Der Begriff „Erwählung“ im Neuen Testament – eine lexikalische Analyse von Wilfried Plock und anderen

Die Definition des Begriffes „Erwählung“, „Auswahl“, „erwählt“ etc. hat weitreichende Auswirkungen auf die Theologie der Errettung.

Im Punkt 1 werden die möglichen lehrmäßigen Interpretationen des Begriffes von (1) bis (6) kurz zusammengefasst.

In Punkt 2 sind alle Bibelstellen, in denen dieser Begriff mit grammatikalischen Variationen vorkommen, anhand des Computer-Programmes Clever aufgelistet. Die Angabe der Zahlen (es sind mehrere Deutungen möglich) am Ende der zitierten Bibelstelle erleichtert die Zuordnung der Interpretation. Es ist zu empfehlen, die jeweilige Bibelstelle zuerst im Kontext zu lesen.

In Punkt 3 werden einige Bibelstellen kurz ausgelegt, die im Zusammenhang mit dem Erwählungsverständnis von Bedeutung sind.

 

  1. Die unterschiedliche Bedeutung des Erwählungsbegriffes[1]

 

(1) Die Erwählung des Christus (Jes 42,1)

Die Auswahl einer einzelnen Person zu etwas Bestimmten – dem Heilsplan. Die Erwählung als

Ausdruck einer Beziehung (kostbar, geliebt). Der Erwählte ist der Geliebte.

(2) Die kollektive Erwählung des alttestamentlichen Volkes in Abraham

Bei Abraham ist es eine Auswahl einer einzelnen Person zu etwas Bestimmten – dem Heilsplan. Die

Erwählung wird in der physischen Geburt als Nachkomme Abrahams/Isaaks/Jakobs individuell,

sodass jeder ins Volk Gottes Geborene zum erwählten Volk gehört.

(3) Die kollektive Erwählung des neutestamentlichen Volkes (Gemeinde) in Christus

(3a) Die kollektive Erwählung des neutestamentlichen Volkes ist im Heilsplan Gottes vor ewigen

Zeiten vorgesehen (2Tim 1,9), deshalb ist die damals noch zukünftige Gemeinde als solche in

Christus vor Grundlegung der Welt erwählt, weil Christus vor Grundlegung der Welt erwählt war.

Damit war der Plan festgelegt, dass Gott in Christus (dem Erwählten) ein in Christus erwähltes Volk haben würde  –  ähnlich wie Gott in der Erwählung Abrahams das alttestamentliche Volk zuvor erwählte, nämlich in dem Moment, als er Abraham erwählte.

Die Erwählung wird in dieser Zeit in der geistlichen Geburt (durch die man in den erwählten

Christus hineinversetzt wird – Röm 16,7) individuell, sodass jeder (Jude und Heide) ins

neutestamentliche Volk Gottes Geborene zum erwählten Volk (Gemeinde) gehört. Die geistliche

Geburt setzt die Bekehrung voraus. Der Mensch muss auf Gottes Ruf reagieren, Buße tun und die

Einladung annehmen. Eine Erwählung zur Bekehrung kennt die Heilige Schrift nicht.

(3b) Die Erwählung umfasste das gesamte neue Volk Gottes, also sowohl die zukünftige Errettung aller

gläubigen Juden (gläubiger Überrest) wie auch aller gläubigen Heiden. Die Erwählung war Gottes

Plan eines herrlichen zukünftigen Heils für die Gemeinde (erwählt zu Herrlichkeit, Teilnahme am

Königreich Christi – Offb 20) Bei Bibelstellen mit (3b) liegt die Betonung des Verses auf der

zukünftigen Errettung.

        Die Kette in Römer 8,28-29:

– Der Vater kannte uns (d. h.: das neutestamentliche Gottesvolk) bereits im Voraus.  (Das

Vorauskennen spricht von einem Plan, dem Heilsplan Gottes in Christus.)

– Uns, die er im Voraus kannte, bestimmte er im Voraus zu Söhnen (d.h., dass „wir“, die Glieder

des neuen Gottesvolkes, „Söhne“ sein sollten).

