Die Verwendung von 1. Johannes 5,1 als Beweistext

Brian J. Abasciano

Übersetzt von Georg Walter

 

Einleitung

Calvinisten stehen im Widerspruch zu Arminianern und den meisten anderen nichtcalvinistischen Evangelikalen, was die zeitliche Aufeinanderfolge von Glaube und Wiedergeburt im Heilsgeschehen angeht. Sie argumentieren, die Wiedergeburt gehe dem Glauben voraus (zumindest logisch). Eine Reihe von Calvinisten hat sich auf die griechische Grammatik von 1Johannes 5,1 als gewichtige Bestätigung ihrer Auffassung berufen. Tatsächlich geht John Piper, der dieses grammatikalische Argument heranzieht, so weit, dass er behauptet: „Das ist der klarste Text im Neuen Testament über den Zusammenhang von Glaube und Wiedergeburt.“ Doch das grammatikalische Argument ist völlig unzureichend. Dies ist deshalb von besonderem Interesse, weil der Verweis auf Grammatik den Anschein größerer Objektivität erweckt und folglich das Argument besser erscheinen lässt. Die zur Debatte stehende Frage soll in diesem Artikel abschließend beantwortet werden. Zweck dieses Artikels ist es, (1) auf die Unhaltbarkeit des Arguments hinzuweisen und zu erklären, warum es haltlos ist, und (2) ein damit verbundenes Argument, das sich nicht auf die Grammatik stützt, zu entkräften, das die zugrundeliegende Annahme des grammatikalischen Arguments zu unterstützen scheint, nämlich die Annahme, 1Johannes 5,1 beinhalte die Aussage, dass die Wiedergeburt dem Glauben vorausgehe. In diesem Zuge ist es hilfreich, den relevanten Teil des griechischen Textes (1Jo 5,1a) anzuführen: „Πᾶς ὁ πιστεύων ὅτι Ἰησοῦς ἐστιν ὁ Χριστὸς, ἐκ τοῦ θεοῦ γεγέννηται (Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, wurde aus Gott geboren).“

Das grammatikalische Argument für die Wiedergeburt vor dem Glauben in 1Johannes 5,1

Das grammatikalische Argument nimmt Bezug auf die Zeitform des Verbs, die in 1Johannes 5,1 verwendet wird. Zwei grundlegende Argumente werden angeführt. Das erste Argument geht davon aus, dass die Kombination der beiden Zeitformen in diesem Vers beweise, die Wiedergeburt gehe dem Glauben voraus. John Stott greift in seinem Kommentar zum Ersten Johannesbrief auf dieses Argument zurück: “Die Kombination des Präsens (ὁ πιστεύων, ‚glaubt‘) mit dem Perfekt (γεγέννηται, ‚wurde [aus Gott] geboren‘) ist wichtig. Sie zeigt unverkennbar, dass der Glaube die Folge und nicht die Ursache der Wiedergeburt ist. Unsere gegenwärtige, anhaltende Aktivität des Glaubens ist das Ergebnis, und folglich der Beweis unserer zurückliegenden Erfahrung der Wiedergeburt, durch die wir zu Kindern Gottes wurden und es bleiben.“ Das zweite Argument geht auf die unterschiedlichen Zeitformen der Verben (Präsens contra Perfekt) nicht im Einzelnen ein, sondern führt den Indikativ Perfekt des Verbs in 1Johannes 5,1 (γεγέννηται, ‚wurde [aus Gott] geboren‘) als Beweis an, der Akt (der Wiedergeburt) ereigne sich vor dem Glauben, ohne dass das Präsens Partizip (ὁ πιστεύων, ‚glaubt‘) in dem Vers ausdrücklich Erwähnung findet (was letztlich die Handlungsform des Verses anzeigt). Robert Peterson und Michael Williams fassen dieses Argument lapidar mit den Worten zusammen: „Das Verb im Perfekt in 1Johannes 5,1, ‚wurde [aus Gott] geboren‘, zeigt an, dass die Wiedergeburt die Ursache für den Glauben ist.“

Die schwerwiegenden Probleme, die beide Argumente beinhalten, machen diese letztlich unhaltbar. Erstens, eine Reihe heutiger Gräzisten legt dar, dass die griechischen Zeitformen nicht die Zeit einer Handlung (möglicherweise mit Ausnahme des Futurs) zum Ausdruck bringen, sondern ausschließlich den Aspekt einer Handlung. Wenn sie Recht haben, wäre das Argument entkräftet, die Wiedergeburt gehe dem Glauben in 1Johannes 5,1 voraus. Jedenfalls wird diese Auffassung des griechischen Verbs als zeitlos gültig nur von einer Minderheit von Gelehrten vertreten, und ich neige dazu, dem traditionellen Verständnis zu folgen. Der nachfolgende Artikel wurde aus dieser Perspektive verfasst.

