Der Mythos des Pelagianismus / Dr. Flowers im Gespräch mit Dr. Ali Bonner

Veröffentlicht am 18.02.2022

Nachzuhören unter „Was Pelagius Really a Pelagian?“

https://www.youtube.com/watch?v=gAMAyi1cjZw

sinngemäß übersetzt und gekürzt von Esther Dorendorf

 

Nach ihrem Studium der Klassischen Philologie in Oxford arbeitete Alice Bonner beim Fernsehen, bevor sie in Cambridge Angelsächsisch, Altnordisch und Keltisch studierte, wo sie einen BA (Aff.) und einen MPhil erwarb, gefolgt von einer Promotion über die handschriftliche Überlieferung des Pelagius-Briefes an Demetrias. Anschließend war sie Postdoc-Stipendiatin der British Academy am Jesus College in Oxford, bevor sie auf eine Professur für keltische Geschichte in Cambridge berufen wurde. Ihre Forschung konzentriert sich auf Pelagius und Faustus von Riez, zwei britische Autoren des fünften Jahrhunderts, die in lateinischer Sprache schrieben, und sie hat über St. Patrick und Pelagius veröffentlicht. Derzeit lehrt sie über keltische Geschichte, d. h. die Geschichte der bretonischsprachigen Völker und der gälischsprachigen Völker von 380 n. Chr. bis 1170.[1]

Dr. Flowers: Herzlich willkommen, Dr. Bonner. Sie sind durch ihre Arbeit zu Pelagius, dem britischen Mönch, der Ende des vierten, Anfang des fünften Jahrhunderts gelebt hat, bekannt geworden. Ihre Arbeit bringt sehr viel Licht in eine erhitzte Debatte. Warum haben Sie über Pelagius geschrieben, und warum haben sie Ihrem Buch den Titel The Myth of Pelagianism gegeben?

Dr. Bonner: Pelagius ist der erste bekannte britische Autor. Er war eine bedeutende Persönlichkeit und hatte einen langfristigen Einfluss auf die spätrömische und nachrömische Geschichte Großbritanniens. Seine Texte handeln zwar hauptsächlich von religiösen Ideen, wir könnten sie auch Ideologien nennen, aber religiöse Ideen haben soziale und möglicherweise auch politische Implikationen. Ich wollte aus meinem historischen Interesse heraus einen britischen Autor studieren, und bin so auf Pelagius gestoßen. Als Historikerin studiert man dazu die Manuskripte – das ist auch die Vorgehensweise an der Fakultät, wo ich arbeite. Aber man kann sich nicht mit Pelagius beschäftigen, ohne sich auch mit der gesamteuropäischen Geschichte und den Anschuldigungen, die gegen ihn vorgebracht wurden, auseinanderzusetzen.

Dr. Flowers: Vielleicht sollten wir für einige Zuschauer zunächst einmal den Begriff „Pelagianismus“ definieren. Wie würden Sie einem Laien diesen Begriff erklären?

Dr. Bonner: Als erstes würde ich sagen, dass es so etwas wie den Pelagianismus nie gab. Er ist in meinen Augen ein fiktives Konstrukt. Aber dennoch können wir uns ihm annähern, indem wir uns die Lehrsätze genau ansehen, die Pelagius und der ganzen Bewegung, die angeblich um ihn herum existierte, zugeschrieben wurden. Augustinus beschrieb diese Bewegung wiederholt als eine neue und sehr gefährliche Irrlehre, und er setzte eine Liste von 14 Lehren auf, die seiner Meinung nach den Pelagianismus ausmachten.

Darüber hinaus gibt es Kirchenkonzile, die bestimmte Thesen oder Aussagen als häretisch, als Anathema erklärten. Diese Sammlung von Erklärungen können wir uns auch ansehen. Und dann können wir sagen: Das ist es, was sie zu verurteilen glaubten, was sie für den Pelagianismus hielten. Und dann gibt es von späteren ökumenischen Konzilen weitere Aussagen, woraus dieses Übel des Pelagianismus bestehe, welches unterbunden werden müsse.

Wir haben also diese Listen von Ideen. Ich bezeichne den Pelagianismus aber aus fünf Gründen als einen Mythos. Der erste Grund ist, dass es eine scharfe Diskrepanz gibt zwischen dem, was diese Listen aussagen, und dem, was man in Pelagius‘ Schriften tatsächlich findet.

Von den 14 Lehrpunkten, die Augustinus ihm vorwarf – und die er in seinen Schriften aufführt –, wird in den Schriften des Pelagius nur die Hälfte von einem Punkt bestätigt. Der eine halbe Punkt, mit dem Pelagius übereinstimmt, lautet, dass Gnade [auch/manchmal] entsprechend dem Verdienst gewährt wird. Und zu sechseinhalb der 14 gelisteten Lehrpunkte macht Pelagius gegenteilige Aussagen.

Das zweite Argument dafür, dass der Pelagianismus nie existiert hat, lautet: Alles, was Pelagius niederschrieb, war vor ihm lang und breit und in aller Ausführlichkeit niedergeschrieben worden, insbesondere durch griechische Autoren, aber auch durch andere Autoren, die die griechischen Autoren ins Lateinische übersetzten. Die eine Aussage des Pelagius‘, die einem halben der 14 Anklagepunkte gegen ihn entsprach, war in Wahrheit in einer bestimmten Strömung der Christenheit, nämlich in der östlichen asketischen Christenheit, allgemeiner Konsens.

In der lateinischen Welt, in Rom, in Italien, hatten die griechischen Väter bei vielen Christen eine immense Autorität. Es war möglich, seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, die griechischen Väter zu übersetzen, sie zu recyclen, zu überarbeiten. Dies betraf die Werke von Athanasius von Alexandrien, die kappadokischen Väter, Basilius der Große und Chrysostomos (er gehört schon zur nächsten Generation). Ambrosius von Mailand übersetzte 370/380 das Hexaemeron von Basilius; es ist eher eine stark bearbeitete Übertragung als eine Übersetzung. Jedenfalls war es möglich, auf diese Weise seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Rufin von Aquileia tat das und Hieronymus baute eine ganze Karriere darauf auf, die griechische asketische Literatur zu übersetzen. Cassian von Marseille tat das Gleiche. Pelagius war nur einer von vielen solchen Autoren. Nichts in Pelagius‘ Werken ist neu. Nichts. Und das heißt: Er kann kein neues Lehrsystem erfunden haben.

Es gibt weitere Gründe, den Pelagianismus einen Mythos zu nennen, aber dies sind die beiden wichtigsten.

Dr. Flowers: Um das noch einmal zu rekapitulieren: „Pelagianismus“ war also das, was wir heute einen „Strohmann“ nennen würden; es war nicht das, was Pelagius tatsächlich lehrte. Und deshalb ging von den Lehren des Pelagius überhaupt keine Gefahr aus. Und zweitens waren die Überzeugungen des Pelagius nicht neu, sondern gehörten zu dieser Zeit zur orthodoxen Theologie.

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Dr. Bonner: Ja, genau. Wenn Sie das Buch Fear of Freedom von Rowan Greer lesen: Er beschreibt Augustins Theologie als eine neue Theologie, die mit der dominanten christlichen Ideologie des vierten Jahrhunderts brach. Er belegt das, indem er intensiv die Autoren vor Augustinus, z.B. Ambrosius von Mailand, untersucht. Ambrosius von Mailand argumentiert für den effektiven freien Willen, der sich entweder für das Gute oder für das Böse entscheiden kann. Rowan Greer stellt fest, dass dies im vierten Jahrhundert der Konsens ist, der durch Augustinus von Hippo verändert wird.

Dr. Flowers: Meine Zuhörer wissen, dass ich ein systematischer Theologe bin. In meiner Ausbildung an der theologischen Hochschule wurde mir immer nur vermittelt, dass Pelagius bzw. der Pelagianismus die Idee vertrat, dass, erstens, der Mensch grundsätzlich von Natur aus gut ist, und, zweitens, dass wir uns unsere Errettung durch unsere eigenen guten Werke verdienen können. Wir brauchen nicht wirklich Gottes Hilfe dazu. Der Mensch und nicht Gott ergreift zuerst die Initiative und setzt den Prozess der Erlösung in Gang. Und solche Gedanken habe ich natürlich total verabscheut. Ich hielt das für humanistisches Gedankengut. Hat Pelagius so etwas gelehrt?

