Veröffentlicht am 12.05.2026

Einführung

Römer 9 wird von reformierten Theologen oft als Beleg der Heiligen Schrift für die Lehre der individuellen Erwählung angeführt: Römer 9 behandelt Gottes souveräne Erwählung Isaaks zuungunsten Ismaels sowie die Erwählung Jakobs zuungunsten Esaus, ohne Rücksicht auf etwaige Verdienste der Erwählten oder Verfehlungen der Nicht-Erwählten. Römer 9 widerlegt scheinbar den späteren arminianischen Einwand, die bedingungslose Erwählung erscheine unserem menschlichen Gerechtigkeitsempfinden als ungerecht. Es führt den Pharao als Beispiel dafür an, dass Gott ihn eigens zu dem Zweck „erhöhte“, um seine Macht zu demonstrieren. Gott erträgt diese „Gefäße des Zorns“ mit großer Langmut, um sich an den „Gefäßen seiner Barmherzigkeit“, den Erwählten, zu verherrlichen (vgl. Augustinus, „To Prosper and Hilary“, 14; Calvin, Institutio 3.22.4-6).

Ich behaupte jedoch, dass diese Interpretation den weiteren Kontext von Römer 9 – 11 außer Acht lässt; das Hauptthema des weiteren Kontextes ist die Darlegung der Konsequenzen des Evangeliums für das Volk Israel. Ferner wird der alttestamentliche Kontext der Paulus-Zitate außer Acht gelassen, der die Argumentation des Paulus in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt, sofern man dies richtig einordnet. Paulus ringt mit der Tatsache, dass Gott in der Schrift bestimmte Verheißungen bezüglich Israel gegeben hat, von denen er viele in und durch Christus erfüllt sieht. Doch Israel als Ganzes ist nicht zu Christus gekommen. Was bedeutet dies für Israel, für die Glaubwürdigkeit der Schrift und für das Evangelium des Paulus? Diese Fragen beherrschen die Gedanken des Paulus in Römer 9 – 11, und seine Aussagen zur Erwählung in Römer 9 müssen vor diesem Hintergrund eingeordnet werden.

Römer 9,1 markiert einen deutlichen Bruch mit dem Vorhergehenden, und doch stehen die folgenden Kapitel in engem Zusammenhang mit den Kapiteln, die ihnen vorausgehen. Paulus hat in Römer 1 – 8 die Sündhaftigkeit der gesamten Menschheit (Juden wie Heiden) aufgezeigt, die Rechtfertigung nicht durch die „Werke des Gesetzes“ (ergon nomou, 3,20), sondern durch „Glauben an Jesus Christus“ (pisteos Iesou Christou, 3,22). Abraham wurde als Beispiel für die Rechtfertigung durch Glauben vorgestellt, und die praktischen Konsequenzen dieser Rechtfertigung wurden dargelegt. Die Argumentation des Paulus ist am Ende von Kapitel 8 recht schlüssig abgeschlossen. Offen bleibt die Frage nach dem Zusammenhang zwischen seiner Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben an Christus und dem historischen Beziehung Gottes zu seinem Volk Israel.

Obwohl Paulus die Rechtfertigung durch Glauben nicht als etwas Neues, sondern als etwas darstellt, das mit Abraham begonnen hat, beantwortet dies nicht die Frage, warum Gott sich seinem Volk Israel vor allem aufgrund ihrer Abstammung von Abraham und ihrer Einhaltung des Gesetzes zuwandte. Die Heilige Schrift macht deutlich, dass die Israeliten ihre Beziehung zu Gott auf zweierlei stützten: die Abstammung von Abraham (1Mos 26,24; 5Mos 4,37; Mt 3,9; Lk 1,72-74) und die Einhaltung des Gesetzes (2Mos 20,6; 3Mos 26,3ff; 1Kö 9,4-5; Neh 1,9; Dan 9,4; Mt 19,17; Apg 15,5). Das jüdische Volk, das nicht in großer Zahl zu Christus kam, könnte argumentieren, dass Gott seine Verheißungen an Israel nicht erfüllt hat, wenn die Lehre des Paulus von der Rechtfertigung allein durch den Glauben zutrifft. Wenn Israel seine Zugehörigkeit zum Bund auf die Abstammung von Abraham und die Einhaltung des Gesetzes gründet, wie kann Gott dann sagen: „Nein, die Zugehörigkeit zum Bund gründet sich nicht auf die Abstammung von Abraham oder die Einhaltung des Gesetzes, sondern auf den Glauben an Christus“? Ihnen erscheint es so, dass Gottes Wort hinfällig wurde (Röm 9,6); doch genau dies widerlegt Paulus in Römer 9 – 11 mit Nachdruck.