– Diese Gruppe – uns – rief er. Darauf kamen wir (d. h.: alle, die glaubten).

– Diese Gruppe – uns – rechtfertigte er aufgrund des Glaubens.

– Diese Gruppe – uns – verherrlichte er in Christus.[2]

(4) Die Erwählung zum Dienst

Dazu gehört die Erwählung zum Apostelamt (erwähltes Rüstzeug), zum Missionar, zum Mitarbeiter,

zum Fruchtbringen etc.

(5) Die Erwählung der Engel und Menschen

Die Erwählung der Engel und Menschen drückt die besondere Beziehung aus (kostbar, geliebt).

(6) Die Erwählung im profanen Bereich

      Das Erwählen ist ein Ausdruck besonderer Wertschätzung: erlesen, kostbar machen, ausgezeichnet machen bzw. als kostbar bezeichnen/anerkennen (auserlesenes Silber, Spr 8,19; erlesene Krieger, Ri 20,15); etwas bevorzugen (die Wahl des Besseren).

 

  1. Bibelstellen, in denen die Erwählungs-Begriffe vorkommen

2.1 eklegomai: erwählen, sich (etwas) erwählen, wählen: („erwählen“ ist exakter und entspricht dem griechischen Verb ek-legein; „aus-er-wählen“ ist doppelt gemoppelt (ek-ek-lego = ich aus-er-wähle)).

 Lukas 6,13: Und als es Tag wurde, rief er seine Jünger herzu und erwählte aus ihnen zwölf, die er auch Apostel nannte. (4)

 Lukas 10,42: eins aber ist nötig. Denn Maria hat das gute Teil erwählt, das nicht von ihr genommen werden wird. (6)

 Lukas 14,7: Er sprach aber zu den Geladenen ein Gleichnis, da er bemerkte, wie sie sich die ersten Plätze auswählten, und sagte zu ihnen. (6)

 Johannes 6,70: Jesus antwortete ihnen: Habe ich nicht euch, die Zwölf, auserwählt (besser: erwählt)? Und von euch ist einer ein Teufel. (4)

 Johannes 13,18: Ich rede nicht von euch allen, ich weiß, welche ich erwählt habe; aber damit die Schrift erfüllt würde: „Der mit mir das Brot isst, hat seine Ferse gegen mich erhoben.“ (4)

 Johannes 15,16: Ihr habt nicht mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestimmt, dass ihr hingehet und Frucht bringet und eure Frucht bleibe, damit, um was irgend ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, er euch gebe. (4)

 Johannes 15,19: Wenn ihr von der Welt wäret, würde die Welt das Ihre lieb haben; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt. (4)

 Apostelgeschichte 1,2:

bis zu dem Tag, an dem er aufgenommen wurde, nachdem er den Aposteln, die er sich erwählt hatte, durch den Heiligen Geist Befehl gegeben hatte. (4)

 Apostelgeschichte 1,24: Und sie beteten und sprachen: Du, Herr, Herzenskenner aller, zeige von diesen beiden den einen an, den du erwählt hast. (4)

 Apostelgeschichte 6,5: Und die Rede gefiel der ganzen Menge; und sie erwählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochien. (4)

Apostelgeschichte 13,17: Der Gott dieses Volkes Israel erwählte unsere Väter und erhöhte das Volk in der Fremdlingschaft im Land Ägypten, und mit erhobenem Arm führte er sie von dort heraus. (2)

 Apostelgeschichte 15,7: Als aber viel Wortwechsel entstanden war, stand Petrus auf und sprach zu ihnen: Brüder, ihr wisst, dass Gott mich vor längerer Zeit unter euch dazu erwählt hat, dass die Nationen durch meinen Mund das Wort des Evangeliums hören und glauben sollten. (4)

 Apostelgeschichte 15,22: Dann schien es den Aposteln und den Ältesten samt der ganzen Versammlung gut, Männer aus sich zu erwählen und sie mit Paulus und Barnabas nach Antiochien zu senden: Judas, genannt Barsabbas, und Silas, Männer, die Führer unter den Brüdern waren. (4)