Zweitens, das Präsens Partizip πιστεύων (‚glaubt‘) ist ein substantiviertes Partizip, das als Nomen fungiert. Das Zeitelement in substantivierten Partizipien hat die Tendenz, in den Hintergrund zu treten oder vollständig verloren zu gehen. Tatsächlich weisen substantivierte Partizipien im Präsens „einige charakteristische oder gewohnheitsmäßige Handlungen oder Voraussetzungen auf und werden vielfach als Entsprechung für Namen oder Titel verwendet.“ Folglich ist ὁ πιστεύων in 1Johannes 5,1a gewissermaßen annähernd identisch mit „dem Gläubigen“, was die Person als Gläubigen charakterisiert, ohne einen Hinweis darauf, zu welchem Zeitpunkt die Person zu glauben begann. Dies kann unabhängig von jeglichem Zeitaspekt sein, was natürlich das grammatikalische Argument, das in der Kritik steht, als unhaltbar erweist. Möglicherweise beinhaltet die anhaltende Handlung von ὁ πιστεύων (‚glaubt‘) und die konditionale Funktion von πᾶς ὁ πιστεύων (‚jeder, der glaubt‘) eine temporale Beziehung zum Hauptverb γεγέννηται (‚wurde [aus Gott] geboren‘). Sollte dies der Fall sein, ist das grammatikalische Argument, wonach die Wiedergeburt dem Glauben vorausgehe, ebenfalls entkräftet, wenn nicht sogar in einer noch eindeutigeren Form.

Wenn ὁ πιστεύων (‚glaubt‘) und γεγέννηται (‚wurde [aus Gott] geboren‘) in irgendeiner Weise in einer temporalen Beziehung stehen, was gewissermaßen der Fall ist, dann weist die Grammatik darauf hin, dass sich das Glauben und die Wiedergeburt durch Gott gleichzeitig ereignen (oder möglicherweise, dass das Glauben der Wiedergeburt durch Gott vorangeht; siehe unten). Die meisten Gräzisten gehen davon aus, dass das griechische Verb im Indikativ gewöhnlich „absolute Zeit“ oder „unabhängige Zeit“ beschreibt, d. h., Zeit, die zum Zeitrahmen des Autors oder Sprechers, zur Zeit der Niederschrift oder einer Aussage nur einen relativen Bezug aufweist, während Partizipien gewöhnlich auf die Zeit verweisen, die der Zeitform des Hauptverbs entsprechen. Der Perfekt Indikativ beschreibt im Besonderen „ein Ereignis, das in der Vergangenheit vollendet wurde … und Wirkungen aufweist, die bis in die Gegenwart reichen (d. i., in Bezug auf die Zeit des Sprechers), während das Partizip Präsens normalerweise darauf hindeutet, dass sich die Handlung des Partizips gleichzeitig mit der Handlung des Hauptverbs vollzieht. Folglich ist die Grammatik von 1Johannes 5,1a entsprechend ein Hinweis darauf, dass die Handlung des substantivierten Partizips (Glauben) sich gleichzeitig mit der Handlung des Verbs im Perfekt Indikativ (Wiedergeburt und der daraus resultierende Zustand) ereignet, es sei denn, der Glaube würde als etwas beschrieben, das der Wiedergeburt vorausgehe (siehe unten),

Selbst wenn man voraussetzen würde, dass substantivierte Partizipien gemeinhin absolute Zeit zum Ausdruck bringen oder dass dies auch nur gelegentlich der Fall sei und 1Johannes 5,1a einen solchen Fall darstellen würde, bedeutet dies nicht, dass die Zeitform des Partizips und des Hauptverbs aus dem Blickwinkel des Autors so aufeinander bezogen sind, dass das Partizip Präsens, verortet in der Gegenwart des Autors, sich zwingend zeitlich nach dem Perfekt Indikativ ereignen muss, das in Gegenwart oder Vergangenheit des Sprechers verortet ist. Denn das Präsens, das auf die Zeit des Autors/Sprechers bezogen wird, begrenzt die Handlung in der Gegenwartsform nicht auf die Gegenwart des Autors/Sprechers, sondern stellt die Handlung als in der Gegenwart vollzogen dar ohne einen Hinweis darauf, wann die Handlung ihren Anfang nahm oder ob und wann sie zu Ende sein wird. Folglich, ob die Zeitform des Partizip Präsens relativ in Bezug auf das Perfekt Indikativ in 1Johannes 5,1a ist, oder ob sie absolute Zeit zum Ausdruck bringt, ist unerheblich, da die Grammatik des Textes die Reihenfolge von Glaube und Wiedergeburt nicht bestimmt (es sei denn sie deutet darauf hin, dass der Glaube der Wiedergeburt vorausgeht; siehe unten). Somit ist das grammatikalische Argument, die Wiedergeburt gehe dem Glauben voraus, nicht haltbar.