Dr. Bonner: Nein. John Henderson hat sich angeschaut, wie Religionen sich ändern und Dogmen sich weiterentwickeln. Er sagt: „Das Geniale an der Neo-Orthodoxie ist, dass sie es versteht, ihre Neuheit zu verbergen.“ Wir haben es hier mit dem Phänomen zu tun, dass Ketzerei erfunden wird, damit Orthodoxie neu verortet werden kann. Wenn Sie eine Religion weiterentwickeln wollten, wenn Sie möchten, dass die überlieferten Lehren sich verändern, müssen Sie die überlieferten Lehren dämonisieren. Sie müssen dafür sorgen, dass der Konsens nicht mehr ein Konsens ist. Sie müssen betonen, dass er gefährlich ist, und dann erst können Sie die neuen Lehren einführen. Und während Sie die neuen Lehren einführen, behaupten Sie, dass man dies schon immer geglaubt habe.

Mit der Anklage der Ketzerei erreicht man, dass die neuen Ideen als Standard präsentiert werden können, und jeder, der die neuen Ideen nun verleugnet, das verleugnet, was angeblich schon immer zum Christentum gehörte. In unserem Fall also wird es dann zu einer Ketzerei, die Erbsünde und die Prädestination als Vorherbestimmung zu verleugnen. In Wahrheit handelt es sich um den Prozess der Etablierung neuer Ideen – die aber als Orthodoxie gelten sollen.

Dr. Ali Bonner identifiziert in ihrem Buch die drei wesentlichen theologischen Neuerungen, die Augustinus einführte, als die Erbsünde, die Prädestination, interpretiert als Vorherbestimmung, und die absolutistische Gnade. Für diese drei Lehren prägt sie den Begriff „the Triune“ (die Dreieinigkeit), womit sie zum Ausdruck bringt, dass diese drei Lehren untrennbar zusammengehören und einander bedingen.

Die Ideen, die Ihnen in Ihrer Ausbildung als pelagianisch vermittelt wurden, sind natürlich anstößig. Das sollten sie aber auch sein; dazu wurden sie erfunden. Das Stigma der Arroganz, Gott nicht zu benötigen, ist ein sehr cleveres Label: „Feind der Gnade,“ was im Grund nichts anderes bedeutet, als ein Feind Gottes zu sein. Das ist eine sehr clevere polemische Strategie. Deshalb bin ich einige Schritte zurückgegangen und habe mich ganz grundsätzlich mit der Frage beschäftigt: Was bedeutet „Gnade“? Was wurde damals unter „Gnade“ verstanden?

Gnade hatte im vierten und Anfang des fünften Jahrhunderts viele Bedeutungen. Man verstand darunter jedes Geschenk, das Gott den Menschen gab. Gnade umfasste Jesu Kommen, Jesu Lehre, Jesu Leiden und Tod, die Erlösung von den Sünden. Gnade umschloss auch die Schöpfung und die Tatsache, dass wir mit einem freien Willen erschaffen wurden. Zur Gnade gehörten besondere Gaben der Heilung und des Zungenredens. Gnade umfasste eine ganze Bandbreite von Dingen und wurde synonym zu dem Begriff „Geschenk“ gebraucht. Und die meisten dieser Dinge sind allgemeine Gaben an die Menschheit, die wir uns niemals verdienen könnten. Ich schaute mir also an, wie „Gnade“ verwendet wird, und siehe da, Pelagius spricht sehr häufig von der Gnade Gottes. Man könnte natürlich einwenden, dass einige dieser Verwendungen erst erscheinen, nachdem er sich der Anschuldigung bewusst geworden war, die Gnade nicht zu beachten.

Aber die eine Bedeutung von Gnade, die vor Augustinus nie vorkam, ist das Verständnis von Gnade als einer absolutistischen, vorlaufenden Gnade. Vorlaufende Gnade bedeutet, dass die Gnade zuerst kommt, dass sie das Gute im Menschen erstmalig initiiert. Und die absolutistische Form der vorlaufenden Gnade bedeutet, dass diese Gnade unwiderstehlich ist. Das bedeutet, dass es von Seiten des Menschen keinerlei Zustimmung, keinerlei willentliche Beteiligung und auch nichts eigenständig Gutes gibt. Das ist das spezifische Element. Es geht nicht nur um vorlaufende Gnade, es geht um ein absolutistisches Verständnis der vorlaufenden Gnade. Diese Gnade ist unwiderstehlich, der Mensch spielt nicht die geringste Rolle und trägt absolut nichts bei.

Diese Gnade zieht als logische Konsequenz die Prädestination als Vorherbestimmung nach sich. Bis dahin hatte man Prädestination als Gottes Vorhersehen der menschlichen guten Taten verstanden, die in irgendeinem Maße auch autonom geschahen, selbst wenn das Maß dieser Autonomie nur winzig klein war.

Nun will ich überhaupt nicht argumentieren, was theologisch richtig oder falsch ist, denn die Argumente aller Beteiligten lassen sich aus der Schrift ableiten und von der Schrift her verteidigen.  Ich will nur damit sagen, dass dieses besondere absolutistische Verständnis der vorlaufenden Gnade und der Prädestination, die als Vorherbestimmung interpretiert wurde, die Erbsünde notwendig machten, denn die Erbsünde liefert in der völligen Unfähigkeit des Menschen, sich dem Guten zuzuwenden, die Begründung [für die ersten beiden Konzepte].

Wenn man sich nun den Schriften des Pelagius zuwendet: Er spricht sehr oft von der Gnade. Aber er spricht auch von Kooperation. In einem Brief, der zu genau diesem Thema verfasst wurde und Vom göttlichen Gesetz genannt wird, sagt er wörtlich: „Ich möchte die Gnade nicht gnadenlos machen. Es ist die Gnade, die frei und kostenlos unsere Sünden tilgt. Aber der Gläubige muss dem mit seinem Willen zustimmen.“ Damit wollte er den Konsens seiner Zeit verteidigen. Er führte also keine neue Lehre ein, er verteidigte nur die griechische asketische Theologie. Lesen Sie Basilius von Cäsarea, lesen Sie Athanasius von Alexandrien; hier wird der effektive freie Wille als selbstverständlich vorausgesetzt. Athanasius ist sehr positiv, was die Natur des Menschen betrifft. Basilius und Athanasius standen im Briefverkehr und Basilius übernimmt von Athanasius, was Pelagius auch tat.

Was ich damit sagen will: Pelagius spricht sehr wohl von der Gnade, aber er argumentiert für ein kooperatives Modell. In seinem Glaubensbekenntnis, der Akte, die er dem Papst sandte, um sich zu verteidigen, sagt er: „Ich glaube an den freien Willen, doch so, dass wir alle der Gnade Gottes bedürfen.“ Die Behauptung also, Pelagius sei ein Feind der Gnade gewesen und sei der Überzeugung gewesen, wir bräuchten Gottes Gnade nicht, trifft einfach nicht zu.

Und an dieser Stelle muss ich dazu auffordern, Pelagius‘ in seinen Schriften selbst zu Wort kommen zu lassen. Man sollte die vier Briefe lesen, von denen wir genau wissen, dass sie von Pelagius stammen: Der Brief an Demetrias, Vom göttlichen Gesetz, Der Brief an Celentia und Von der Jungfräulichkeit. Es gibt hier keinen einzigen Hinweis darauf, dass Pelagius der Meinung wäre, wir bräuchten Gottes Gnade nicht. Man kann das in seinen Schriften einfach nicht finden. Das, was Sie im theologischen Seminar über Pelagius und den Pelagianismus gelernt haben, ist Teil einer sehr effektiven Schmutzkampagne gewesen. Augustinus hat da ganze Arbeit geleistet: Er hat diese toxische Karikatur erschaffen, die Gott nicht braucht, aber in Pelagius‘ Schriften kann man das nicht finden.