Kurz gesagt, die Argumentation des Paulus beginnt mit der Infragestellung zweier Annahmen über Gottes Beziehung zu seinem Volk. In Römer 9 – 11 zielt die Argumentation darauf ab, den konkreten Vorwurf zu entkräften, dass Gottes Wort in Bezug auf Israel hinfällig ist, wenn das Evangelium des Paulus wahr ist. Viele traditionelle Auslegungen dieses Schriftabschnitts scheinen diesen Aspekt nur in wenigen Versen zu erkennen, doch tatsächlich ist dieser Vorwurf die zentrale Position, gegen die Paulus in den drei Kapiteln argumentiert. Es ist die Kernposition des „hypothetischen Fragestellers“, den Paulus in Römer 9,19-20 erwähnt, und sie ist in einer Reihe weiterer Verse (z. B. 9,6.16.32) enthalten. In Kapitel 3 hat Paulus bereits widerlegt, dass sich die Juden auf die Einhaltung des Gesetzes berufen können; Juden könnten sich jedoch weiterhin auf ihre Abstammung von Abraham als Beweis für ihre Zugehörigkeit zur Bundesgemeinschaft berufen. Die alttestamentlichen Verheißungen zur Wiederherstellung Israels hängen schließlich nicht von vollkommenem Gehorsam gegenüber dem Gesetz ab; in gewisser Weise scheint die Einhaltung des Gesetzes sogar eine der zu erfüllenden Verheißungen zu sein (z. B. Jer 31,33). Wenn Paulus also sagt, die Rechtfertigung geschehe durch den Glauben an Christus, und dieser Maßstab letztlich die Mehrheit der Juden ausschließt, die nicht zum Glauben an Christus gefunden haben, dann scheint er Gottes Verheißungen an Israel zunichtezumachen.

Die Antwort des Paulus darauf ist schlichtweg der Beweis, dass Gott die Nachkommen Abrahams nie als Nachkommen Abrahams zur Bundesgemeinschaft auserwählt hat. Dies wird deutlich, weil nicht alle Nachkommen Abrahams eingeschlossen wurden, sondern nur die Nachkommen Isaaks und Jakobs. Mit anderen Worten: Die „Auslese“ (wenn man es so nennen darf), die mit den Generationen Isaaks und Jakobs einhergeht, endet nicht dort, sondern setzt sich unter den Nachkommen Israels fort. In diesem Sinne gilt: „Nicht alle, die von Israel abstammen, sind Israel“ (Röm 9,6).

Isaak und Jakob

In Römer 9,7 zitiert Paulus 1. Mose 21,12, um zu erklären, dass Gott bereits vor Isaaks Geburt festgelegt hatte, dass Abrahams Nachkommenschaft in Isaak „berufen“ [Elb.: „genannt“] werden sollte – mit anderen Worten, dass das Bundesvolk von Isaaks Linie und nicht von Ismaels Linie abstammen würde. Der Kontext macht übrigens deutlich, dass nicht nur Isaak erwählt werden sollte, sondern auch Ismael zugunsten Isaaks verworfen werden sollte. Doch Gott gibt zu verstehen, dass Abraham Ismael verwerfen soll, damit die Bundeslinie eindeutig über Isaak verläuft; dennoch versichert er Abraham im darauffolgenden Vers (1Mos 21,13): „Doch ich will auch den Sohn der Magd zu einem Volk machen, weil er dein Same ist.“ In den folgenden Versen lesen wir: „Da erhörte Gott die Stimme des Knaben … denn ich will ihn zu einem großen Volk machen! … Und Gott war mit dem Knaben; der wuchs heran“ (1Mos 21,17-18.20). Mit anderen Worten: Gott hat einen bestimmten Plan für Ismael und seine Nachkommen sowie für Isaak und seine Nachkommen. Als Mitglied des Bundesvolkes wird Ismael jedoch verworfen.

Paulus interpretiert dieses Zitat bezeichnenderweise so: „Das heißt: Nicht die Kinder des Fleisches sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Same [Abrahams] gerechnet“ (Röm 9,8). Er deutet an, was er in Galater 4,21-31 klar ausführt: Er identifiziert das ethnische Israel mit den Nachkommen Hagars, im Gegensatz zu denen Saras. Da das ethnische Israel auf seiner natürlichen Abstammung von Abraham beruht, ist es Ismael ähnlich, der Abrahams Nachkomme (und zudem der Erstgeborene) war – aber lediglich auf rein natürlichem Wege. Die Christen hingegen, die darauf vertrauen, dass „die aus Glauben sind, Kinder Abrahams sind“ (Gal 3,7), entsprechen Isaak, dem verheißenen Sohn. In Römer 9,8 zitiert Paulus 1. Mose 18,10.14, um zu belegen, dass die Verheißung tatsächlich schon vor Isaaks Empfängnis Geltung hatte.

Wenn Paulus Isaak und Ismael anführt, dann dient dies also in erster Linie weder dazu, eine Aussage über ihre individuelle ewige Erwählung zu machen, noch dazu, Erwählung oder Verwerfung zu veranschaulichen. Vielmehr verdeutlicht dies, dass das jüdische Volk keinen Grund hat, auf seine Abstammung von Abraham zu vertrauen, um seine Zugehörigkeit zum Bund zu beglaubigen. Wenn dem so wäre, hätten die Nachkommen Ismaels genauso viel Recht, Gottes Verheißungen in Anspruch zu nehmen, wie die Nachkommen Isaaks.