Dies bedeutet jedoch nicht, die Grammatik schließe aus, dass der Glaube der Wiedergeburt oder die Wiedergeburt dem Glauben vorausgehe. Denn, wie Daniel Wallace anmerkt, die Gleichzeitigkeit, die vom Partizip Präsens signalisiert wird, „ist oft ziemlich weit gefasst“ und lässt jedenfalls die Möglichkeit zu, dass sich die Handlung des Verbs demzufolge zeitlich vor dem Hauptverb ereignet, selbst wenn die erwogenen Handlungen chronologisch gleichzeitig ablaufen. Dieser Umstand bedeutet jedoch, dass die Grammatik an sich nicht auf eine zeitliche Abfolge schließen lässt und dass, sofern überhaupt eine zeitliche Abfolge durch den Text zum Ausdruck gebracht wird, der Kontext entscheidend ist und nicht die Grammatik.
Auf der anderen Seite besteht die Möglichkeit, dass die Grammatik tatsächlich darauf hinweist, der Glaube gehe der Wiedergeburt voraus. Ernest DeWitt Burton merkt an, dass mit dem Partizip Präsens „die Handlung des Verbs und die des Partizips den gleichen Zeitaspekt beinhalten können (Markus 16,20), dies aber nicht zwingend so sein müsse. Es ist häufiger der Fall, dass sich die Handlung des Hauptverbs parallel zur Zeit des Partizips ereignet (Apostelgeschichte 10,44).“ Tatsächlich merkt Wallace an, dass sich das Partizip Präsens „weitgehend zeitlich vor dem Hauptverb ereignen kann, insbesondere wenn ein Artikel [substantiviertes Partizip] vorangeht und es folglich attributiv wie ein Adjektiv verwendet wird; (vergl. Markus 6,14; Epheser 2,13).“ Und ein substantiviertes Partizip Präsens ist genau das, was in 1Johannes 5,1a vorliegt.

Ferner habe ich bereits gezeigt, dass die Satzkonstruktion in 1Johannes 5,1a, mit Partizip (‚jeder, der glaubt‘ – πᾶς ὁ πιστεύων) konditionale Funktion aufweist. Der konditionale Sinn in diesem Satz vermittelt den allgemeingültigen Grundgedanken, dass jeder der glaubt, wer es auch sei, aus Gott geboren ist. Da konditionale Gedankengänge meist Ursache und Wirkung aufzeigen zwischen der Protasis [Vordersatz: Ursache, in diesem Fall glauben] und der Apodosis [Hintersatz: Wirkung, in diesem Fall die Wiedergeburt], verstärkt der konditionale Sinn in 1Johannes 5,1a in diesem Fall die Schlussfolgerung, dass die Grammatik in diesem Vers ein Hinweis darauf ist, der Glaube gehe der Wiedergeburt voraus.
Gleichwohl muss sich dies nicht unumstößlich so verhalten. Wallace weist auf den wichtigen Umstand hin, dass Protasis und Apodosis in einem Konditionalsatz auch auf andere Weise in Beziehung stehen können als hinsichtlich von Ursache und Wirkung. Sie können im Besonderen aufeinander bezogen sein im Sinne eines Beweises und eines Rückschlusses (d. i., die Protasis dient als Beweis der Apodosis) oder als semantisch gleichwertige Teile eines Satzes. In unserem Fall ist die Beziehung zwischen Beweis und Rückschluss von Relevanz. Denn es ist nachvollziehbar, dass der Glaube ein Beweis dafür ist, dass eine Person von Gott wiedergeboren wurde. Doch selbst wenn 1Johannes 5,1a ein Konditionalsatz im Sinne von Beweis und Rückschluss wäre, würde die Frage der Reihenfolge von Glaube und Wiedergeburt nicht beantwortet sein, denn der Glaube könnte als Beweis der Wiedergeburt gelten, weil der Glaube sowohl die Wiedergeburt als auch die Wiedergeburt den Glauben bewirken könnte.

Eines der Hauptthemen im Ersten Johannesbrief ist die Heilsgewissheit, und folglich der Beweis der Errettung, des ewigen Lebens, der Zugehörigkeit zu Gott (heilsbringende Sohnschaft/der Status des von Gott Wiedergeborenen), usw. Offensichtlich hatten gewisse Gemeindeglieder, die zu häretischen Lehrüberzeugungen gekommen waren, die christliche Gemeinschaft verlassen und stellten das Vertrauen in die apostolische Lehre der Gemeinschaft und deren Stand als wahre Kinder Gottes in Frage (siehe z. B. 1Johannes 2,18; 3,3; 5,13). Johannes zeigt verschiedene Grundlagen des Heils auf, anhand derer seine Zuhörer wissen können, dass sie, die in der Lehre des Johannes bleiben, wahre Gotteskinder sind und folglich die göttliche Bestätigung und das ewige Leben haben. Die verschiedenen „aus Gott geboren“-Aussagen im Johannesbrief dienen dem Zweck, den Zuhörern des Johannes Gewissheit zu vermitteln, einschließlich 1Johannes 5,1 (siehe auch 2,29; 3,9; 4,7; 5,4; 5,18). Folglich beinhaltet der implizit konditionale Sinn des Verses wahrscheinlich eine Aussage im Sinne von Beweis und Rückschluss.

Dies schließt indessen nicht aus, dass der Satz auch im Sinne von Ursache und Wirkung formuliert wurde. Wie Wallace anmerkt, können sich semantische Kategorien überschneiden. Es ist in der Tat praktisch deutlich ersichtlich, dass die offenkundige Ursache automatisch Beweis für die Wirkung ist. Mit anderen Worten, wenn man weiß, dass A die Ursache für B ist, dann würde die Wahrnehmung von A der Beweis für die Existenz von B sein. Wenn der Glaube die Wiedergeburt nach sich zieht, dann kann man sich sicher sein, dass diejenigen, die glauben, wiedergeboren sind. Alles in allem, in diesem Fall spielen gewissermaßen sowohl Ursache und Wirkung als auch Beweis und Rückschluss eine Rolle, und folglich weist die Grammatik des Verses eher darauf hin, dass der Glaube der Wiedergeburt vorausgeht. Dies bedeutet, die Grammatik von 1Johannes 5,1a an sich ist ein schwacher Hinweis darauf, dass man darüber nachdenken sollte, dass der Glaube der Wiedergeburt vorausgeht. Folglich ist es abwegig zu behaupten, die Grammatik beweise, dass der Glaube vor der Wiedergeburt existierte oder dass die Grammatik dies eindeutig aussagt oder dass sie sogar das Gegenteil ausschließe. Doch eines ist unzweifelhaft: die Grammatik bekräftigt keineswegs, dass der Vers lehrt, die Wiedergeburt gehe dem Glauben voraus.