Und in diesem Zusammenhang muss ich noch erwähnen, dass Augustinus die Schriften des Pelagius durchforstete, um Material zu finden, das er gegen Pelagius verwenden konnte. Er wollte beweisen, dass Pelagius arrogant war, dass er doch behauptet hatte, der Mensch bräuchte Gott nicht und könne aus sich heraus das Gute tun. Augustinus schaute sich dazu Werke an, die wir nicht mehr haben, zwei Schriften: Von der Natur und Vom freien Willen. Die am meisten belastende Aussage, die er finden konnte, war das Gegenteil von dem, was er suchte, nämlich die Bestätigung durch Pelagius, dass wir immer auf Gottes Hilfe angewiesen sind. Und da musste Augustinus dann schließlich sagen: Pelagius lügt. Er sagt nicht die Wahrheit. [Er verbreitet diese Lehre, gibt es aber nicht zu.] Aber wenn selbst Augustinus trotz intensiver Suche keine verdächtigen Spuren finden konnte, dann können wir ziemlich sicher sein, dass Pelagius tatsächlich das nicht gelehrt hat, was ihm angehängt wurde. Und die Lektüre seiner Briefe unterstützt diese Schlussfolgerung.

Dr. Flowers: Dr. Bonner, als ich ihnen so zuhörte, stiegen mir fast die Tränen in die Augen. Das hört sich seltsam an, weil wir hier ja über ein historisches Ereignis reden. Aber wenn ich an meinen eigenen Dienst denke: Als ehemaliger Calvinist verteidige ich heute eine andere Position, und mir werden in den sozialen Medien auch sehr oft Dinge unterstellt, die ich niemals gesagt habe und die ich auch im Traum niemals sagen würde. Irgendwie leide ich mit Pelagius mit. Ich weiß, wie sich das anfühlt. „Oh, Leighton, du hältst den Menschen für sehr viel besser, als er ist. Du nimmst die Sünde nicht ernst.“ Der Vorwurf der Arroganz, den Sie erwähnt haben. Aber in Wahrheit betone ich die Schuld des Menschen, wenn ich betone, dass der Mensch nicht so geboren wurde, sondern dass er die volle Verantwortung für seine Taten trägt. Dem Menschen steht Gottes Gnade zur Verfügung, und er könnte anders handeln. Wenn er diese Gnade ablehnt, dann lehnt er einen Gott ab, der für ihn sorgt und alles für ihn bereitgestellt hat – nicht einen Gott, der ihn verworfen hat, ehe er geboren wurde. Der Mensch ist nicht von Geburt an unfähig, auf Gottes Ruf zur Versöhnung zu reagieren. In Wahrheit bin ich derjenige, der dem Menschen seine volle Schuld anlastet, Gott abgelehnt zu haben. Deswegen ist der Vorwurf der Arroganz, des Humanismus völlig fehl am Platze. Wenn ich Ihrer Beschreibung zuhöre, was mit Pelagius geschehen ist, der nur versucht hat, an das, was damals Orthodoxie war, festzuhalten, und wenn ich höre, wie ihm dann alle diese bösartigen Lehren untergeschoben wurden, die er nach Ihrer Recherche nie gelehrt hat, dann weiß ich genau, wie er sich gefühlt haben muss.

Dr. Bonner: Vergessen wir nicht: Pelagius hat nicht gesagt, der Mensch sei ausschließlich gut. Er hat nur gesagt: Der Mensch kann sich zum Guten oder zum Bösen wenden. Seiner Meinung nach wird die Sünde durch die langanhaltende Gewohnheit des Sündigens zu einem tief in unser Wesen eingegrabenes Charaktermerkmal, so dass wir denken, die Sünde sei ein Teil unserer Natur. Und es mag uns so erscheinen, als beherrsche uns eine Macht von außen, sodass wir nichts Gutes tun könnten.

Zu der Zeit, im Jahr 418, war der Vorwurf, man halte sich für unabhängig von Gott, ein genialer Schachzug, weil man damit den Gegner auf eine Stufe setzte mit den Pharisäern und Sadduzäern. Diese galten damals als Inbegriff der Selbstgerechtigkeit. Das war eine wirklich toxische Anklage. Um ein konkretes Beispiel zu geben: Einer der 14 Anklagepunkte, die man Pelagius anlastete, lautete, Pelagius habe gesagt, das Gesetz sei genauso wirksam, den Menschen in den Himmel zu bringen, wie das Evangelium. Wenn man seine Schriften liest, sieht man, dass er das ganz und gar nicht sagt. Vielmehr folgt er dem Apostel Paulus, indem er sagt, dass wir in der neuen Zeit der Gnade, des Evangeliums leben. Ausdrücklich weist er seine Leser an: Wenn ihr wissen wollt, was das Gesetz ist, dann lest die Evangelien! Dort lest ihr, wie ihr euch verhalten sollt. Das Gesetz ist für ihn also kein Regelwerk, und definitiv vertritt er nicht das alttestamentliche Gesetz. Das hatte man ihm vorgeworfen. Man hatte ihm vorgeworfen, er würde das alttestamentliche Gesetz so hochhalten, wie die Pharisäer und Sadduzäer es getan hatten.

Aber das ist nicht, was Pelagius sagt. Er sagt: Lest die Evangelien. Und er überlässt es dem Einzelnen herauszufinden, wie man die Evangelien zu interpretieren hat. Er sagt nur: Lest die Worte des Herrn! Und er stellt das eine Gebot in den Mittelpunkt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Das ist die goldene Regel. Er sagt: „Der Herr hat das Gesetz in dieser einen Regel zusammengefasst.“ An einer anderen Stelle sagt Pelagius: „Vergelte immer das Böse mit dem Guten! Liebe jeden!“ Im Lateinischen gibt es mehrere Worte für die Liebe, und Pelagius verwendete sie alle.

Was ich damit sagen möchte: Man sollte Pelagius aus dieser Debatte mit Augustinus herauslösen und ihn wahrnehmen, ohne durch die Brille Augustins zu schauen. Wenn ich alles in einem Satz zusammenfassen müsste, würde ich sagen: Lest die Briefe! Dort erklärt er, was er glaubt.

Es geht Pelagius um die Liebe, es geht darum, Christus zu imitieren. Es geht darum, den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Und das ist sehr schwer. Wir würden das heutzutage vielleicht bedingungslose Liebe nennen. Es mag ganz gut gehen, wenn man sich als Asket oder Eremit von der Welt zurückzieht. Aber wenn man in der Welt lebt, ein Geschäft führt, für jemanden arbeitet, in der Stadt lebt, dann ist es sehr schwer. Tatsächlich ging das Christentum in die Richtung, dass die religiöse Elite sich in ein Kloster zurückzog oder als Eremiten lebte. Aber Pelagius versucht Anweisungen weiterzugeben, wie man bedingungslose Liebe mitten in der Gesellschaft leben kann. Und das ist nicht einfach.

Dr. Flowers: Ich möchte das Konzept des Semipelagianismus zur Sprache bringen. Soweit wir wissen, war Theodor Beza, ein Nachfolger Calvins, derjenige, der diesen Begriff zuerst gebraucht hat. Adam Harwood hat verschiedene Definitionen des Begriffs Semipelagianismus zusammengetragen [Dr. Flowers zeigt hier eine Folie]:

The Oxford Dictionary of the Christian Church: „Der Semi-Pelagianismus behauptete, dass die ersten Schritte des Lebens als Christ gewöhnlich aus dem menschlichen Willen heraus gegangen werden. Erst später kommt die Gnade Gottes hinzu.“

The Evangelical Dictionary of Theology: „Der Semi-Pelagianismus bekannte sich dazu, dass der menschliche Wille aus sich heraus die erste Glaubenshandlung hervorbringt. Der menschliche Wille hat bei dem ersten Schritt der Errettung die Priorität über den Willen Gottes.“

The Integrated Theology: „Die Semi-Pelagianer behaupteten, dass der Sünder den ersten Schritt zur Errettung tut, indem er sich entscheidet, Buße zu tun und zu glauben. Das semi-pelagianische Schema der Errettung könnte mit der Aussage beschrieben werden: ‚Ich begann zu kommen, und Gott half mir.‘“

Westminster Dictionary of Christian Theology: „Ein Begriff, der gebraucht worden ist, um verschiedene Theorien zu beschreiben, von denen man denkt, sie behaupteten, die ersten Schritte zu Gott hin würden durch menschliche Anstrengung und ohne die Hilfe der Gnade gemacht.“

Das sind vier glaubwürdige, unverdächtige Quellen, die den Semi-Pelagianismus definieren. Ich denke, wenn der Semi-Pelagianismus schon so definiert wird, dass der Mensch den Anfang macht und Gott dann weiterhilft, dann müsste der Pelagianismus wohl lauten: „Ich brauche zu keinem Zeitpunkt in irgendeiner Form die Hilfe Gottes, um erlöst zu werden.“

War Ihrer Meinung nach Pelagius, wenn schon kein Pelagianer, zumindest ein Semi-Pelagianier?

