebenso bemerkenswert, was für trügerische und irreführende Behauptungen bezüglich Wunderheilungen aufgestellt werden.“35

Dieser trügerische und irreführende Geist der Schwärmerei wirkte in John G. Lake. Er wirkt in Cal Pierce und Curry Blake. Er wirkt in Todd Bentley, Morris Cerullo und John Arnott. Und er wirkt in unzähligen leichtgläubigen Christen, die über kein Unterscheidungsvermögen mehr verfügen und die sich diesem verführerischen Geist geöffnet haben.

Es muss außerdem zu denken geben, wenn Cal Pierce berichtet, wie er am Grabe von John G. Lake um Führung Gottes betete. Fast könnte man den Eindruck bekommen, Pierce wollte auf irgendeine Weise in Kontakt mit dem Geist John G. Lakes kommen, um dessen „Salbung“ für seinen Dienst zu empfangen. Ein solches Vorgehen, das an die Kontaktaufnahme mit Toten erinnert, was in der Bibel übrigens strengstens untersagt ist, wurde mehrfach von charismatischen Heilungsevangelisten berichtet. Auch der sehr bekannte Heilungsprediger Benny Hinn betete am Grab der umstrittenen charismatischen Heilungsevangelistin Kathrin Kuhlman (1907-1976).36 Hinn berichtete, wie er am Grab von Aimee Semple McPherson seine besondere Kraftausrüstung empfing. „Ich fühlte eine unglaubliche Salbung… Ich zitterte am ganzen Leib… zitterte unter der Kraft Gottes…’ Oh Gott’ sagte ich, Ich fühle die Salbung…Ich glaube, die Salbung schwebte über Aimees Körper.“37 Hier ist die Nähe zum Spiritismus nur allzu offenkundig.

Legt man die Maßstäbe der Schrift an die Theologie der Healing Rooms an, muss man zu dem Schluss kommen, dass diese Bewegung schwerwiegende Defizite aufweist. Funkschmidts gründliche Recherche und überaus zutreffende Beurteilung kann der Autor des vorliegenden Artikels in jeder Beziehung bestätigen als jemand, der die pfingstlich-charismatische Bewegung seit nunmehr fast drei Jahrzehnten intensiv studiert und in Theorie und Praxis kennengelernt hat. Die wichtigsten Kritikpunkte an der Theologie der Healing Rooms werden in den folgenden Punkten zusammengefasst. Die Theologie der Healing Rooms

  • verengt ihre Lehre zu sehr auf Heilung
  • wirkt vorwiegend gemeindeunabhängig und verkennt damit den hohen Stellenwert der

Gemeinde und Gemeinschaft der Gläubigen

  • vermittelt einseitig den Eindruck, nur Heilung könne die rechte Antwort

auf Krankheit und Leid sein

  • propagiert ein falsches Glaubensverständnis
  • bedient sich der unbiblischen Praxis des Befreiungsdienstes (Exorzismus)
  • ermangelt einer gründlichen Auslegung der Schrift
  • stellt menschliche Leistung (positives Denken, Bekennen) in den

Vordergrund

  • weist Tendenz zu generellen Heilungsversprechungen auf

Angesichts der Lehre und des Geistes, die die Healing Rooms charakterisieren, kann man die Healing Rooms nicht bedenkenlos empfehlen, auch wenn die intensive seelsorgerliche Zuwendung am Kranken als positiver Aspekt zu werten ist. Um tatsächliche Heilungen unter Beweis zu stellen, wäre es geboten, eine lückenlose und wissenschaftlich haltbare Dokumentation von Heilungen einzufordern, die von unabhängigen Medizinern bestätigt werden kann.

Die mit den Healing Rooms verbundenen Lehren sind aus Sicht des Verfassers ein Teil der endzeitlichen Verführung durch falsche Apostel und Propheten, die ein anderes Evangelium verkünden. Der Apostel Paulus mahnte die Korinther vor fast 2000 Jahren: „Denn wenn der, welcher [zu euch] kommt, einen anderen Jesus verkündigt, den wir nicht verkündigt haben, oder wenn ihr einen anderen Geist empfangt, den ihr nicht empfangen habt, oder ein anderes Evangelium, das ihr nicht angenommen habt, so habt ihr das gut ertragen“ (2Korinther 11,4). Darum gilt es, allen anderen Geistern zu widerstehen, damit nicht ein anderer Jesus und ein anderes Evangelium – ganz gleich wie scheinbar attraktiv, vollmächtig, verlockend und vielversprechend dieses sich nach außen präsentiert – zur Leitlinie des Handelns in der christlichen Nachfolge wird und letztlich zu einem Abirren von der gesunden Lehre der Apostel führt.

 

Anmerkungen

1 idea-Meldung, Was ist von „Heilungsräumen“ zu halten? 4.4.2012.

2 – 6 Ebd.

7 International Dictionary of Pentecostal And Charismatic Movements, Zondervan, 2003, S. 439.

8 Gordon Lindsay brachte die Zeitschrift Voice of Healing heraus, in welcher viele „Heilungszeugnisse“ veröffentlicht wurden und die Termine der damals populären Heilungsprediger bekannt gegeben wurden. Lindsay war von 1948 – 1949 der Organisator für die Versammlungen des umstrittenen Heilers William Branham. Im Jahre 1970 gründete Lindsay die Bibelschule Christ for the Nations, aus welcher das charismatische Glaubenszentrum Bad Gandersheim hervorging.