Dass die Auffassung, die Zeitformen der Verben in 1Johannes 5,1a weisen zwingend darauf hin, dass die Wiedergeburt dem Glauben vorausgehe, ein Fehlurteil ist, wurde ebenso aufgezeigt wie die Tatsache, dass das Partizip Präsens dem Hauptverb folgerichtig zeitlich vorausgehen muss. Dies wird erhärtet, indem man nur neun Verse später 1Johannes 5,10b näher betrachtet, wo die gleiche grundlegende Kombination von Zeitformen Verwendung findet: „Wer Gott nicht glaubt [Partizip Präsens], der hat ihn zum Lügner gemacht [Perfekt Indikativ], weil er nicht an das Zeugnis geglaubt hat [Perfekt Indikativ], das Gott von seinem Sohn abgelegt hat [Perfekt Indikativ]“ (ὁ μὴ πιστεύων τῷ θεῷ ψεύστην πεποίηκεν αὐτόν, ὅτι οὐ πεπίστευκεν εἰς τὴν μαρτυρίαν ἣν μεμαρτύρηκεν ὁ θεὸς περὶ τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ). An dieser Stelle geht das verneinte Partizip, wer Gott nicht glaubt, logischerweise dem Perfekt Indikativ, der hat Gott zum Lügner gemacht, voraus. Zeitlich betrachtet dürften beide Handlungen eng beieinander liegen. Aber es ist eindeutig, dass jemand Gott zum Lügner macht (d.i., Gott als Lügner hinstellt; andeutet, dass Gott ein Lügner sei), indem er nicht glaubt. Der Unglaube ist der Anfangspunkt der Handlung, die Gott zu einem Lügner macht, und der Unglaube bleibt der Begleitumstand dieser Handlung. Der Ungläubige macht Gott zum Lügner als Folge seines Unglaubens. Der nächste Satz bringt diesen logischen Zusammenhang explizit zum Ausdruck: „weil er nicht an das Zeugnis geglaubt hat.“ Johannes 3,18 liefert ein weiteres Beispiel. „… wer aber nicht glaubt [Partizip Präsens], der ist schon gerichtet [Perfekt Indikativ], weil er nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes geglaubt hat [Perfekt Indikativ]“ (ὁ δὲ μὴ πιστεύων ἤδη κέκριται, ὅτι μὴ πεπίστευκεν εἰς τὸ ὄνομα τοῦ μονογενοῦς υἱοῦ τοῦ θεοῦ). Erneut zeigt der Text ausdrücklich, dass die Handlung des Partizip Präsens (wer nicht glaubt) die Ursache für die Handlung des Perfekt Indikativ ist (der ist schon gerichtet). Weitere Beispiele könnten angeführt werden, aber diese sollten ausreichen, um unter Beweis zu stellen, dass 1Johannes 5,1a nicht zwingend belegt, die Wiedergeburt gehe dem Glauben voraus. Tatsächlich kann die Satzkonstruktion, die in diesem Vers Verwendung findet, darauf hindeuten, dass die Handlung des Partizip Präsens [Glauben] gleichsam der Handlung des Perfekt Indikativ [Wiedergeburt] zeitlich vorausgeht.

Wie zuvor erwähnt, die zweite Argumentationsweise, die in der Kritik steht, beruft sich nicht explizit auf die Beziehung zwischen Partizip Präsens und dem Perfekt Indikativ in 1Johannes 5,1a, sondern lediglich auf die Zeitform des Perfekt „wurde [aus Gott] geboren“ (γεγέννηται). Es ist zweifelhaft, ob die Kombination der Zeitformen in 1Johannes 5,1a einen Zusammenhang der zeitlichen Abfolge aufweist. Folgt man dieser Argumentation könnte man meinen, dass es einen besonderen zeitlichen Zusammenhang zwischen Glauben (im Partizip Präsens) und der Wiedergeburt (im Perfekt Indikativ) gibt. Auf der Grundlage obiger Ausführungen, kann die zweite Argumentation als hinfällig betrachtet werden.
Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, sind die grundlegenden grammatikalischen Ausführungen der zweiten Argumentation weiterhin fehlerhaft. Denn, wie zuvor ausgeführt, wenn griechische Verben überhaupt einen Zeitaspekt aufweisen (und ich stimme mit vielen Gelehrten überein, die die Auffassung vertreten, dass dies normalerweise im Indikativ der Fall ist), weisen Verben im Indikativ darauf hin, dass es sich um eine Zeit handelt, die relativ auf die Zeit eines Verfassers/Sprechers bezogen ist, nicht jedoch auf eine Zeit, die auf andere Satzteile einen relativen Bezug haben. Darüber hinaus entkräften Beispiele wie 1Johannes 5,10 b (wie oben diskutiert) in gleicher Weise die zweite Argumentationsweise; sie zeigen, dass diese Argumentation ebenso unhaltbar ist wie die erste. Es mag andere Argumente geben, um 1Johannes 5,1a als Beweis anzuführen, die Wiedergeburt gehe dem Glauben voraus oder sei Ursache des Glaubens, die Bezugnahme auf die Grammatik erweist sich jedoch als haltlos. Es ist völlig unbegründet zu behaupten, die Zeitform des Perfekt in 1Johannes 5,1a weise darauf hin, dass die Wiedergeburt dem Glauben vorausgehe oder dass die Wiedergeburt Ursache für den Glauben sei.