Dr. Bonner: Wenn ich nicht daran glaube, dass es einen Pelagianismus gab, werde ich dann glauben, dass es einen Semi-Pelagianismus gab? Nein, und ich kann auch erläutern, warum.

Der Begriff „Semi-Pelagianismus“ wird in den gegenreformatorischen Debatten geprägt und ist Teil einer weiteren Schmutzkampagne. Der Semi-Pelagianismus ist in Südgallien lokalisiert worden, weil es bestimmte Texte gibt, die dort entstanden sind. Aber ich würde meinen, dass es von der Zeit an, als Pelagius Vom göttlichen Gesetz schrieb, kontinuierlich Bedenken rund um die Prädestination, die als Vorherbestimmung interpretiert wurde, gegeben hat. Und die Bedenken bestanden darin, dass dies dem in der Schrift bezeugten universalen Erlösungswillen Gottes widersprach. Es gab Christen – von den Textbelegen her stammten sie nicht nur aus Südgallien, sondern auch aus Italien – die den universalen Erlösungswillen Gottes einfach nicht aufgeben konnten. Und wenn es nicht stimmte, dass Gott im Voraus ausgewählt hat, wer errettet werden wird und wer nicht, dann musste es in ihren Augen einen gewissen Spielraum für einen Beitrag des Menschen geben.

Gegen den Pelagianismus wurden einige Gesetze erlassen, nicht nur 418 durch Honorius, den Kaiser des weströmischen Reiches, auch danach, in den 420er Jahren, gab es weitere Gesetze, die es Bischöfen oder Priestern sehr schwer machten, sich öffentlich gegen die Erbsünde zu äußern. Hier entsteht also ein gewisser politischer Druck. Aber in Südgallien sind Texte erhalten geblieben, die den augustinischen Neuerungen widersprechen. Zum Beispiel hat Faustus von Riez (Von der Gnade Gottes und dem freien Willen) versucht, an dem universalen Erlösungswillen Gottes festzuhalten. Faustus sagt sogar, dass Augustins neue Darstellung der Prädestination eine Irrlehre ist.

Prosper von Aquitanien, der ein glühender Verehrer Augustins war, schrieb in einem Brief an Augustinus: „Ich habe alle Schriftausleger [der letzten Jahrhunderte] untersucht, und keiner von ihnen hat die Prädestination als Vorherbestimmung interpretiert.“ Sogar Prosper von Aquitannien gab zu, dass Augustins Auslegung neuartig war.

Deshalb würde ich argumentieren, dass die Kirche im Westen mit einem Problem lebt, das nie gelöst worden ist. Die Christen im Westen debattieren dieses Problem bis heute sehr intensiv, wie Sie ja wissen. Aber es ist kein guter Ansatz, die Debatte zu führen, indem man Labels vergibt und Dinge erfindet, die nicht da sind. Und da kann die Perspektive eines Historikers weiterhelfen.

Was ich als Historikerin mit Sicherheit sagen kann, ist Folgendes: Wenn man sich die Manuskriptbeweise anschaut, sieht man, dass von der Zeit des Pelagius an, das ganze Mittelalter hindurch und bis in die Zeit des Buchdrucks hinein, zwei völlig verschiedene Versionen des Christentums überliefert worden sind. Da ist die griechische Version, die immer noch geschätzt und verehrt wird. Evagrius‘ Übersetzung des Lebens des Antonius ist sehr beliebt. Augustinus selbst berichtet in seinen Bekenntnissen, dass er in Südgallien zwei Menschen kennengelernt hat, die dieses Werk gelesen haben und deren Leben dadurch völlig verwandelt wurde. Die griechische Tradition war eine grundlegende Strömung in ganz Westeuropa. Es gab also Texte, die die östliche Theologie weitervermittelten, und dann gibt es Augustins Texte, die in riesigen Mengen kopiert wurden. Aber beide Strömungen existierten dauerhaft nebeneinander. Auch die Texte des Hieronymus wurden immer und immer wieder kopiert. Deshalb sagte Martin Luther, dass Hieronymus und Augustinus einander widersprechen und man nicht beiden zugleich anhängen kann. Luther schlägt sich auf Augustins Seite mit der Behauptung, dass Hieronymus ein Ketzer sei. Und er ist sehr erstaunt, dass noch nie zuvor jemand dies herausgestellt hat. Und ich würde sagen, Martin Luther hatte recht: Es gibt diese zwei völlig verschiedenen Versionen des Christentums.

Hat es den Semi-Pelagianismus je gegeben? Ich glaube nicht. Ich glaube, hier kommen Probleme zum Ausdruck, die manche Christen bezüglich der neuen Theologie Augustins bekommen haben. Sie versuchen, diese Theologie zu akzeptieren, aber sie können es einfach nicht; sie müssen an dem universalen Erlösungswillen Gottes festzuhalten. Faustus von Riez versucht, die Erbsünde und die Vorrangstellung der Gnade zu vertreten, zugleich lehnt er aber eine Prädestination, die als Vorherbestimmung interpretiert wird, ab. Ich persönlich glaube nicht, dass das ein schlüssige Sichtweise ist. Die drei neuen Dogmen Augustins sind so eng miteinander verknüpft, dass man nicht eines davon übernehmen kann, ohne auch die beiden anderen zu akzeptieren.

Dr. Flowers: Wenn man nun davon ausgeht, dass es den Pelagianismus gar nicht gibt, und der Semi-Pelagianismus offensichtlich ebenfalls im Rahmen einer Verleumdungskampagne erfunden wurde, wie würden Sie – auf der Grundlage Ihrer Kenntnis der Manuskripte – Pelagius‘ Standpunkt einschätzen? Hat Pelagius jemals behauptet, dass der Mensch aus seinem eigenen Willen heraus, ohne das geringste Maß an Gnade, den ersten Schritt zur Erlösung gehen kann?

Dr. Bonner: Manchmal sagt Pelagius natürlich Dinge, die [man, wenn man will, so deuten könnte]. Ich würde mich hier gerne den Aussagen Cassians anschließen. Cassian von Marseille ist ein weiterer Autor aus Südgallien aus dieser Zeit. In seiner dreizehnten Unterredung sagt er, es sei nicht richtig, den Prozess der Erlösung auseinanderzupflücken. Er beendet die dreizehnte Unterredung mit den Worten: „Es ist ein Geheimnis. Man sollte nicht versuchen, die letzte Ursache herauszufinden. Sowohl Gott, als auch der Mensch sind an der Erlösung beteiligt, und wir können es nicht genau aufschlüsseln, wer was in diesem Prozess tut.“ Sein Lösungsvorschlag ist, dazu kein Gesetz zu erlassen.

Es stimmt, dass viele Autoren den Standpunkt zum Ausdruck gebracht hatten, dass der Mensch von Natur aus gut sei. Basilius zum Beispiel unterscheidet zwischen der Gottesebenbildlichkeit und der Gottesähnlichkeit [image of God and likeness of Gog]. Als Ebenbilder Gottes sind wir mit einem freien Willen ausgestattet worden, weil Gott einen freien Willen hat. Und man wird Gott ähnlich, indem man diesen freien Willen ausübt. Und eine dieser Handlungen unseres freien Willens könnte die Entscheidung, Christ zu werden, sein.

Ja, es ist möglich, dass Pelagius auch so etwas sagen würde, auch wenn mir dazu keine Textstelle einfällt, dass er sagen würde, dass wir uns für das Christentum entscheiden können. Aber das zu systematisieren und zu behaupten, dass das einer seiner Lehrsätze war . . . Sehen Sie, niemand kann ihn heute noch dazu befragen. Wir haben nur die Manuskripte, die erhalten geblieben sind. Niemand hat Pelagius in die Ecke gedrängt und eine genaue Erklärung dazu verlangt. Er hat aber ausdrücklich gesagt, dass wir ununterbrochen und jeden Tag der Gnade Gottes bedürfen. Ich denke, er würde diese komplexe Angelegenheit nicht auseinandernehmen. Er würde sagen: „Woher sollen wir wissen, was Gottes Initiative, was die des Menschen ist?“ Ein Teil der Erlösung ist Gottes Ruf und wir alle werden von Gott gerufen; letztlich können wir nur deshalb eine Willensentscheidung treffen, weil der Heilige Geist uns ruft.