Jakob und Esau

Um den Einwand eines jüdischen Fragestellers vorwegzunehmen, Isaak sei der legitime Sohn gewesen, im Gegensatz zum illegitimen, wendet sich Paulus der nächsten Generation zu und findet ein noch überzeugenderes Beispiel: Jakob und Esau (Röm 9,10-13). Beide hatten dieselben Eltern und wurden sogar als Zwillinge geboren. Der einzige natürliche Vorrang, den einer dem anderen hätte einräumen können, wäre das Erstgeburtsrecht gewesen, das Esau zugestanden hätte. Doch noch vor ihrer Geburt wurde Rebekka gesagt: „Der Ältere wird dem Jüngeren dienen“ (Röm 9,12, Zitat aus 1Mos 25,23). Paulus erklärt sogar, dass Gott dies Rebekka mitteilte, „damit der gemäß der Auserwählung gefasste Vorsatz Gottes bestehen bleibe“ (Röm 9,11). Hier wird scheinbar eindeutig auf die bedingungslose individuelle Erwählung hingewiesen.

Viele Arminianer haben an dieser Stelle Gottes Vorherwissen als Schlüssel zum Verständnis der Schriftstelle herangezogen. Das heißt, obwohl dies geschah, „als [die Kinder] noch nicht geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten“ (Röm 9,11), richtete Gott sie dennoch aufgrund seines Vorwissens darüber, was sie später tun würden. Dies widerspricht jedoch eindeutig der Intention der Schriftstelle. Paulus will offensichtlich persönliche Verdienste bei der Erwählung Jakobs und Esaus ausschließen. Diese Erwählung geschieht „nicht durch Werke, sondern durch den, der beruft“. Gott war völlig frei, entweder Jakob oder Esau zu erwählen, und Gott erwählte Jakob.

Dennoch handelt es sich nicht um individuelle Erwählung zum persönlichen Heil oder zur Verdammnis, sondern vielmehr um die Erwählung der Linie, aus der das Bundesvolk hervorgehen sollte. Das Zitat aus 1. Mose 25,23 bezieht sich eindeutig auf Völker, nicht jedoch auf Einzelpersonen:

„Zwei Völker sind in deinem Leib, und zwei Stämme werden sich aus deinem Schoß scheiden; und ein Volk wird dem anderen überlegen sein, und der Ältere wird dem Jüngeren dienen.“

Individuen oder Nationen?

Und was ist mit dem Vers „Jakob habe ich geliebt, Esau aber habe ich gehasst“ (Röm 9,13, Zitat aus Mal 1,2-3)? Ein Blick auf die Quelle zeigt deutlich, dass hier die Völker gemeint sind, nicht die Personen Jakob und Esau. Der Vergleichspunkt liegt in der Beschaffenheit des Landes, das den beiden Völkern gegeben wurde. Gott hatte Jakob in dem Land, das er Israel gab, den Vorzug gegeben. Maleachi spricht weiter davon, dass Edom so schwer gerichtet wurde, dass es sein Land nie wieder aufbauen konnte; aber war dies schon vor der Geburt von Jakob und Esau eine ausgemachte Sache? Anscheinend nicht. 5. Mose 2,4-6 legt das Gegenteil nahe. Gott erlaubte den Israeliten nicht, Edom anzugreifen oder sich einen Teil ihres Landes anzueignen, sondern sagte: „Denn ich habe das Bergland Seir dem Esau als Besitztum gegeben! Ihr sollt die Speise um Geld von ihnen kaufen, dann dürft ihr essen, und auch das Wasser um Geld von ihnen kaufen, dann dürft ihr trinken.“ Dies scheint kaum mit einem Volk vereinbar zu sein, das Gott „hasste“.

Es ist vielmehr so, dass „geliebt“ und „gehasst“ in Maleachi 1 und Römer 9 lediglich als Ausdruck einer Präferenz zu verstehen sind, wie in Jesu Aussage in Lukas 14,26: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und seine Mutter, seine Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, dazu aber auch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein.“ Niemand kann sich vorstellen, dass Jesus seine Jünger tatsächlich dazu aufruft, ihre Familien zu hassen; vielmehr sollen sie Jesus ihren Familien vorziehen. Gott hatte Jakob gegenüber Esau den Vorzug gegeben, sowohl hinsichtlich des Landes, das ihre jeweiligen Nachkommen erhielten, als auch hinsichtlich der Frage, wessen Linie das Bundesvolk bilden sollte.

Wenn man argumentiert, dass sich die Aussage „Jakob habe ich geliebt, Esau aber habe ich gehasst“ auf die Erwählung zum Heil bezieht, muss man sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass diese Aussage nicht im 1. Buch Mose, sondern erstmals bei Maleachi erscheint. Gottes Aussage kann nicht bedeuten, dass ganz Israel zur Zeit Maleachis gerettet war! Tatsächlich klagt Gott Israel im restlichen Buch Maleachi ausdrücklich an, weil es dem Bund untreu geworden war und sich in vielerlei Hinsicht im Glauben von Gott abgewandt hatte. Anstatt eine erfreuliche Zusicherung von Gottes Gunst zu sein, ist die Aussage „Jakob habe ich geliebt, Esau aber habe ich gehasst“ Bestandteil von Gottes Anklage – dass Israel, obwohl Gott es begünstigt hatte, dennoch untreu gewesen war und daher unter seinem Gericht stand.