Argumente des Kontextes im Ersten Johannesbrief, die in 1Johannes 5,1 für die Wiedergeburt vor dem Glauben sprechen

Trotz der fehlerhaften Argumentationsweise des grammatikalischen Arguments, das widerlegt wurde, könnte man versuchen, das zugrundeliegende Argument [die Wiedergeburt gehe dem Glauben voraus] aus anderen Schriftstellen im Ersten Johannesbrief abzuleiten, die auf die Auswirkungen der Wiedergeburt hinweisen (2,29; 3,9; 4,7; 5,4; 5,18). Zwei dieser Schriftstellen verwenden die gleiche Satzkonstruktion wie 1Johannes 5,1a, nämlich πᾶς + Partizip Präsens + Perfekt Passiv Indikativ (1Jo 2,29; 4,7), indem das substantivierte Partizip Präsens in gewisser Weise eine Auswirkung der Wiedergeburt darlegt. Dessen ungeachtet spricht gleichwohl nichts dafür, dass in 1Johannes 5,1a die Wiedergeburt Ursache für Glauben ist, und zwar aus einer Reihe von Gründen.
(1) Es ist nicht zutreffend, dass jedes Phänomen, das der Erste Johannesbrief mit der Wiedergeburt verbindet, eine Folge der Wiedergeburt ist, weil der Brief andere Phänomene als Ergebnis der Wiedergeburt auflistet. Es könnte ebenso sein, dass irgendein Phänomen, das mit der Wiedergeburt verbunden ist, tatsächlich Ursache der Wiedergeburt ist oder in überhaupt keiner kausalen Verbindung zu ihr steht.
(2) Das zur Debatte stehende Argument basiert auf dem Kontext. Gleichwohl gibt es einen spezifischen kontextuellen Schlüsselfaktor in allen Schriftstellen, die eine ursächliche Rolle der Wiedergeburt vermuten lassen, die in 1Johannes 5,1a nicht vorhanden ist, nämlich, dass Gott eine bestimmte Eigenschaft aufweist (welche auch immer diese in jedem einzelnen Fall ist), und folglich wird derjenige, der aus ihm [aus Gott] geboren ist – sein Kind –, wie sein Vater sein. Es handelt sich sozusagen um Familienähnlichkeit (vergl. den Spruch „Wie der Vater so der Sohn“). Im Zentrum aller Schriftstellen, die auf die Wiedergeburt als Vermittlung einer Eigenschaft an den Gläubigen hindeuten, steht das Wissen um die ursächliche Ähnlichkeit zwischen dem Vater und seinem Kind. Dies ist nicht der Fall in 1Johannes 5,1a. An dieser Stelle geht es nicht darum, dass der Gläubige wie Gott der Vater ist, indem er an Jesus glaubt. Der Vater glaubt nicht an Christus in der errettenden Weise, wie Menschen es tun.
(3) Wie bereits erwähnt wurde, war das Hauptanliegen des Johannes in seinem Brief in Bezug auf die Wiedergeburt, seinen treuen Lesern Gewissheit zu vermitteln, dass sie tatsächlich aus Gott geboren und somit Kinder Gottes waren und im Besitz des ewigen Lebens. Aus diesem Grund ist die Betonung aller Textstellen, die davon sprechen, dass sie „aus Gott geboren“ sind, ein Beweis ihrer Wiedergeburt; es steht nicht so sehr die ursächliche Natur der Wiedergeburt im Vordergrund. Es wird auf die Auswirkungen der Wiedergeburt als solche hingewiesen, denn, was immer die Wiedergeburt bewirkt, dient automatisch als verlässlicher Beweis für die Wiedergeburt. Die Wiedergeburt schenkt all denen die Gewissheit der Sohnschaft und des ewigen Lebens, die die Eigenschaften innehaben, die durch die Wiedergeburt hervorgebracht werden. Doch wie zuvor bereits erwähnt, die Ursache für die Wiedergeburt dient dem gleichen Zweck. Diese Tatsache wird durch die Zeitform des Perfekt in den Textstellen bekräftigt, die davon sprechen, dass die Empfänger des Briefes „aus Gott geboren sind“, da das Perfekt den gegenwärtigen Zustand der Wiedergeburt des Gläubigen geradezu akzentuiert (resultativer Perfekt). Selbst Vertreter der Argumentationsweise, 1Johannes 5,1 sei ein Beweis dafür, dass die Wiedergeburt dem Glauben vorausgehe, räumen dies ein. Folglich betont die Zeitform des Perfekts in 1Johannes 5,1a das Anliegen des Johannes, den gegenwärtigen Zustand der Gläubigen zu beschreiben und will keinesfalls einen kausalen Zusammenhang zwischen Glaube und Wiedergeburt herstellen.
(4) Unter den anderen Auswirkungen, die im Johannesbrief in Verbindung mit der Wiedergeburt angeführt werden, ist der Glaube relativ einzigartig. Der Glaube wird als etwas beschrieben, was diese anderen Auswirkungen hervorbringt und darüber hinaus noch eine Reihe weiterer. Johannes beschreibt den Glauben als etwas, das Gerechtigkeit, Gehorsam, errettende Gotteserkenntnis, Liebe, Sieg über die Welt und das geistliche Leben hervorbringt. Entscheidend ist vor allem, dass Johannes den Glauben als Instrument darstellt, durch das die Gläubigen das geistliche Leben empfangen (1Johannes 5,10-13; vergl. 2,23-25; 5,20), wovon die Wiedergeburt der Anfang ist. Dies ist ein vorherrschendes Thema in der Theologie des Johannes (Johannes 3,14-16; 3,36; 4,14; 5,24; 5,40; 6,47; 6,51-54; 20,31) wie auch im Neuen Testament im Allgemeinen. Aber sofern geistliches Leben durch Glauben empfangen wird, muss der Glaube logischerweise der Gabe des geistlichen Lebens und folglich der Wiedergeburt vorausgehen, die als Initialgabe des geistlichen Lebens zu betrachten ist. Nach meiner Auffassung erwartete Johannes von seinen Lesern, dass sie mit seiner Lehre vertraut waren: Das geistliche Leben kommt aus dem Glauben zu wissen, dass die Wiedergeburt durch den Glauben gewährt wird, und infolgedessen war 1Johannes 5,1a so zu verstehen, dass Johannes den gläubigen Zuhörern die Gewissheit der Sohnschaft und des ewigen Lebens vor Augen malte, obgleich es nicht die Intention des Johannes war, diesen Aspekt ausdrücklich hervorzuheben.
(5) Johannes 1,12-13 ist in der Theologie des Johannes entscheidend. Dieser Text lehrt, dass der Glaube vor der Wiedergeburt entsteht. Johannes 1,12 weist darauf hin, dass Menschen durch Glauben zu Kindern Gottes werden. Das heißt, indem sie gläubig werden, gibt Gott ihnen das Recht zu werden, was sie nicht waren, als sie noch nicht glaubten – Kinder Gottes. Johannes 1,13 verdeutlicht sodann, dass sie Kinder Gottes werden nicht aufgrund menschlicher Abstammung (das ist die Bedeutung von „nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches“ – was sexuellem Verlangen und Fortpflanzung entspricht), „noch aus dem Willen des Mannes“ (der für sexuelle Fortpflanzung stand), sondern durch Gott. Sie werden dadurch Kinder Gottes, dass sie aus Gott gezeugt werden. „Kinder Gottes werden“ und „aus Gott gezeugt werden“ sind gleichbedeutende Begriffe für das identische Phänomen. Tatsächlich begegnet man der gleichen Parallele von „aus Gott geboren sein“ und „Kinder Gottes sein“ in 1Johannes 2,29-3,2 und 3,9-10, wobei 1Johannes 5,1 (von allen Textstellen!) den Ausdruck „der aus ihm geboren wurde“ (τὸν γεγεννημένον ἐξ αὐτοῦ) faktisch als Synonym für „Kind Gottes“ verwendet. Daher ist es zulässig, τὸν γεγεννημένον ἐξ αὐτοῦ mit „das Kind, das aus ihm geboren wurde“ oder in ähnlicher Weise zu übersetzen. Da „Kinder Gottes werden“ und „aus Gott geboren werden“ synonyme Begriffe sind, die sich auf das gleiche Phänomen beziehen, und Ersteres eindeutig als Folge des Glaubens dargestellt wird, ist das göttliche Wirken der Wiedergeburt eine Folge des Glaubens: Gott macht den Glaubenden zu seinem eigenen Kind.