 Apostelgeschichte 15,25: schien es uns, einmütig geworden, gut, Männer zu erwählen und sie mit unseren Geliebten, Barnabas und Paulus, zu euch zu senden. (4)

­­­Korinther 1,27: sondern das Törichte der Welt hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und das Schwache der Welt hat Gott erwählt, damit er das Starke zuschanden mache (3b) ( Im Kontext von Kapitel 1 und 2: 1Kor 1,18; 2,7-9).

 Korinther 1,28: und das Unedle der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt [und] das, was nicht ist, damit er das, was ist, zunichtemache (3b), (vgl. 1Kor 1,21).

 Epheser 1,4: wie er uns erwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und untadelig seien vor ihm in Liebe. (3)

 Jakobus 2,5: Hört, meine geliebten Brüder: Hat Gott nicht die weltlich Armen erwählt, reich zu sein im Glauben, und zu Erben des Reiches, das er denen verheißen hat, die ihn lieben? (3b)

 

2.2 eklektos (Strongnummer 1588)

 a) Auserwählte: (besser: Erwählte) (substantivierte Perfekt-Passiv-Form)

 Matthäus 20,16: So werden die Letzten Erste und die Ersten Letzte sein. Denn viele sind Berufene, wenige aber Erwählte. (3b)

 Matthäus 22,14: Denn viele sind Berufene, wenige aber Erwählte. (3b)

 Matthäus 24,22: Und wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Fleisch errettet werden; aber um der Erwählten willen werden jene Tage verkürzt werden. (3b)

 Matthäus 24,24: Denn es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen und werden große Zeichen und Wunder tun, um so, wenn möglich, auch die Erwählten zu verführen. (3b)

 Matthäus 24,31: Und er wird seine Engel aussenden mit starkem Posaunenschall, und sie werden seine Erwählten versammeln von den vier Winden her, von dem einen Ende der Himmel bis zu ihrem anderen Ende. (3b)

Markus 13,20: Und wenn nicht der Herr die Tage verkürzt hätte, so würde kein Fleisch

errettet werden; aber um der Auserwählten (besser: Erwählten) willen, die er auserwählt hat, hat er die Tage verkürzt. (3b)

 Markus 13,22: Denn es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen und werden Zeichen und Wunder tun, um wenn möglich die Erwählten zu verführen. (3b)

 Markus 13,27: Und dann wird er die Engel aussenden und seine Erwählten versammeln von den vier Winden her, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels. (3b)

 Lukas 18,7: Gott aber, sollte er das Recht seiner Erwählten nicht ausführen, die Tag und Nacht zu ihm schreien, und ist er in Bezug auf sie langsam? (3b)

 Lukas 23,35: Und das Volk stand da und sah zu; es höhnten aber auch die Obersten und sagten: Andere hat er gerettet; er rette sich selbst, wenn dieser der Christus ist, der Erwählte Gottes! (1)

 Römer 8,33: Wer wird gegen Gottes Erwählte Anklage erheben? Gott ist es, der rechtfertigt. (3)

 Römer 16,13: Grüßt Rufus, den Erwählten im Herrn, und seine und meine Mutter. (3)

 Kolosser 3,12: Zieht nun an, als Erwählte Gottes, als Heilige und Geliebte: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut, Langmut. (3)

  1. Timotheus 2,10: Deswegen erdulde ich alles um der Erwählten willen, damit auch sie die Errettung erlangen, die in Christus Jesus ist, mit ewiger Herrlichkeit. (3b)

 Titus 1,1: Paulus, Knecht Gottes, aber Apostel Jesu Christi, nach dem Glauben der Erwählten Gottes und nach der Erkenntnis der Wahrheit, die nach der Gottseligkeit ist. (3)

 Offenbarung 17,14: Diese werden mit dem Lamm Krieg führen, und das Lamm wird sie überwinden; denn er ist Herr der Herren und König der Könige, und die mit ihm sind Berufene und Erwählte und Treue. (3b)