Paulus verwendet diese Zitate in Römer 9 erneut, um jenen Juden entgegenzutreten, die behaupten, Gottes Wort wäre hinfällig (Röm 9,6), wenn das Evangelium von Paulus wahr wäre. Seine Antwort an sie lautet, dass Gott niemals bedingungslose Verheißungen gegeben hat, und zwar weder aufgrund von „Werken“ noch aufgrund der „Abstammung“, wie die Juden behaupteten. Gott erwählte souverän Isaak zuungunsten von Ismael; er erwählte souverän Jakob zuungunsten von Esau; und daraus folgt, dass er souverän aufgrund des Glaubens an Christus erwählen kann, im Gegensatz zu Werken des Gesetzes oder der Abstammung.

Für den hypothetischen jüdischen Fragesteller würde Gottes scheinbarer Wechsel (von Gesetz und Abstammung hin zum Glauben als Kriterium der Erwählung) natürlich ungerecht erscheinen (Röm 9,14). Man beachte übrigens, dass die Auslegung der Argumentation des Paulus das Gerechtigkeitsempfinden des Fragestellers vollkommen nachvollzieht. Kein Jude würde Gottes besondere Erwählung Isaaks zuungunsten Ismaels sowie Jakobs Erwählung zuungunsten Esaus als ungerecht empfinden. Das Einzige an der Argumentation, was sie zu der Annahme veranlasst hätte, Gott sei ungerecht, ist die Tatsache, dass „nicht alle, die von Israel abstammen, Israel sind“ (Röm 9,6). Ein wahrer Nachkomme Abrahams zu sein bedeutet für Paulus natürlich, Gott im Glauben zu folgen (Röm 4,11-12; Gal 3,7-8).

Pharao

Paulus untermauert seine Behauptung, dass seine Lehre keine Ungerechtigkeit gegenüber Gott beinhaltet, mit einem Zitat aus 2. Mose 33,19, wo Gott in Bezug auf Mose erklärt:

„So erbarmt er sich nun, über wen er will, und verstockt, wen er will.“ (Röm 9,18)

Da Paulus im Römerbrief anschließend auf den Pharao (2Mos) zu sprechen kommt, wird dieses Zitat üblicherweise so verstanden, als beinhalte das Zitat auch dessen Verneinung – dass Gott auch das Recht habe, Barmherzigkeit und Mitleid zu verweigern, wem er will. Im ursprünglichen Kontext im 2. Buch Mose macht Gott diese Aussage jedoch nicht, um zum Ausdruck zu bringen, irgendjemandem seine Barmherzigkeit zu verweigern, sondern um seine Erfüllung von Mose Bitte zu begründen, ihm seine Herrlichkeit zu zeigen (2Mos 33,18). Dies geschieht im größeren Kontext der Episode vom goldenen Kalb und der Zerstörung der ersten beiden Tafeln des Zeugnisses durch Mose (Kapitel 2Mos 32 – 33). Mose Gespräch mit Gott (2Mos 33,12-20) scheint seine aufrichtige Sorge zu offenbaren, dass Gott sein Volk verlassen könnte und Moses es allein führen müsse. Die Tatsache, dass Moses zwei steinerne Steintafeln selbst zuhauen musste (2Mos 34,1), hat einige Ausleger zu der Annahme veranlasst, dass Mose Reaktion auf das Handeln der Israeliten ebenfalls eine Rolle spielte. Ein späterer Wutausbruch sollte Moses den Einzug ins Gelobte Land verwehren. Dennoch erbarmt sich Gott des Mose und lässt ihn seine Herrlichkeit sehen. Daher, wie Paulus in Römer 9,16 bemerkt, hängt Gottes Gunst nicht „an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen“. Auch Moses empfing keinen Segen nur aufgrund seiner Abstammung von Abraham oder nur aufgrund der Einhaltung der Gebote. Er war Empfänger von Gottes Barmherzigkeit. Wer Gottes Segen aufgrund seiner Herkunft oder aufgrund der Befolgung der Gebote Gottes erwartete, war in dieser Hinsicht kaum besser als Moses!

Paulus wendet sich dann an den Pharao: „Eben dazu habe ich dich aufstehen lassen, dass ich an dir meine Macht erweise, und dass mein Name verkündigt werde auf der ganzen Erde“ (Röm 9,17). Dies wird üblicherweise so interpretiert, dass der Pharao eigens zu einer Machtposition erhoben wurde, um durch die Plagen in Ägypten vernichtet zu werden, und dass Gott Menschen zu Recht erschaffen kann, um sie zu verdammen und sich dadurch zu verherrlichen. Eine Untersuchung des Zitats im ursprünglichen Kontext ergibt jedoch eine ganz andere Sichtweise:

„Denn ich hätte meine Hand schon ausstrecken und dich und dein Volk mit der Pest schlagen können, dass du von der Erde vertilgt worden wärst; aber ich habe dich eben dazu bestehen lassen, dass ich an dir meine Macht erweise und dass mein Name verkündigt werde auf der ganzen Erde“ (2Mos 9,15-16).