Dr. Flowers: Das ist der Grund, weshalb Männer wie Dr. Harwood, Dr. Allen und andere Theologen, mich eingeschlossen, sich sehr gegen den Vorwurf des Semi-Pelagianismus wehren. Wir glauben, dass Gott die Initiative zu unserer Erlösung ergriff, als er seinen Sohn sandte, als er den Heiligen Geist sandte, um die Welt der Sünde zu überführen. Mit anderen Worten: Es gibt kein Universum, in dem es einen Pelagianismus nach der Definition Augustins geben könnte.

Dr. Bonner: Das ist der Knackpunkt. In einem erweiterten Sinne sind Gott und Jesus immer am Rufen. Wie kann da jemand überhaupt auf den Gedanken kommen, er hätte ohne ihre Hilfe die Initiative zu seiner Erlösung ergriffen?

Aber sehen Sie, in einer polemischen Situation müssen die Menschen plötzlich sehr vorsichtig sein in dem, was sie sagen. Vielleicht haben sie zuvor nicht so sehr auf ihre Worte achtgegeben. Das trifft auf die Auseinandersetzung um den Begriff der „Perfektion“ zu. Man warf Pelagius vor, er hätte gesagt, es sei möglich, Perfektion zu erreichen. Nein, das hat er nicht gesagt. Er hat vielmehr argumentiert, dass Perfektion unerreichbar ist. In diesem Leben ist es unmöglich, vollkommen zu werden, deshalb ist es nötig, immer weiter danach zu streben. Aber nachdem die Sprache der Perfektion durch Augustinus stigmatisiert worden war, wurden alle dazu sensibilisiert, wie sie von Perfektion sprachen. Zuvor, wenn man sich Hieronymus, Basilius, das Leben der Wüstenväter oder Palladius von Helenopolis anschaut, warfen alle mit dem Begriff „Perfektion“ geradezu um sich. Es war ein Wort, dass diese Menschen regelmäßig gebrauchten, was sie aber damit meinten, war das Streben nach Perfektion. Sie hatten keine Bedenken, dieses Wort zu gebrauchen, sie analysierten es nicht und grenzten den Bedeutungsspielraum nicht genau ein. Sie sagten nicht: „Natürlich meine ich nicht, dass man wirklich perfekt werden kann, sondern ich meine damit, dass man bis an sein Lebensende nach Perfektion streben soll, damit man der Imitation Christi so nahekommt, wie es einem Menschen nur möglich ist.“ Solange man nicht beschuldigt wird, etwas Böses zu verbreiten, ist man mit den Worten, die man verwendet, etwas nachlässiger.

Dr. Flowers: Ich kann das gut verstehen. Es kommt manchmal vor, dass ich mich nicht sehr präzise ausgedrückt habe und danach beschuldigt werde, etwas zu glauben, was ich gar nicht glaube; und das nächste Mal, wenn ich über die gleiche Sache spreche, drücke ich mich sehr präzise aus, damit ich nicht ein zweites Mal angegriffen werde.

Stimmt es, dass Augustinus irgendwann gesagt hat, dass seine Vorwürfe gegen Pelagius nicht berechtigt seien, dass dies aber keine Rolle spiele, man müsse dennoch diese Lehren unbedingt offiziell als Ketzerei verdammen. Stimmt das, oder stelle ich das falsch dar?

Dr. Bonner: Nein, das ist genau richtig. In Bezug auf Pelagius und Caelestius hat Augustinus dies dreimal zugegeben, in Bezug auf Caelestius ein weiteres, viertes Mal. Insbesondere gibt es da einen Brief, den Augustinus 416, zwei Jahre, bevor Pelagius endgültig verurteilt wurde, an Johannes von Jerusalem schrieb. In dem vollen Wissen, dass Johannes mit Pelagius in Kontakt war und Pelagius diesen Brief lesen würde, beendet er ihn mit den Worten: „Es kümmert mich nicht, ob Pelagius diese Thesen je gelehrt hat, und es spielt auch keine Rolle, ob er sie irgendwann in der Zukunft verwerfen wird.“ Aus Augustins Perspektive waren dies böse Ideen, die im Umlauf waren und unbedingt verschwinden mussten.

Dr. Flowers: Aber waren diese Ideen tatsächlich im Umlauf, wenn schon Pelagius und Caelestius sie nicht lehrten?

Dr. Bonner: Nun, das ist eine gute Frage. Die Ideen, die Pelagius vorgeworfen wurden, waren, [in dieser Form, als zusammengehörige Kollektion von Lehrsätzen,] nicht im Umlauf. Aber der Gedanke, dass der Mensch einen effektiven freien Willen hat, den gab es natürlich. Und dieser Gedanke war ja das eigentliche Angriffsziel.

Nun, waren diese Ideen im Umlauf? Von Rufin von Syrien gibt es einen Text, Das Buch vom Glauben. Und am Ende dieses Textes finden wir die Aussage, dass Adam als sterbliches Wesen erschaffen wurde und gestorben wäre, auch wenn er nie gesündigt hätte. Das heißt, es gab also zumindest einen Autor, der in einem uns erhalten gebliebenen Text diese Lehre, die Pelagius vorgeworfen wurden, vertreten hat. Es gibt aber keinen Hinweis darauf, dass irgendjemand sonst diese Lehre vertreten hätte, und mit Pelagius hatte dieser Gedanke nichts zu tun. Aber zumindest gab es einen Menschen, der das geglaubt hat. Ironischerweise war dieser wahrscheinlich ein Mönch aus einem der Klöster, die Hieronymus gegründet hatte, und es gibt Hinweise darauf, dass er von Hieronymus mit Briefen nach Rom gesandt wurde.

Einige der 14 Ideen waren natürlich im Umlauf. Zum Beispiel war der Gedanke, dass Reiche nicht in den Himmel kommen können, auf einigen Inseln im Mittelmeer am Zirkulieren. Aber diese Gedanken können wir auf Basilius und Chrysostomus zurückverfolgen. Sie kommen aus dem griechischen Osten.

Dr. Flowers: Für die, die nicht informiert sind: Eine der 14 Lehren, die Augustinus Pelagius vorwarf, lautete: Reiche können nicht errettet werden.

Um das, was Sie gesagt haben, nochmal zusammenzufassen: Pelagius vertrat im Großen und Ganzen in Bezug auf den freien Willen und die Erlösung keine neuen Ansichten, aber Augustinus karikierte die orthodoxen Überzeugungen des Pelagius, damit er [unbemerkt] seine eigenen, neuartigen Lehren einführen konnte.

Dr. Bonner: Genau. Augustinus liest Bedeutungen in die Texte des Pelagius hinein, und er benutzt fragwürdige Lehren, die im Umlauf waren, um Pelagius zu verunglimpfen. Und was Augustinus dann auf den Kirchensynoden macht, ist, dass er den Eindruck entstehen lässt, jede Ablehnung seiner drei neuen Ideen, die er als die fundamentalen Grundsätze des Christentums ansieht, sei Ketzerei. (Diese drei neuen Ideen waren die Erbsünde, ein absolutistisches Verständnis der vorlaufenden Gnade und die Prädestination, die als Vorherbestimmung interpretiert wird.) Und damit wiederum entsteht der Eindruck, dass diese drei [eigentlich neuen] Ideen zu der bisher allgemein anerkannten [orthodoxen] Lehrmeinung gehören. Und jeder, der diese Ideen leugnet, ist ein Ketzer. Wenn das Konzept der Erbsünde von einer Synode anerkannt wird, und außerdem noch ein Gesetz erlassen wird, das es verbietet, diesem Konzept zu widersprechen, so wie das Verbot des Honorius in 418 es tut, dann erschafft man die Wahrnehmung, dass diese drei neuen Ideen Orthodoxie sind.

Sie sehen also, wie das funktioniert: Man sammelt einen Katalog falscher theologischer Ideen zusammen, schreibt sie jemanden zu, der den Konsens verteidigt, und dann kann man die eigenen Ideen einführen. Dann sagt man: „Schau, der leugnet diese (neuen) Ideen, deshalb ist er ein Ketzer. [Tatsächlich hat aber der „Ketzer“ die etablierten Lehren verteidigt, und der Ankläger – in diesem Fall Augustinus – hat neue, häretische Ideen erfunden.]