  1. b) auserwählt: (besser: erwählt) (Perfekt-Passiv-Form als Adjektiv und/oder als Teil des Verbs)

 1. Timotheus 5,21: Ich bezeuge ernstlich vor Gott und Christus Jesus und den erwählten Engeln, dass du diese Dinge ohne Vorurteil beachtest, indem du nichts nach Gunst tust. (5)

 1. Petrus 1,1-2a: Petrus, Apostel Jesu Christi, den Fremdlingen von der Zerstreuung von Pontus, Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien, erwählt nach der Vorkenntnis Gottes des Vaters. (3)

 1. Petrus 2,4: Zu welchem kommend, als zu einem lebendigen Stein, von Menschen zwar verworfen, bei Gott aber erwählt, kostbar. (1)

 1. Petrus 2,6: Denn es ist in der Schrift enthalten: „Siehe, ich lege in Zion einen Eckstein, einen erwählten, kostbaren; und wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.“ (1)

 1. Petrus 2,9: Ihr aber seid ein erwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk zum Besitztum, damit ihr die Tugenden dessen verkündigt, der euch gerufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. (2) und (3)

 2. Johannes 1,1: Der Älteste der erwählten Herrin und ihren Kindern, die ich liebe in der Wahrheit; und nicht ich allein, sondern auch alle, die die Wahrheit erkannt haben. (5)

 2. Johannes 1,13: Es grüßen dich die Kinder deiner erwählten Schwester. (5)

 

2.3 ekloge – das Nomen, abgeleitet vom Verb eklegomai  (Strongnummer 1589)

 a) Auswahl:

 Röm 9,11: selbst als die Kinder noch nicht geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten, damit der Vorsatz Gottes nach Auswahl bleibe. (2) und (3)

 Römer 11,5: So besteht nun auch in der jetzigen Zeit ein Überrest nach Auswahl der Gnade. (2) und (3)

Römer 11,7:  Was nun? Was Israel sucht, das hat es nicht erlangt; aber die Auswahl hat es erlangt, die Übrigen aber sind verhärtet worden. (2) und (3)

 Römer 11,28: Hinsichtlich des Evangeliums sind sie zwar Feinde, um euretwillen, hinsichtlich der Auswahl aber Geliebte, um der Väter willen. (2) und (3)

  1. b) Erwählte: (substantivierte Perfekt-Passiv-Form)

 Römer 11,7: Was nun? Was Israel sucht, das hat es nicht erlangt; aber die Erwählten haben es erlangt, die Übrigen aber sind verhärtet worden. (2) und (3)

  1. c) Erwählung: (Substantiv)

 Thessalonicher 1,4: … wissend, von Gott geliebte Brüder, eure Erwählung. (3)

 2. Petrus 1,10: Darum, Brüder, befleißigt euch umso mehr, eure Berufung und Erwählung fest zu machen; denn wenn ihr diese Dinge tut, so werdet ihr niemals straucheln. (3b)

 2.4 hairetizein (Strongnummer 140)

(erwählend) vorziehen: (im Griechischen ein anderes Wort für eklegomai)

Matthäus 12,18: Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem meine Seele Wohlgefallen gefunden hat; ich werde meinen Geist auf ihn legen, und er wird den Nationen Gericht ankündigen. (1)

2.5 hairesthai (Strongnummer 138)

Für sich auf die Seite nehmen; etwas für sich vorziehen, nehmen oder (er)wählen 

Philipper 1,22: Wenn aber das Leben im Fleisch mein Los ist – das ist für mich der Mühe wert, und was ich erwählen soll, weiß ich nicht. (6)

2. Thessalonicher 2,13-14: Wir aber sind schuldig, Gott allezeit für euch zu danken, vom Herrn geliebte Brüder, dass Gott euch von Anfang erwählt hat zur Errettung in Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit, wozu er euch berufen hat durch unser Evangelium, zur Erlangung der Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus. (3b)

 Hebräer 11,25: …und wählte lieber, mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, als den zeitlichen Genuss der Sünde zu haben. (6)

 

  1. Einige Bibelstellen im Kontext des Erwählungsverständnisses

 

3.1 proginoskeinvorherwissen, vorher kennen; durch Erfahrung wissen

Apostelgeschichte 26,5: die mich von Anfang an kennen – wenn sie es bezeugen wollen –, dass ich nach der strengsten Sekte unserer Religion, als Pharisäer, lebte.