Es wäre eine ungewöhnliche Erklärung und ein aussichtsloser Versuch, wollte man argumentieren, dass „ein Kind Gottes zu werden“ und „aus Gott geboren werden“ im Kontext der Schriften des Johannes unterschiedliche Dinge seien oder dass der Text es zuließe, dass eine Person aus Gott geboren und dennoch nicht sein Kind sein könne. Einige Gelehrten haben die Vermutung geäußert, der Text mache einen Unterschied zwischen Sohnschaft (durch Adoption) und Wiedergeburt, wobei vom Ersteren in Johannes 1,12 und vom Letzteren in Johannes 1,13 gesprochen werde. Aber die johanneischen Schriften machen samt und sonders keine Unterscheidung zwischen Gotteskindschaft (durch Adoption) und Wiedergeburt. Auf einer solchen Unterscheidung bei Paulus zu bestehen sowie darauf, dass Johannes eine derartige paulinische Unterscheidung folglich im Sinn hatte, ist exegetisch und hermeneutisch unhaltbar.
Erstens, es ist fragwürdig, ob die Briefe des Paulus solch eine scharfe Trennung zwischen Sohnschaft (durch Adoption) und Wiedergeburt enthalten. Es ist wahrscheinlicher, dass Sohnschaft (durch Adoption) und Wiedergeburt im paulinischen Denken auf der individuellen Ebene einfach zwei Seiten derselben Münze sind, wobei Sohnschaft (durch Adoption) die formale Gabe des Standes als Erwählter und Erbe betont, während die Wiedergeburt das Wesen der gleichen Realität im Blick hat, d. h. die Gabe der göttlichen Natur und des Heiligen Geistes, die der Stand als Erwählter und als Erbe konkret beinhaltet. Mit anderen Worten, Paulus scheint das anfängliche Geschehen der Adoption praktisch als Akt der Wiedergeburt zu betrachten, die Gabe des Heiligen Geistes und des Erbes (vergl. Römer 8,9-11; 14-17). Natürlich ist sowohl im Denken des Paulus als auch in dem des Johannes die Gabe des Heiligen Geistes eine Folge des Glaubens; demzufolge geht der Glaube logischerweise der Gabe des Geistes voraus (siehe Johannes 4,14; 7,38-39; Galater 3,1-6; 3,14). Interessanterweise trifft man nur einmal auf das Wort Wiedergeburt (παλιγγενεσία) in den paulinischen Schriften in Titus 3,15, wo es gewissermaßen mehr oder weniger als Entsprechung zur Gabe des Heiligen Geistes verwendet wird oder als etwas, das durch die Gabe des Geistes vollendet wird.