Dr. Flowers: In meiner Ausbildung als systematischer Theologe wurde mir die Erbsünde so beigebracht, dass der Sündenfall unsere Natur verdorben hat und wir deshalb einen Erlöser brauchen. Auch heute noch glaube ich an die Erbsünde, aber sicher nicht mehr so, wie Augustinus es tat. Ich glaube nicht mehr daran, dass wir wegen der Erbsünde unfähig geworden sind, vor Gott zu bekennen, dass wir verdorben sind und einen Erlöser brauchen. Mit anderen Worten: Ich glaube nicht, dass wir wegen des Sündenfalls die Verantwortung verloren haben, auf die Gnade, die uns im Evangelium angeboten wird, zu reagieren.

Für mich bedeutet die Erbsünde einfach, dass Adam gesündigt hat und Adams Sünde in irgendeiner Form Auswirkungen auf uns hat. Können Sie uns aus historischer Perspektive helfen zu verstehen, wann das Konzept der Erbsünde zuerst diskutiert wurde. Was wurde damals unter Erbsünde verstanden? Warum stimmte Pelagius nicht mit Augustinus überein?

Dr. Bonner: Ich bin natürlich kein absoluter Experte zu dem Thema „Erbsünde“ und ich weiß nicht, wann der Begriff zum ersten Mal geprägt wurde. Aber ich würde gerne das erwähnen, was ich bei Basilius gelesen habe. Als es eine Hungersnot in Cäsarea gibt, versucht Basilius, die Reichen dazu zu bringen, ihr Geld zu spenden. Basilius sagt: „Gebt Geld, und das wird eure Erbsünde wegwischen.“ Es gab also schon den Gedanken der Erbsünde durch den Fall Adams, aber bedeutete er, dass wir in keinerlei Weise irgendetwas Gutes tun können? Basilius hat seiner Gemeinde jedenfalls sehr eindeutig versichert, dass das Geld, das sie für die Armen spenden würden, ihre Erbsünde wegwischen würde. Offensichtlich war für ihn die Erbsünde also nicht etwas, das in Stein gemeißelt war [und nicht durch die Aktivität des Menschen entfernt werden konnte.]

Pelagius argumentierte, dass der Mensch durch das Kommen Jesu in dem gleichen Maße neu gemacht wurde, wie er durch Adams Fall in den Staub geworfen worden war. Pelagius würde wohl sagen: Man missversteht Gottes Absichten mit der Menschwerdung und dem Kommen Jesu, man schmälert Jesu Wirken, wenn man nicht glaubt, dass Jesus Adams Sünde weggewischt hat. Nach Pelagius ist der Mensch durch Jesu Kommen nicht mehr in den Ketten der Sünde Adams gefangen.

Dr. Flowers: Könnte das der Grund sein, warum dem Pelagianismus manchmal die Lehre vorgeworfen wird, dass wir durch das, was Jesus getan hat, so wie Adam werden? Das wir völlig unschuldig geboren werden, so wie Adam im Garten war? Mit anderen Worten, dass Christus die Auswirkungen des Sündenfalls beseitigt hat? Trifft das zu?

Dr. Bonner: Nein, damit würde man sicher etwas in seine Texte hineinlesen, was er nie gesagt hat. Damit würde ich vorsichtig sein. Was er tatsächlich sagt, ist, dass kein Mensch je vollkommen sein kann. Ein Grund, weshalb man die historische Perspektive einnehmen sollte, ist, dass man versuchen sollte, von den Schriften des Pelagius auszugehen und zu verstehen, was er mit seinen Texten erreichen wollte. Was war seine Agenda?

Sein Ziel war es, das Königreich Gottes zu bauen, die Gemeinde Gottes auf Erden, wie Christus sie sich vorgestellt hat. Pelagius stellt sich die Frage: „Wie kann ich nach den Worten Christi leben, wie kann ich ihn imitieren?“ Er will damit nicht sagen, dass wir es tatsächlich jemals erreichen können, oder dass die Gemeinde Christi völlig ohne Flecken und Runzeln dasteht. Aber wir sollten dieses Ziel anstreben.

Ich denke, man kann den Texten nicht entnehmen, dass der Mensch so sündlos werden kann, wie Adam im Garten Eden war, sondern es geht ihm darum, dass Jesus uns die Fähigkeit gegeben hat, ihm nachzufolgen, dass er uns seinen Weg gelehrt hat. Es geht Pelagius darum, denen Hilfestellung zu geben, die sich vorgenommen haben, Christus zu imitieren. Das heißt nicht, dass man das Ziel der Vollkommenheit je erreichen wird.

Dr. Flowers: Insbesondere nicht ohne Gottes Hilfe. Denn Pelagius hat nie gesagt, dass wir ohne Gottes Hilfe dieses Ziel anstreben sollten. Und das hat man ihm ja vorgeworfen.

In solchen Kontroversen wird oft ein Entweder-Oder aufgestellt, als wenn es nur zwei Optionen gäbe. In Wahrheit gibt es viele Grauschattierungen dazwischen. Die Geschichte zu kennen ist wichtig, weil wir Menschen die Tendenz haben, die Fehler aus der Vergangenheit zu wiederholen. Jeder, der mit objektivem Blick zurückschaut, wird bei Pelagius Dinge finden, mit denen er übereinstimmt, und Dinge, mit denen er nicht übereinstimmt. Das Gleiche trifft aber auf Augustinus zu. Manchem bei Augustinus würde ich voll zustimmen, aber es gibt vieles bei ihm, mit dem ich überhaupt nicht übereinstimme – schließlich glaubte Augustinus an die Taufwiedergeburt und daran, dass man das Heil wieder verlieren kann. Wer sich als Theologe wirklich objektiv mit diesen beiden Männern beschäftigt, kommt zu dem Schluss, dass sie beide nur Menschen waren und sich manchmal geirrt haben. Eine Entweder-Oder-Kultur hilft nicht zu verstehen, was damals vor sich ging.

Dr. Bonner: Das ist absolut richtig. Man erschafft damit eine falsche Polarität. Augustinus aber muss eine solche Polarität, ein falsches binäres Modell, erschaffen. [Das binäre Modell ist: Wer nicht denkt, dass Gottes Gnade alles bewirkt, der hat sie gänzlich verleugnet.] Er muss Pelagius in die Ecke des Ich-brauche-Gott-nie-und-zu-keiner-Zeit-Denkens drängen, um ihn zu diffamieren. Das ist eine rhetorische Strategie.

Der Historiker berücksichtigt den politischen Hintergrund und analysiert die Quellentexte. Er schaut sich an, welche rhetorischen Strategien die Texte aufweisen. Er überlegt: Wie ist der Text aufgebaut? Welche sprachlichen Mittel werden eingesetzt, um die Leser zu überzeugen? Welche Hebel werden gebraucht, um die Leser z.B. einzuschüchtern? Pelagius zum Beispiel wird mit dem Begriff „gefährlich“ belegt: Er ist ein Wolf, der in der Herde Gottes große Verwüstungen anrichtet. Augustinus muss die Gefährlichkeit herausstellen, um eine legislative Reaktion gegen Pelagius auszulösen.

Aber dies ist keine binäre Angelegenheit, kein Entweder-Oder. Und die Belege für eine differenziertere Sichtweise finden sich in den Briefen des Pelagius. Wenn man die Briefe liest, gewinnt man nicht den Eindruck, dass er meint, der Gnade Gottes nicht zu bedürfen. Das sagt er einfach nicht.

Dr. Flowers: Das ist genau das Ergebnis, das ich mir von diesem Interview erhofft habe. Wir sollten aus der Geschichte lernen, anstatt die Fehler zu wiederholen. Die Sorte von Menschen, die uns in die Inquisition führten, waren auch die Sorte von Menschen, die eine Art von Rhetorik gebrauchten, wie Augustinus sie gebrauchte: Sie versuchten in den Menschen Hass gegen die „Ketzer“ und ihre „gefährlichen“ Lehren zu erzeugen. Manche Lehren und Dogmen haben vielleicht gefährliche Aspekte, aber wenn wir unsere christlichen Mitmenschen, die an die Bibel glauben und die mit ehrlichem Herzen danach streben, Christus nachzufolgen, so gut sie es können, unter das Damoklesschwert der Irrlehre setzen . . . Es gibt jedenfalls viele, die bereit sind, alles dafür zu tun, dass sie nicht als Ketzer dastehen. Diese Angst, als Pelagianer bezeichnet zu werden, habe ich nur allzu oft erlebt.