Mit anderen Worten: Der Herr wollte dem Pharao nicht kundtun, dass er ihn vernichtete, um seine Macht zu demonstrieren, sondern dass er ihn noch nicht vernichtet hatte, um seine Macht umso deutlicher zu zeigen. Der Randvermerk der NIV gibt dies treffend wieder: Gottes Macht wurde gerade dadurch demonstriert, dass er den Pharao verschonte, und nicht, indem er Ägypten postwendend zerstörte.[1] Der weitere Kontext (V. 13-17) ordnet diese Aussage in eine Reihe von Appellen an den Pharao ein, Israel ziehen zu lassen, andernfalls würde eine weitere Plage kommen, und klagt den Pharao ausdrücklich wegen seiner Sturheit an, das Volk nicht ziehen zu lassen.

Wenn Paulus in Römer 9 schlussfolgert: „So erbarmt er sich nun, über wen er will, und verstockt, wen er will“ (V. 18), versteht man dies gemeinhin so, dass der Pharao dem Apostel Paulus als Beispiel für Verhärtung dient. Tatsächlich ist der Pharao, wie das obige Zitat zeigt, sowohl ein Beispiel für Gottes Barmherzigkeit als auch für seine Verhärtung. Gott ist dem Pharao bis zu einem gewissen Grad barmherzig, indem er Ägypten nicht auf der Stelle vernichtet, sondern ihn durch die Plagen zunächst warnt. Bekanntlich verhärtet der Herr aber auch den Pharao, obwohl dieser sich zunächst selbst verhärtete.

Doch was ist von Gottes Verhärtung des Pharao zu halten? Paulus zitiert weder eine Stelle, die sich direkt auf die Verhärtung des Pharao bezieht, noch gibt er eine Erklärung dafür, obwohl er eindeutig darauf Bezug nimmt. Im 2. Buch Mose wird die Verhärtung des Herzens des Pharao auf vier Arten ausgedrückt: Der Herr prophezeit im Voraus, dass er das Herz des Pharao verhärten wird (2Mos 4,21; 7,3; 14,4); die Verhärtung wird passiv, ohne explizites Subjekt, beschrieben (z. B. „Das Herz des Pharao war verhärtet“: 2Mos 7,13.22; 8,19; 9,35); es heißt, der Pharao habe sein Herz selbst verhärtet (2Mos 8,15.32; 9,34); und der Herr verhärtet das Herz des Pharao (2Mos 9,12; 10,1.20.27; 11,10; 14,8). Im Allgemeinen scheint die Verhärtung zu Beginn der Plagen entweder passiv ausgedrückt oder dem Pharao zugeschrieben zu werden, während sie bei den späteren Plagen dem direkten Wirken des Herrn zugeschrieben wird. Eine Möglichkeit, die Verhärtung des Pharao zu deuten, ist, dass er selbst das Gericht über sich bringt, indem er sein Herz frühzeitig verhärtet und daraufhin vom Herrn verhärtet wird, um die Macht des Herrn zu demonstrieren. Der Herr wusste natürlich, dass dies geschehen würde, und er hatte es Mose vorausgesagt.

Eine andere Sichtweise der Verhärtung besteht darin, verschiedene Ursachen zu erkennen. Der Herr konfrontiert den Pharao durch Mose und sendet die Plagen. Der Pharao reagiert darauf, indem er Moses Forderung ablehnt; mit anderen Worten, indem er sein Herz verhärtet. Der Pharao verhärtet also sein eigenes Herz, insofern er diese Entscheidung trifft; und der Herr verhärtet das Herz des Pharao, insofern er ihm den Anstoß zu dieser Reaktion gibt. Ebenso könnten wir sagen, dass uns jemand verärgert hat, aber in Wirklichkeit hat diese Person uns nur den Anstoß gegeben, wütend zu werden; wir waren es, die mit Wut reagierten.

Jedenfalls glaubt niemand, Gott habe den Pharao gegen seinen Willen zur Verhärtung seines Herzens gezwungen; mit anderen Worten, Gott habe den Pharao dazu gebracht, sein Herz zu verhärten, obwohl er es sonst nicht getan hätte. Alle sind sich einig, dass der Pharao selbst für die Verhärtung verantwortlich war, unabhängig davon, ob sie vorherbestimmt war oder nicht. Die Tatsache, dass Gott „verhärtet, wen er will“, ändert nichts daran, dass diejenigen, die er verhärtet, sich auch selbst verhärten. Anders gesagt: Uns wird gesagt, dass Gott „verhärtet, wen er will“, aber nicht, nach welchen Kriterien er manche verhärtet und andere nicht.

Diese Diskussion über die Verhärtung des Pharao ist von Bedeutung für die Auslegung von Römer 9, wenn wir den folgenden Vers betrachten: „Nun wirst du mich fragen: Warum tadelt er dann noch? Denn wer kann seinem Willen widerstehen?“ (Röm 8,19). Üblicherweise wird dieser Vers so verstanden, dass der Pharao ein Bild für die Nicht-Erwählten darstellt, die vom Herrn verhärtet werden, aber dennoch von Gott getadelt werden. Der hypothetische Fragesteller hinterfragt demnach die Gerechtigkeit dieser Situation. „Wie kann Gott den Pharao tadeln“, fragt er, „oder im weiteren Sinne irgendeinen der Nicht-Erwählten, wenn er selbst ihre Reaktion vorherbestimmt hat?“ Die gängige Interpretation betrachtet den Fragesteller somit als Spiegelbild der arminianischen Position (z. B. Calvin, Institutio 3.22.8).