Römer 8,29: Denn welche er zuvor erkannt hat, die hat er auch zuvor bestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.

Römer 11,2: Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erkannt hat. Oder wisst ihr nicht, was die Schrift in der Geschichte Elias sagt? Wie er vor Gott auftritt gegen Israel:

  1. Petrus 1,20: der zwar zuvor erkannt ist vor Grundlegung der Welt, aber offenbart worden ist am Ende der Zeiten um euretwillen.
  2. Petrus 3,17: Ihr nun, Geliebte, da ihr es vorher wisst, so hütet euch, dass ihr nicht, durch den Irrwahn der Frevler mit fortgerissen, aus eurer eigenen Festigkeit fallt.

Das griechische Wort für kennen ginosko entspricht auch dem hebräischen Wort jada und ist mehr als ein Wissen. Wenn in der Bibel davon die Rede ist, dass eine Person die andere „kennt“, ist ein besonderes Kennen gemeint, ein nahendes, liebevolles Kennen, das den Gekannten in eine persönliche Beziehung zu dem Kennenden setzt und umgekehrt.

Christus war dem Vater als das sich hingebende Lamm bekannt und von ihm liebevoll gekannt (1Petr 1,20). Der Herr Jesus kennt den Vater ebenso in besonderer Weise (Joh 8,55). Gott kennt die Gläubigen, das heißt, sie sind von ihm in eine liebevolle Beziehung genommen (Gal 4,9). Gott hat demnach die Gemeinde Jesu in Ewigkeit mit Zuneigung gekannt (1Petr 2,9). Und Gläubige „kennen“ ihren Herrn mit Erfahrung und Beziehung (Joh 17,3; 1Joh 5,20). Obwohl Gott alle Menschen kennt, wird er eines Tages zu den Ungläubigen sagen, dass er sie nie gekannt hat. Er ist mit ihnen nie in eine persönliche Beziehung getreten (Mt 7,23).[3]    

 

3.2 prognoosisVorherwissen, Vorauskenntnis

 Apostelgeschichte 2,23: …diesen, hingegeben nach dem bestimmten Ratschluss und nach Vorkenntnis Gottes, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen an das Kreuz geschlagen und umgebracht.

Wenn Gott den Herrn Jesus Christus als das Lamm „im Voraus kannte“, wird damit ausgedrückt, dass Gott in dem Wissen um den Sündenfall im Voraus für unser Heil Vorkehrung traf. Gottes Lamm war seit jeher die göttliche Vorkehrung für unsere Erlösung. Golgatha war Gottes ewiger Ratschluss. Das ist aber nicht dasselbe wie vorherbestimmte Handlungen.[4]

  1. Petrus 1,2: nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, durch Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi: Gnade und Friede sei euch vermehrt!

Gott hat jemanden im Voraus zum Gegenstand seines liebevollen Kennens gemacht. Gott kennt diejenigen im Voraus, von denen er weiß, dass sie sich bekehren würden, ganz persönlich, ehe sie existieren, und hat gedanklich eine Beziehung zu ihnen.[5]

Der Bibelvers kann aber auch kollektiv ausgelegt werden: Die Vorkenntnis betrifft Gottes Heilsplan für sein neutestamentliches Volk. Sie, die Gemeinde Jesu ist Gegenstand des Kennens Gottes. Damit ist nichts gesagt über die persönliche Bekehrung jedes Einzelnen.

Prognoosis ist kein Vorherbestimmen (proorizo). Davon wird es in Römer 8,28-29 unterschieden.