9 Andy Butcher, Heilungsdienst öffnet nach 80 Jahren wieder seine Pforten. In Charisma News Service, 6. November 2000. URL: http://www.gloryworld.de/pdf/Leseprobe%20Cal%20Pierce%20-%20Eine%20Vision%20fuer%20Heilungsraeume.pdf.

10 Cal Pierce, Eine Vision für Heilungsräume, Glory World Medien, 2011, S.18.

URL: http://www.gloryworld.de/pierce/pierce_kap1.htm.

11 Ebd., S.18.

12 URL: http://healingrooms.com/index.php?page_id=425.

13 URL: http://www.healingrooms.com.au/hra-history/healing-rooms-history.

14 URL: https://healingrooms.com/index.php?src=content&cid=33&display_answer=0&number=6#6.

15 URL: https://www.ssl-id.de/shopde.gloryworld.de/pi12/pd25.htm.

16 Ebd.

17 URL: http://healingrooms.com/index.php?page_id=425.

18 20. – 22. September 2002: Fachkonferenz „Heilung und Befreiung“ in Essen-Altendorf, organisiert vom Arbeitskreis Gemeinde und Charisma im „Bund evangelisch-freikirchlicher Gemeinden“ (eine baptistische Erneuerungsbewegung). Teilnehmer der Konferenz waren neben Pastoren auch Mediziner sowie Mitarbeiter aus verschiedenen christlichen Gemeinden. Konferenzleiter war Dr. Heinrich-Christian Rust. Als Hauptredner war der katholische Heilungspionier Dr. Francis MacNutt eingeladen. Weitere Redner waren: Judith MacNutt, Psychologin (Christian Healing Ministries); Dr. Jerry Mungadze, Theologe und Psychologe mit Fachgebiet Multiple Persönlichkeitsstörungen, Schwerpunkt Unterscheidung von psychischen Erkrankungen und Dämonisierung; Maria Prean, Leiterin des Missionswerkes „Leben in Jesus Christus“ (Heilungsdienst, Umgang mit Leid und Sterben); 3. November 2002: Cal und Michelle Pierce hielten sich erstmals in Deutschland auf, um ihre Vision der Heilungsräume vorzustellen. Sie sprachen auf der Nationalen Heilungskonferenz in Hannover (23. – 26. Oktober 2002) sowie Ende Oktober auf Seminartagen im Jesus-Haus Düsseldorf. URL: http://www.healingrooms.de/presse/healing_rooms_in_deutschland.html.

19 URL: http://www.heilungsraeume-hannover.de/pages/berichte.html.

20 URL: http://www.healingrooms.de/presse/healing_rooms_in_deutschland.html.

21 Charisma, Juli/September 2006, S.10 URL: http://www.charisma-magazin.eu/charismapdf/Charisma137.pdf.

22 URL: (http://www.healingrooms.de/ wird neu eingerichtet.) URL: https://healingrooms-deutschland.org/index.php/de/ – hier ist eine Deutschlandkarte mit Orten, an denen es Heilungsräume gibt.

23 URL: http://www.jglm.org/index.php?option=com_content&view=article&id=122:prophecy-from-john-g-lake&catid=47:jglm-resources&Itemid=91.

24 URL: http://www.jglm.org/index.php?option=com_content&view=article&id=226:general-dbi-information&catid=43:about-ibac&Itemid=106

25 URL: www.jglm.org/.

26 Kai Funkschmidt, „Wir beten zu bestimmten Öffnungszeiten“ – Die neucharismatische Bewegung der „Healing Rooms“. In: Materialdienst 4/12, S.127.

27 Andrew Perriman (Hrsg.), Faith, Health & Prosperity – A Report on »Word of Faith« and »Positive Confession« Theologies by The Evangelical Alliance (UK) Commission on Unity and Truth among Evangelicals, Paternoster Press, Carlisle, Cumbria/UK, 2003.

28 Ebd., S.211.

29 Kai Funkschmidt, „Wir beten zu bestimmten Öffnungszeiten“ – Die neucharismatische Bewegung der „Healing Rooms“. In: Materialdienst 4/12, S.130.

30 Ebd., S.130.

31 Ebd., S.133.

32 Warren Cole Smith, Heal or heel? 23.5.2009. URL: http://www.worldmag.com/articles/15373.

33 Roland Howard, Charismania, Mowbray, London, 1997, S.66.

34 Der apologetische Dienst von let us reason in den USA hat hierzu gründlich recherchiert.

URL: http://www.letusreason.org/Popteach45.htm.

35 Roland Howard, Charismania, Mowbray, London, 1997, S.67.

36 Zu Kathrin Kuhlman siehe: URL: http://www.bibelkreis.ch/Charsimatik%20PDF%20ab%2007.09.02/Kuhlman,%20Kathryn.pdf

37 Christian Information Bureau, Bulletin, Jan. 1992, Vol. 8, Nr. 1, S.2. Info-Bulletin von Dave Hunt.

2021-05-31T06:21:56+02:00