Diese Interpretation führt jedoch dazu, dass sich der hypothetische Fragesteller zu stark mit dem Pharao identifiziert. (Die NIV erkennt dieses Problem, indem sie das Objekt des Tadels des Herrn „uns“ nennt, obwohl der griechische Text keinen solchen Bezugspunkt bietet.) Dem Fragesteller geht es nicht darum, ob Gott gerecht mit dem Pharao umgegangen ist! Vielmehr versteht er den Punkt, den Paulus in Bezug auf das Volk Israel macht. Gott ist nicht ungerecht (Röm 9,14), wenn er gläubige Heiden den Juden vorzieht, die sich an das Gesetz halten, denn Gott „erbarmt sich nun über wen er will, und verstockt, wen er will“ (Röm 9,18). Wenn Gott denen, die im Glauben zu ihm kommen, gnädig sein will und die Ungläubigen verhärten will, ungeachtet ihrer Abstammung oder ungeachtet ihrer Befolgung des Gesetzes, so ist das seine Sache. Die Aussage des Paulus bezüglich des Pharao ist nicht, dass Gott Mose gnädig war und den Pharao verwarf, was leicht mit dem jüdischen Selbstverständnis übereinstimmen würde; er will vielmehr sagen, dass Gott das souveräne Recht hat, die Kriterien für Gnade und Verhärtung selbst festzulegen.

Der Töpfer und der Ton

Der Fragesteller fragt also: „Warum macht Gott uns immer noch Vorwürfe?“ Reformierte Ausleger argumentierten stets, wenn die Arminianer Recht hätten, müsste die naheliegende Antwort lauten, dass der Fragesteller aus freiem Willen im Glauben zu Gott kommen könne; dann würde er nicht verdammt werden. Dies verkennt jedoch die Frage. Der Fragesteller wirft nicht die Frage auf, warum der Pharao oder die Juden nicht im Glauben zu Gott kommen können; er stellt die Frage, warum der Glaube an Christus notwendig sein sollte. Anders gesagt: Wie kann Gott dem Juden vorwerfen, dass er erwartet, zum auserwählten Volk zu gehören, nur weil er Jude ist – also von Abraham abstammt und in gewisser Hinsicht das Gesetz hält? Wie kann Gott den Juden vorwerfen, dass sie nicht zum Glauben an Christus kamen, da der Glaube überhaupt nicht das Kriterium für ihre Erwählung war?

Man könnte einwenden, dass es im unmittelbaren Kontext weder um die Frage Juden/Heiden noch um die Frage des Glaubens geht. Man muss bedenken, dass die Rechtfertigung allein durch den Glauben den zentralen Punkt in der Argumentation des Paulus in Römer 1 – 8 bildet und dass Römer 9 – 11 eine ausführliche Antwort auf die Frage gibt, was diese Lehre für ethnische Juden bedeutet. Paulus verteidigt seine These, dass Gottes Wort nicht hinfällig ist, da nicht jeder, der von Israel abstammt, das Israel Gottes darstellt (Röm 9,6). Zu dieser Schlussfolgerung kommt Paulus explizit aufgrund seiner Argumentation in Röm 9,30-32. Nur durch die Herauslösung der Verse 10-24 aus dem Kontext wurde dieser Schriftabschnitt im Sinne der bedingungslosen individuellen Erwählung interpretiert.

Paulus antwortet seinem Fragesteller daher: „Ja, o Mensch, wer bist denn du, dass du mit Gott rechten willst?“ (Röm 9,20). Wenn die Frage in Vers 19 bedeutet: „Warum tadelt er dann noch? Denn wer kann seinem Willen widerstehen?“, dann bleibt die Antwort unbefriedigend. Wenn die Frage aber bedeutet: „Warum sollte Gottes auserwähltes Volk – Israel – zum Glauben an Christus kommen müssen?“, dann ist die Antwort schlüssiger. Dann ergibt die Antwort durchaus Sinn. Es steht uns nicht zu, Gottes Kriterien für die Aufnahme in die Bundesgemeinschaft festzulegen.

Paulus umschreibt daraufhin einen Abschnitt aus Jesaja 29,16, um seine Zurückweisung des Fragestellers zu bekräftigen: „Spricht auch das Gebilde zu dem, der es geformt hat: Warum hast du mich so gemacht?“ (Röm 9,20). Der entsprechende Abschnitt aus Jesaja ist es wert, zitiert zu werden:

„Weiter spricht der Herr: Weil sich dieses Volk mit seinem Mund mir naht und mich mit seinen Lippen ehrt, während es doch sein Herz fern von mir hält und ihre Furcht vor mir nur angelerntes Menschengebot ist, siehe, so will auch ich künftig mit diesem Volk wundersam, ja überaus wundersam und verwunderlich umgehen; und die Weisheit seiner Weisen soll zunichtewerden und der Verstand seiner Verständigen unauffindbar sein. Wehe denen, die [ihren] Plan vor dem HERRN tief verbergen, damit ihre Werke im Finstern geschehen, die sprechen: Wer sieht uns, oder wer kennt uns? O eure Verkehrtheit! Soll denn der Töpfer dem Ton gleichgeachtet werden oder das Werk von seinem Meister sagen: »Er hat mich nicht gemacht«? Oder soll das Geschöpf von seinem Schöpfer sagen: »Er versteht es nicht«?“