Prognoosis ist kein Erwählen. Davon wird es in 1. Petrus 1,1-2 unterschieden.[6]

 

3.3 tasseinsetzen, arrangieren, an einen Platz stellen, jemanden mit einer Aufgabe betrauen, anordnen, auftrage, beauftragen, anweisen, bestimmen, designieren, festsetzen, bereiten, einstellen[7]

Matthäus 28,16: Die elf Jünger aber gingen nach Galiläa, an den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte.

Lukas 7,8: Denn auch ich bin ein Mensch, der unter Befehlsgewalt gestellt ist, und habe Soldaten unter mir; und ich sage zu diesem: Geh!, und er geht; und zu einem anderen: Komm!, und er kommt; und zu meinem Knecht: Tu dies!, und er tut es.

Apostelgeschichte 13,48: Als aber die aus den Nationen es hörten, freuten sie sich und verherrlichten das Wort des Herrn; und es glaubten, so viele zum ewigen Leben bestimmt (gesetzt, disponiert, eingestellt) waren.

Apostelgeschichte 28,23: Als sie ihm aber einen Tag bestimmt hatten, kamen mehrere zu ihm in die Herberge, denen er die Wahrheit auslegte, indem er das Reich Gottes bezeugte und sie zu überzeugen suchte von Jesus, sowohl aus dem Gesetz Moses als auch den Propheten, von frühmorgens bis zum Abend.

1.Korinther 16,15: Ich ermahne euch aber, Brüder: Ihr kennt das Haus des Stephanas, dass es der Erstling von Achaja ist und dass sie sich selbst den Heiligen zum Dienst verordnet haben

Apostelgeschichte 13,48: Heiden in Antiochien waren zum ewigen Leben „gesetzt“ worden (o.: verordnet worden; o.: bereitet, disponiert, eingestellt, eingestimmt worden), im Gegensatz zu den Juden (V. 46), die sich des ewigen Lebens nicht würdig achteten. Das Herz dieser Heiden war eingestimmt. Sie nahmen das Evangelium an. Wie es dazu kam, wird nicht mitgeteilt.

Das Wort, das verwendet wird, ist tetagmenoi („gesetzt“) und nicht pro-tetagmenoi („im Voraus gesetzt“). Das griechische Mittelwort bezeichnet nicht notwendigerweise das Wirken Gottes, sondern kann auch die das Gläubig-Werden ermöglichende innere Verfassung dieser Heiden bezeichnen.

Im Gegensatz zu den Juden, die das Wort von sich stießen, waren diese Heiden „zum ewigen Leben gesetzt“, d.h. demnach für das ewige Leben empfänglich gemacht, darauf gerichtet, bestimmt, disponiert. Wie und wodurch diese Disposition zustande kam, wird nicht mitgeteilt. Da Gott möchte, dass alle Menschen gerettet werden, wirbt er um jeden. Es ist immer er, der den ersten Schritt tut (Joh 6,65; Röm 2,4). Doch es wird hier nicht ausgesagt, dass Gott im Voraus verordnet (o. bestimmt) hätte, dass eine bestimmte Anzahl von Antiochien das ewige Leben erhalten sollte im Gegensatz zu anderen, die es nicht erhalten sollten und dass eine gewisse, von Gott im Voraus verordnete Schar zum Glauben kam.[8]

Das Wort muss also aus dem Zusammenhang erschlossen werden. Die Juden lehnten das Evangelium ab, während die Heiden dafür empfänglich waren. Die Heiden waren durch die Verkündigung des Apostels Paulus mit ihrem Denken und Streben auf ewiges Leben (ohne Artikel; im zukünftigen Sinne – vgl. Lk 10,25; 18,18+30; Apg 1,18) ) gerichtet und kamen deswegen an jenem besagten Tag zum Glauben.

Der reformierte Theologe Buswell gibt zu verstehen, dass dieser Vers nicht als Beleg für die Prädestinationslehre herangezogen werden kann. Er schreibt: „Man könnte ohne weiteres übersetzen: ‚und es glaubten, so viele zum ewigen Leben bereit (o.: eingestimmt, disponiert) waren.‘“[9]

3.4 helko: ziehen und didomai: geben

Johannes 6,37: Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.