Wenn Paulus überhaupt einen Unterschied zwischen Adoption und Wiedergeburt in der Weise machen würde, sodass man auf eine logische zeitliche Reihenfolge schließen könnte, dann betrachtete er die Adoption – und folglich den Glauben, der ihr vorausgeht – als der Wiedergeburt vorausgehend, gemäß Galater 4,6: „Weil ihr nun Söhne seid, hat Gott den Geist seines Sohnes in eure Herzen gesandt, der ruft: Abba, Vater!“ Es liegt nahe, dass Adoption und Wiedergeburt im paulinischen Denken im Allgemeinen als gleiche Realität betrachtet werden. Genauer gesagt, sie können als ergänzend betrachtet werden, sodass man sagen kann, dass der Status der Sohnschaft in der Glaubensvereinigung mit Christus formal auf den Gläubigen übertragen wird. Der Gläubige empfängt in dem Moment der Glaubensvereinigung das Wesen der Sohnschaft und die Wiedergeburt. Das heißt, Adoption macht die Gläubigen aufgrund des göttlichen Ratschlusses zu Söhnen, und die Wiedergeburt macht die Gläubigen ihrem Wesen nach zu Söhnen. Tatsächlich kommt die Adoption in der Wiedergeburt zu ihrer Vollendung, und daher kann man beides naturgemäß als einen Akt betrachten. Die griechische Grammatik in Bezug auf den Zeitaspekt lehrt, dass ein und dasselbe Ereignis zu Recht komplementär und daher auf mehr als auf eine Weise betrachtet werden kann.

Zweitens, selbst wenn es eine scharfe Trennung zwischen Adoption und Wiedergeburt bei Paulus gäbe, folgt daraus nicht, dass dies bei Johannes ebenso der Fall sein muss. Es gibt in den Schriften des Johannes keinen Hinweis, dass sich dies so verhält. Es ist ferner durchaus denkbar, dass Johannes über Wiedergeburt so dachte wie Paulus über Adoption. Oder wenn Johannes irgendeinen Unterschied zwischen beiden machte, könnte er sie noch immer als ein Ereignis betrachtet haben. Auf jeden Fall ist es in diesem Fall exegetisch nicht haltbar, Paulus in den Text des Johannes hineinzulesen. Hierdurch wird dem Verständnis des Textes bei Johannes eine Unterscheidung unterstellt, die Johannes niemals im Sinn hatte. Ferner spricht die reine Logik des johanneischen Textes gegen ein solches Vorgehen, da es dem offenkundigen Gedanken widerspricht, dass jemand durch den eigentlichen Akt des Geborenwerdens aus dem Vater zu einem Kind des Vaters wird. Man kann nicht aus einem Vater geboren werden und darüber hinaus noch etwas bedürfen, um zu einem Kind des Vaters werden. Man kann nicht aus Gott geboren werden und nicht sein Kind sein.