Jesaja 29,13-16

Dies bezieht sich eindeutig auf Menschen, deren Gottesverehrung nur Heuchelei ist. Sie meinen, sie könnten Böses planen und tun, ohne dass der Herr davon weiß oder eingreift. Nicht nur diese Passage, die (teilweise) direkt zitiert wird, sondern auch die alttestamentlichen Stellen, in denen dieses Bild vom Töpfer und Ton verwendet wird (Jes 45,1-13; 64,4-8; Jer 18,1-10), bezieht sich allesamt auf Menschen, die wegen ihrer falschen Anbetung und Missachtung Gottes und seines Gesetzes gerichtet werden. Diese Schriftstellen bieten ausdrücklich allen Wiederherstellung an, die Buße tun, (z. B. Jes 29,17-19; 45,14.22; 64,9-12). Jeremia 18,6-10 zeigt eindeutig, dass der „Ton“ nicht nur passiv ist:

„Kann ich mit euch nicht genauso umgehen wie dieser Töpfer, du Haus Israel?, spricht der HERR. Siehe, wie der Ton in der Hand des Töpfers, so seid ihr in meiner Hand, Haus Israel! Einmal rede ich über ein Volk oder ein Königreich, dass ich es ausrotten, verderben und zugrunde richten will; wenn aber jenes Volk, über das ich geredet habe, von seiner Bosheit umkehrt, dann reut mich auch das Unheil, das ich über sie zu bringen gedachte. Und ein anderes Mal rede ich über ein Volk oder Königreich, dass ich es bauen und pflanzen will; wenn es aber das tut, was böse ist in meinen Augen und auf meine Stimme nicht hört, so reut mich auch das Gute, das ich mir vorgenommen hatte, ihnen zu tun.“

Gott hat souverän entschieden, wie er mit dem Ton verfahren wird, indem er auf Buße oder Unbußfertigkeit des Tons reagiert. Indem Paulus in Römer 9,20 die Metapher vom Töpfer und Ton anführt, sagt er den Juden im Wesentlichen, dass Gott mit ihnen entsprechend ihrer Buße verfahren wird – wie er es schon immer verkündigt hat. Der „Ton“ in diesem Zitat steht nicht für die Nicht-Erwählten, sondern für Israel, das nicht zu Christus kommen und glauben will. Dem Fragesteller, der glaubt, Israel sei aufgrund seiner ethnischen Abstammung errettet, wird in Erinnerung gerufen, dass Buße immer die Voraussetzung war, um das Heil zu erlangen – selbst für die Juden. In dem Bild lastet der Ton [Israel] dem Töpfer [Gott] an, in welcher Lage er sich befindet, anstatt demütig um Erneuerung zu bitten.

Paulus fragt weiter: „Oder hat nicht der Töpfer Macht über den Ton, aus derselben Masse das eine Gefäß zur Ehre, das andere zur Unehre zu machen?“ Der Anstoß besteht darin, dass Israel, das sich im Vergleich zu den Heiden als „Gefäße zur Ehre“ betrachtete, nun zum Gefäß „zur Unehre“ degradiert wird. Bezeichnenderweise weist Paulus in 2. Timotheus 2,20-21 darauf hin, dass die Entscheidungen eines Menschen letztlich bestimmen, wozu er eingesetzt wird: „In einem großen Haus gibt es aber nicht nur goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene, und zwar die einen zur Ehre, die anderen aber zur Unehre. Wenn nun jemand sich von solchen reinigt, wird er ein Gefäß zur Ehre sein, geheiligt und dem Hausherrn nützlich, zu jedem guten Werk zubereitet.“

Gefäße des Zorns und Gefäße der Barmherzigkeit

Die Annahme, der Zweck der Töpferwaren sei aus Gottes Sicht festgelegt und unveränderlich, widerspricht dem Gebrauch dieser Bildsprache im Rest der Heiligen Schrift. „Wenn nun aber Gott, da er seinen Zorn erweisen und seine Macht offenbar machen wollte, mit großer Langmut die Gefäße des Zorns getragen hat, die zum Verderben zugerichtet sind?“ (Röm 9,22). Auch hier wird üblicherweise angenommen, dass mit den „Gefäßen seines Zorns“ die Nicht-Auserwählten gemeint sind, repräsentiert durch Pharao, Ismael und Esau. Doch im größeren Kontext der Kapitel 9 – 11 gilt Paulus Hauptanliegen den Juden, die nicht zu Christus gekommen sind. Die „Gefäße seines Zorns“ sind demnach die Mehrheit des israelitischen Volkes. Die Geduld, mit der Gott sie ertragen hat, spiegelt seinen Wunsch nach ihrer Umkehr wider (Röm 2,4). Solange sie jedoch durch ihre Unwilligkeit zur Umkehr Gegenstand seines Zorns bleiben, sind sie dem Verderben verfallen. „Zum Verderben zugerichtet“ erinnert an Sprüche 16,4: „Alles hat der HERR zu seinem bestimmten Zweck gemacht, sogar den Gottlosen für den Tag des Unheils.“ Doch die „Gottlosen“ sind keine statische Kategorie: Gottes Wunsch für sie ist, dass sie „umkehren und leben“ (Hesekiel 18,23.30-32).