 Johannes 12,32: Und ich, wenn ich von der Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.

Jesus zieht durch die größte Liebestat, seinen Tod am Kreuz, zu allen Zeiten Menschen zu sich. Sein Liebeswerben zieht.

 Johannes 6,44: Niemand kann zu mir kommen, wenn der Vater, der mich gesandt hat, ihn nicht zieht; und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag.

Welche Menschen gibt der Vater dem Sohn?

Gemäß Vers 45 gibt der Vater dem Sohn solche, die „von Gott gelehrt“ worden sind. Lehren und Ziehen sind parallele Handlungen. Um an den Sohn glauben zu können, muss man zuvor ein gewisses Maß an Informationen bekommen. Alles, was mir der Vater gibt, ist das innere Vorbereiten der Menschen durch Belehrung. Menschen, die die Belehrung annehmen, sich vom Wort ziehen lassen, kommen dann zum Glauben an Jesus Christus.[10]

3.5 dianoigein – eröffnen

Apostelgeschichte 16,14: Und eine gewisse Frau, mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, die Gott anbetete, hörte zu, deren Herz der Herr auftat, dass sie Acht gab auf das, was von Paulus geredet wurde.

Wir lesen, dass Lydia Gott „in Ehrfurcht hielt.“ Sie betete Gott an und brachte dadurch gute Voraussetzungen mit. Sie hörte zu. Das griechische Wort für hören (akuo) impliziert auch die Bereitschaft zum Gehorchen. Deswegen konnte Jesus seine Zuhörer ermahnen: „Seht zu, wie ihr hört“ (Lk 8,18). Lydia hörte wahrscheinlich der Verkündigung mit einem willigen Herzen, das Gehörte anzunehmen, zu. Solchen Menschen tut Gott das Herz auf.

3.6 charizomai – geschenkt

 Philipper 1,29: Denn euch ist es im Blick auf Christus geschenkt worden, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden.

Damit ist nicht gemeint, dass Gott den Philippern den Glauben schenkte. Gott ist an dieser Stelle nicht der Verursacher des Glaubens, ebenso wenig wie er dargestellt wird als Verursacher des Leidens. Es geht in diesem Zusammenhang um die Würde, das Vorrecht. Genauso wie die Philipper gewürdigt sind, durch ihren Glauben an Jesus Christus gerettet zu sein, genauso sind sie auch gewürdigt, um seines Namens willen zu leiden (Apg 5,41).

3.7 lanchanein: losen

  1. Petrus 1,1: Simon Petrus, Knecht und Apostel Jesu Christi, denen, die einen gleich kostbaren Glauben mit uns empfangen haben durch die Gerechtigkeit unseres Gottes und Heilandes Jesus Christus.

Diese Christen aus der Zerstreuung haben einen „kostbaren Glauben“ als Los zugeteilt bekommen. Mit Glaube ist hier der „Glaubensinhalt“ bzw. das „Glaubensgut“ gemeint. Sie haben also das Glaubensgut (der Kostbare bzw. die Kostbarkeit ist Jesus Christus – 2Petr 2,4+7) zugeteilt bekommen.[11]

 

[1] Jettel, Thomas: Erwählung und Vorherbestimmung, CMV-Verlag, Bielefeld, S. 12-15

[2] A.a.O., Jettel, Thomas, S. 44

[3] A.a.0., Jettel, Thomas, 2012, S. 92, 93, 100, 102

[4] Ebd., S. 99

[5] Ebd., S. 101

[6] Ebd., S. 100

[7] Ebd., S. 145

[8] A.a.O., Jettel, Thomas: S. 146-148

[9] Ebd., S. 147

[10] A.a.0., Jettel, Thomas: S. 123-124

[11] A.a.0., Jettel, Thomas, S. 164

2020-12-10T16:38:59+01:00