Es erinnert mich an eine Strategie, die in der politischen Welt oft gebraucht wird, wenn man den Gegner schlecht machen will. Man bringt ihn irgendwie mit dem absoluten Teufel Hitler in Verbindung. Wenn man ihm anhängen kann, irgendetwas gesagt zu haben, was Hitler irgendwann einmal gesagt hat, dann hat man ihm einen bösen Charakter nachgewiesen und damit bringt man auch seinen Standpunkt in Misskredit. Das nennt man ein ad hominem-Argument. Und das geschieht auch in der theologischen Sphäre nur allzu häufig. Anstatt tiefgründige, ehrliche Debatten über das schwierige Thema zu führen, wie der allmächtige und ewige Gott mit dem vergänglichen Menschen zusammenarbeitet, um ihn zu erlösen, belegt man den theologischen Gegner mit einem Label und dann braucht man sich gar nicht erst mit ihm auseinanderzusetzen.

Dr. Bonner: Das ist genau das, was mit Augustinus und Pelagius passiert ist. Und das Traurige daran ist, dass sie sich nie zusammengesetzt haben und miteinander geredet haben. In seinen Schriften sagt Augustinus an einer Stelle, dass er Pelagius kurz gesehen hat, wie er über den Marktplatz ging. Hätten sie sich persönlich getroffen und ein ehrliches Gespräch geführt, wäre das nie passiert. Sie wären vielleicht nicht übereingekommen, aber sie hätten einander nicht derart angegriffen. Nun ja, Pelagius hat Augustinus ja nicht angegriffen . . .

Dr. Flowers: Ich muss Sie an dieser Stelle mal unterbrechen, aber Sie haben soeben etwas gesagt, wo ich unbedingt einhaken muss. Pelagius hat Augustinus nie angegriffen?

Dr. Bonner: Nein, sehen Sie, das ist die Sache mit dem „Das-Böse-mit-Gutem-vergelten.“ Es gibt nur eine einzige Stelle, an der Pelagius etwas sagt, was auch nur in die Nähe einer leisen Kritik kommen könnte. Ich kann dabei natürlich nur von den Werken ausgehen, die uns erhalten geblieben sind. Aber in dem Brief an Demetrias redet er darüber, wie wichtig es für Geistliche ist, danach zu streben, Christus zu imitieren. Und da sagt er: „Sogar einige Bischöfe folgen nicht der goldenen Regel, den Nächsten zu lieben wie sich selbst.“ Das ist das Äußerste an Kritik, was er jemals vorbringt. Ich lese da zwischen den Zeilen eine Kritik an Augustinus heraus, sowie die Aufforderung an Demetrias, wachsam zu sein. Demetrias befand sich zu der Zeit, als sie diesen Brief empfing, ja in Nordafrika. Und wir wissen, dass Augustinus im Briefverkehr mit der Mutter und der Großmutter der Demetrias stand, und in seinem Brief an die Mutter der Demetrias bezeichnet er Pelagius geradeheraus als einen Irrlehrer.

Dr. Flowers: Und Pelagius zahlt es ihm nicht mit gleicher Münze heim?

Dr. Bonner: Nicht in irgendeinem Text, der erhalten geblieben ist. Ich denke auch, dass Augustinus schon viel früher, etwa 410/411, begonnen hat, Pelagius anzugreifen. Julian von Aeclanum hat sich später kritisch dazu geäußert und gesagt, dass man Pelagius nicht mit christlicher Nächstenliebe behandelt habe, als man ihn namentlich angriff und verteufelte. Allerdings konnte Julian von Aeclanum auch sehr polemisch werden. Er und Augustinus von Hippo sind nicht vorbildlich miteinander umgegangen.

Dr. Flowers: Ich habe schon mehrfach das Thema des Unrechts gegen Pelagius angeschnitten und dann habe ich öfters zu hören bekommen: „Was spielt das heute noch für eine Rolle? Das ist so lange her. Natürlich hat es in der Geschichte Situationen gegeben, wo einigen Menschen vielleicht zu Unrecht eine Irrlehre angehängt wurde, aber das ist doch für uns heute gar nicht mehr relevant. Ok, es ist bewiesen, dass Pelagius diese Dinge nicht gelehrt hat, aber trotzdem war es falsches Gedankengut, das bekämpft werden musste. Und heute ist dieses Gedankengut nun mal unter der Bezeichnung Pelagianismus bekannt. Das ist doch nur eine Bezeichnung.“

Dr. Bonner: Das Problem damit, ein Label/eine Bezeichnung zu gebrauchen, ist, dass damit suggeriert wird, dass es dieses Phänomen wirklich gab. Und eines muss ganz klar sein: Es gab keinen Katalog an neuen Lehren, es gab keine neue bedrohliche Gruppe und Pelagius selbst hat diese Gedanken nicht gelehrt. Wenn man das Label „Pelagianismus“ dennoch weiterhin verwendet, entgeht einem, was wirklich passiert ist. Das Label „Feinde der Gnade“ wurde ja gerade dazu erfunden, neue Lehren unter der Hand einführen zu können. Das verpasst man, wenn man dieses Label so stehen lässt. Wer den Begriff „Pelagianismus“ verwendet, beteiligt sich an einer falschen Geschichtsdarstellung.

Was tatsächlich passierte, war: Drei neue, miteinander verknüpfte Lehren werden favorisiert und in den Mainstream-Konsensus eingeführt. Und wer immer noch den effektiven freien Willen und ein positives Verständnis der menschlichen Natur vertritt, wird unter Anklage gesetzt. In einem gewissen Sinn ist die Debatte erstickt worden.

Im Christentum des Westens ist deshalb langfristig diese kognitive Dissonanz entstanden, die es im orthodoxen Osten nicht gibt, weil man dort nicht davon ausgeht, dass der Sündenfall die Erbsünde hervorgebracht hat. In der griechisch-orthodoxen Tradition glaubt man, dass der Sündenfall eine umfassende, kosmische Trennung zwischen Gott und dem Menschen verursacht hat, aber die Erbsünde wird nicht als etwas angesehen, was auf physische Weise durch die Fortpflanzung von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird.

Ich würde das so formulieren: Wir sollten das, was tatsächlich passiert ist, nicht falsch wiedergeben. Es ist wichtig festzuhalten: Drei neue Ideen werden eingeführt, und deshalb wird jemand verteufelt. Wenn man aus der Geschichte lernen will, muss man wahrheitsgetreu das wiedergeben, was wirklich passiert ist.

Dr. Flowers: Auf Grund der Texte, die ich gelesen habe, nehme ich an, dass Pelagius ein wahrer Gläubige war und im Himmel sein wird. Und es gibt so manchen, der sich ernsthaft bei Pelagius wird entschuldigen müssen, wenn er dort oben ankommt. Es stünde auch jeden Christen gut an, dieses Label „Pelagianer“ nicht mehr zu verwenden, nachdem bewiesen worden ist, dass Pelagius selbst den Pelagianismus nicht gelehrt hat. Das gilt insbesondere, weil heute jedem dank moderner Technologien die Texte des Pelagianus zur Verfügung stehen.

Dr. Bonner: Genau. Seine Werke wurden erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts wiedergefunden, als man sie ihm eindeutig zuordnen konnte. Und dann konnten im zwanzigsten Jahrhundert, kürzlich erst, die Manuskripte digitalisiert werden. Und das andere mit falschen Ideen ist: Wenn es tatsächlich schlechte Ideen gibt, müsste es doch möglich sein, sie argumentativ zu widerlegen, anstatt einen Mythos zu kreieren und jemanden Arroganz vorzuwerfen. Die Ironie der Geschichte ist, dass Pelagius, seinen Schriften nach zu urteilen, der am wenigsten arrogante Mensch war.

Wenn seine Werke Von der Natur und Vom freien Willen in Manuskriptform gefunden werden sollten, und er sich dann doch als ein arroganter Charakter herausstellen sollte, dann würde ich sofort meine Meinung revidieren. Aber von den Schriften her, die wir kennen, ist das so weit entfernt von der Wahrheit, wie es nur irgend geht. Bei ihm dreht sich alles um die Frage, wie man in einer normalen Umgebung bedingungslose Liebe ausleben und Christus imitieren kann. Das ist nämlich nicht so einfach. Man muss viele Entscheidungen treffen, schwierige Gespräche führen, . . . und wie macht man das? Das ist seine Agenda, und er gründet sie auf seiner absoluten Verehrung der Evangelien und dem Wunsch, Christus zu imitieren.