Selbst wenn man im Widerspruch zu den meisten Kommentatoren verneinen würde, dass sich θελήματος σαρκὸς (aus dem Willen des Fleisches) oder θελήματος ἀνδρὸς (aus dem Willen des Mannes) ausdrücklich auf menschliche Abstammung bezieht und darauf besteht, dass es sich um den menschlichen Willen im Allgemeinen bezieht, bleibt der göttliche Akt der Wiedergeburt nichtsdestoweniger die Reaktion auf den menschlichen Glauben und folglich nichtsdestoweniger davon abhängig. Dies wäre auch nicht im Widerspruch mit Johannes 1,13, wo der Akt der Wiedergeburt von Gott vollzogen wird. Der Text zeigt, dass es Gott ist, der das Recht der Gotteskindschaft verleiht und die Wiedergeburt wirkt. Dass Gott in dieser Weise auf den Glauben hin handelt, liegt in seinem Ermessen und macht die menschliche Entscheidung zu glauben durchaus nicht zur Ursache der Wiedergeburt – Letztere geht alleine von Gott selbst aus. In gleicher Weise bleibt Gott selbst die Ursache der Rechtfertigung, die zweifelsohne aus Glauben ist. Interessanterweise müht sich der bedeutende Calvinist und Gelehrte D. A. Carson in seinem exzellenten Kommentar zum Johannesevangelium, die offenkundige Aussage von Johannes 1,12-13 zu entkräften, dass die Gläubigen durch Glauben wiedergeboren/von oben geboren werden. Aber später in seinem Kommentar in einem unbedachten Moment übertrifft Carsons exegetischer Sachverstand seine eigene Theologie und lässt ihn bei seiner Auslegung von Johannes 3,3 offen einräumen: „Leser, die dem Evangelium bis zu dieser Stelle gefolgt sind, werden augenblicklich denken (Nikodemus konnte dies nicht), dass ‚von Neuem geboren werden‘ oder ‚von oben geboren werden‘ in Johannes 1,12-13 das Gleiche bedeuten muss wie ‚Kinder Gottes zu werden‘, ‚aus Gott geboren sein‘, indem sie an den Namen des fleischgewordenen Wortes glauben.“ Dies ist sehr richtig.

Schlussfolgerung

Die Behauptung, die Zeitformen in 1Johannes 5,1 wiesen darauf hin, dass die Wiedergeburt dem Glauben vorausgehe, ist unhaltbar, (1) da es fraglich ist, ob es überhaupt einen chronologischen Bezug zwischen Glaube und Wiedergeburt gibt, wenn man die Tatsache berücksichtigt, dass eine Reihe von Griechischgelehrten verneinen, dass die griechischen Zeitformen einen Zeitaspekt vermitteln. Noch entscheidender ist, dass es sich bei einer der Zeitformen im vorliegenden Vers um ein substantiviertes Partizip handelt, das ohne Zeitaspekt verwendet werden kann, selbst wenn man es auf Grundlage einer eher traditionellen Auffassung griechischer Zeitformen deutet; und (2) da die Zeitformen, sofern sie in einem zeitlichen Bezug stehen, was am wahrscheinlichsten der Fall ist, auf Grundlage der Grammatik entweder darauf hinweisen, dass sich Glauben und aus Gott geboren werden gleichzeitig ereignen, oder dass, möglicherweise noch wahrscheinlicher, der Glaube logischerweise dem aus Gott geboren werden vorausgeht. Mitnichten bestätigt die Grammatik die Auffassung, dass sich das Verb im Perfekt Indikativ („wurde aus Gott geboren“) zeitlich zwingend vor dem Partizip Präsens ereignet („jeder, der glaubt“). Es ist erstaunlich, dass eine Reihe von Gelehrten einem so grundlegenden Irrtum bezüglich griechischer Grammatik erliegen, indem sie aufgrund des Textes in 1Johannes 5,1 argumentieren, die Wiedergeburt gehe dem Glauben voraus. Es entsteht der Eindruck, dass sie in der Eile, einen Beweistext für die eigene theologische Überzeugung finden zu müssen, den Text nicht sehr gründlich analysiert haben. Aber es ist höchste Zeit, 1Johannes 5,1 sorgfältiger zu untersuchen, um fehlerhafte Argumentationsweisen endgültig zu entkräften. Der Kontext des Briefes weist ein Muster in 1Johannes auf, das, manchmal mit den gleichen grammatikalischen Konstruktionen wie in 1Johannes 5,1a, die Auswirkungen der Wiedergeburt aufzeigt. Aus diesem Grund ist es aufgrund des Kontextes plausibel, dass die Argumentation unhaltbar ist, die Wiedergeburt gehe auf der Grundlage von 1Johannes 5,1a dem Glauben voraus. Eine Reihe von Gründen hierfür wurde in diesem Artikel dargelegt, einschließlich der markanten und wesentlichen Rolle des Glaubens im Johannesbrief und in der johanneischen Theologie. Die Vertreter der Lehre, die Wiedergeburt gehe dem Glauben voraus, täten besser daran, sich auf andere Argumente aus der Schrift zu stützen. Aber die Behauptung von Piper, die zu Beginn des Artikels zitiert wurde – dass 1Johannes 5,1 „der klarste Text im Neuen Testament über den Zusammenhang von Glaube und Wiedergeburt“ sei –, ist diesbezüglich aufschlussreich. Folgt man einer derartigen Argumentation, besteht wenig Hoffnung, die Lehre, die Wiedergeburt gehe dem Glauben voraus, aus dem soliden Fundament der Schrift abzuleiten.

Mit freundlicher Genehmigung von Brian J. Abasciano

Brian J. Abasciano ist Pastor der Faith Community Church in Hampton, New Hampshire, und Assistenzprofessor für Neues Testament im Gordon Conwell Theological Seminary.
Der Artikel erschien erstmals in Evangelical Quarterly, 84/4, 2012, S. 307-322, unter dem Titel Does regeneration precede faith? The use of 1 John 5:1 as a proof text.
Zum Artikel: hier (http://evangelicalarminians.org/wp-content/uploads/2013/03/Abasciano.-Does-Regeneration-Precede-Faith.-The-Use-of-1-John-5.1-as-a-Proof-Text.pdf)

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