Dr. Flowers: Das sind so hilfreiche Ausführungen. Vielen Dank für die Zeit, die Sie uns heute gewidmet haben. Ich schätze es sehr, dass Sie bereit sind, über ein Thema zu sprechen, das vielleicht auch Ihnen ein Label einbringen könnte. Ich höre schon, wie manche jetzt anspringen: „Schaut her, wir haben Leighton schon immer in Verdacht gehabt, und jetzt hat er tatsächlich eine Wissenschaftlerin eingeladen, die Pelagius verteidigt. Wussten wir es doch!“

Aber wie Sie schon herausgestellt haben: Was meint man damit, wenn man mich einen Pelagianer nennen? Meint man die 14 Punkte, von denen Pelagius alle bis auf einen halben Punkt abgelehnt bzw. nie vertreten hat? Oder meint man die Strohmann-Charakterisierung, die man im Seminar und aus dem Wörterbuch gelernt hat? Als Brüder und Schwestern im Herrn sollten wir den anderen so fair wie möglich wiedergeben. Sie waren bereit, objektiv zu sein und die Quellentexte selbst sprechen zu lassen.

Dr. Bonner: Ich bin dieses ganze Thema nicht als Theologin angegangen und will niemanden sagen, was richtig und was falsch ist. Ich bin an dem geschichtlichen Hintergrund und an den Texten interessiert. Als Historikerin beginnt man immer bei den Manuskripten selbst und analysiert sie sehr genau. Und dann bezieht man das ein, was in einem erweiterten geschichtlichen Kontext passiert ist. Es gibt da eine große Bandbreite an Texten, die man lesen und berücksichtigen muss. Man muss Rufin von Aquileia, Basilius, die griechischen und lateinischen Autoren aus Westgallien, Ambrosius von Mailand, Evagrius von Antiochien, Hieronymus in Palästina, Athanasius von Alexandrien lesen. Dann erhält man die historische Perspektive. Aber theologisch gesehen, versuche ich nicht den Menschen zu sagen, was richtig und was falsch ist. Ich habe kein Problem damit, wenn jemand die augustinische Theologie für richtig hält. Ich persönlich allerdings denke, dass ein negatives Verständnis der menschlichen Natur eher schädlich ist. Pelagius argumentierte, dass das Beste, was er für die Menschen tun konnte, war, ihnen zu erklären, dass sie den guten Kampf gewinnen können. Deshalb hielt er den freien Willen und das Gute im Menschen für so wichtig, die Tatsache, dass der Mensch sich für das Böse oder das Gute entscheiden kann. Er sagte: Man kann das Gute tun.

Dr. Flowers: Mit Gottes Hilfe.

Dr. Bonner: Ja, natürlich. Mit Gottes Hilfe. Man sollte die Texte im Zusammenhang lesen und sich nicht hier und da etwas herauspicken. Man muss auch verstehen, was Pelagius meint: Er möchte Gottes Königreich bauen und die Christen auffordern, sich so zu verhalten, wie Jesus es gesagt hat. Er spricht darüber, wie wir das praktisch umsetzen können.

Dr. Flowers: Ich möchte meine Zuschauer ermutigen, das Buch von Dr. Bonner, The Myth of Pelagianism, zu lesen. Und das nächste Mal, wenn euch jemand beschuldigt, ein Pelagianer oder Semi-Pelagianer zu sein, dann drückt ihm einfach das Buch in die Hand: „Hey, warum informierst du dich nicht mal?“ Vielen Dank, Dr. Bonner.

 

Dr. Bonner hat, ebenso wie Dr. Kenneth Wilson, dazu beigetragen, die geheimen (und manchmal nicht so geheimen) Machenschaften Augustins zu enttarnen. Dr. Wilson konnte durch das umfassende und chronologische Lesen aller augustinischen Werke das Datum der Rückbekehrung Augustins in den Determinismus überzeugend auf 411/412 verlegen. Zuvor herrschte in der gelehrten Forschung die Meinung vor, dass Augustinus schon im Jahr 396 sein Verständnis von der rettenden Gnade verändert habe. Dieses Datum hatte der Kirchenvater mit geschickten rhetorischen Mitteln selber suggeriert: Mit Auslassungen, subtilen Andeutungen, mehrdeutigen Formulierungen, Neudefinitionen bekannter Begriffe, bis hin zu der Art und Weise, wie er bestimmte Werke unterteilte, hat Augustinus nicht nur seine Zeitgenossen, sondern weitere 1600 Jahre lang die gelehrte Nachwelt getäuscht. Wilson hat einen beeindruckenden Beitrag dazu geleistet, diese Täuschungen aufzuklären. Vor allen Dingen konnte Wilson schlüssig nachweisen, dass Augustinus zwei entscheidende Werke nachträglich revidiert hat, um es auf diese Weise so aussehen zu lassen, als sei er schon 396 zu seinen deterministischen Auslegungen gekommen, und als seien diese die althergebrachte Theologie.

Bonners Forschungsergebnisse geben den Erkenntnissen Wilsons faszinierende, unabhängige Unterstützung. Ausgehend von den Briefen des Pelagius weist sie nach, dass die Anschuldigungen Augustins gegen Pelagius fingiert waren und die Erfindung einer gefährlichen neuen Irrlehre als Ablenkungsmanöver dienen sollte, damit er verdeckt seine neuen deterministischen Lehren einführen konnte. Interessanterweise tauchen die ersten Angriffe Augustins auf Pelagius rund um das von Wilson neubestimmte Rückbekehrungsdatum auf. Auch Dr. Bonner argumentiert, dass Augustinus es so aussehen lassen wollte, als seien seine neuen Auslegungen schon immer Orthodoxie gewesen.

Wilson identifiziert fünf deterministische Neulehren, deren Spuren er durch die späten Texte Augustins hindurch verfolgt, Bonner konzentriert sich auf die drei zentralen dieser fünf deterministischen Neulehren (absolutistische Gnade, Prädestination als Vorherbestimmung, Erbsünde), die sie „the Triune,“ die Dreieinigkeit, nennt. Beide Forscher beteuern ihre Objektivität: Wilson erschafft mit GUPIES (Göttliche Unilaterale Prädetermination von Individuen zu ihren Ewigen Schicksalen) eine neutrale Messlatte, mit der er jeden Text auf seinen „Determinismus-Gehalt“ hin überprüfen kann. Bonner betont, dass sie die distanzierte Sicht einer Historikerin einnimmt und sich eines theologischen Urteils enthält. Auch wenn Bonner sich im Unterschied zu Wilson auf die Texte konzentriert, die Ende des vierten, Anfang des fünften Jahrhunderts entstanden, liefert auch sie Textbelege dafür, dass kein christlicher Autor vor Augustinus eine ähnliche Auslegung vertrat. Augustins deterministischen Auslegungen waren schon damals fremdartig, umstritten und für einen Teil der Christenheit nicht akzeptabel.

In der gelehrten Forschung zu der augustinisch-pelagianischen Kontroverse bahnt sich dank solcher Forscher wie Bonner und Wilson ein Umbruch an, und es wird Zeit, die klischeehafte Dichotomie „Augustinus, der Gute/Pelagius, der Böse“ ernsthaft zu hinterfragen und die wahre Geschichte dieser Kontroverse einem breiteren Publikum bekanntzumachen.

Empfohlene Lektüre:

Ali Bonner, The Myth of Pelagianism, Cambridge, UK: Oxford University Press, 2018.

Kenneth M. Wilson, Augustine’s Conversion from Traditional Free Choice to »Non-free Free Will« – A Comprehensive Methodology, Tübingen: Mohr Siebeck, 2018. (Die Primärliteratur wird in Griechisch und Latein zitiert, weshalb die meisten Leser hauptsächlich vom englischsprachigen Fließtext profitieren werden.)

Ken Wilson, War Augustin der erste Calvinist? – Wenn ein Lehrsystem auf Sand gebaut ist, Düsseldorf: Christlicher Medienvertrieb Hagedorn, 2020. (Eine verständliche Kurzversion von Dr. Wilsons Werk, die helfen kann, einen Zugang zu seinem Fachbuch „Augustine’s Conversion“ zu finden.)

[1] https://global.oup.com/academic/product/the-myth-of-pelagianism-9780197266397?cc=us&lang=en&#; Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)

 

2022-02-18T13:18:18+01:00