„… damit er auch den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit erzeige, die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat?“ (Röm 9,23). Einer der Gründe, warum Gott die Gottlosen erträgt – selbst jene, von denen er weiß, dass sie nicht Buße tun werden –, ist, „den Reichtum seiner Herrlichkeit zu erzeigen“. Man kann sich berechtigterweise fragen, wie Gottes Geduld dies konkret bewirkt. Man kann leicht verstehen, wie Gottes Gericht dies bewirken würde, indem es den „Gefäßen seiner Barmherzigkeit“ das gerechte Gericht vor Augen führt, vor dem sie gerettet wurden. Doch dies erklärt nicht, wie Gottes Verzicht auf ein sofortiges Gericht dies bewirkt. Vielleicht preist es einfach Gottes souveräne Majestät – er muss nicht in Panik geraten und gegen die Bösen „etwas unternehmen“: Ihr Ende ist gewiss. Doch erscheint es vernünftiger anzuerkennen, dass die „Gefäße seiner Barmherzigkeit“ einst „Gefäße seines Zorns“ waren (vgl. Eph 2,3), diesem Zorn aber durch Buße und Glauben entkamen. Ihnen offenbart sich Gottes „Reichtum seiner Herrlichkeit“, denn sie erkennen, dass sie nur durch Gottes Geduld während ihres früheren rebellischen Lebens Hoffnung auf Erlösung erlangten. Somit sind die Kategorien „Gefäße seiner Barmherzigkeit“ und „Gefäße seines Zorns“ dynamische, keine festgelegten Kategorien. Die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer der beiden Kategorien beruht auf seiner eigenen Reaktion auf das Angebot der Gnade.

Im nächsten Vers wird Paulus in seiner Identifizierung der „Gefäße seiner Barmherzigkeit“ deutlicher. Sie sind solche, die er „berufen hat, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden;“ (Röm 9,24). Hier kehrt Paulus ausdrücklich zu seinem ursprünglichen Thema zurück (Röm 9,1-6) und untermauert damit die Annahme, dass er nie wirklich davon abgewichen ist. Der Anstoß für die Juden besteht darin, dass Gott nun offen Menschen aus den Heiden beruft, ebenso wie jene Juden, die Christus im Glauben angenommen haben. Paulus untermauert seine Ausführungen mit weiteren Zitaten aus dem Alten Testament. Er zitiert Hosea 2,23 und 1,10, wonach diejenigen, die zuvor nicht zum Bundesvolk gehörten, zu denen gehören werden, die er „mein Volk“ nennt. Darüber hinaus zitiert er Jesaja 10,22-23 und 1,9, wonach die unter Israel Geretteten lediglich einen „Überrest“ bilden werden.

Mit anderen Worten: Den Juden, die meinten, aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit und der Einhaltung des Gesetzes zu Gottes Volk zu gehören, zeigt Paulus anhand der hebräischen Schriften, dass ihre Hoffnung unbegründet ist. Daher fasst er seine Argumentation in den Versen 30-32 zusammen: „Dass Heiden, die nicht nach Gerechtigkeit strebten, Gerechtigkeit erlangt haben, und zwar die Gerechtigkeit aus Glauben, dass aber Israel, das nach dem Gesetz der Gerechtigkeit strebte, das Gesetz der Gerechtigkeit nicht erreicht hat.“ Auf welche Weise? „Durch Glauben.“ Paulus macht deutlich, dass dies das eigentliche Kriterium, der eigentliche Kernpunkt ist: Heiden gelangen durch Glauben zur Gerechtigkeit. Israel hingegen, „das nach dem Gesetz der Gerechtigkeit strebte, hat Gerechtigkeit nicht erlangt.“ Es geht nicht darum, dass Gott souverän nur wenige Juden, sondern viele Heiden erwählt hat; es geht darum, dass Israel den Glauben als Bedingung für die Zugehörigkeit zum Bundesvolk ablehnt und stattdessen weiterhin auf das Gesetz vertraut. Gottes gnädiges Geschenk der Erlösung durch den Glauben an Christus ist somit ein Stein des Anstoßes für diejenigen, die nicht glauben wollen; doch „jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden!“ (Röm 9,33; vgl. Jes 8,14; 28,16).

Schlussfolgerung

Zusammenfassend lässt sich also gemäß der augustinisch-calvinistischen Interpretation (traditionelle Auslegung), die den Glauben an Christus als Heilsgrundlage voraussetzt und sich gegen den Pelagianismus und später die mittelalterliche katholische Kirche richtete, Folgendes festhalten:

  • Paulus beginnt mit der Klage über das Scheitern Israels, durch den Glauben an Christus zum Heil zu gelangen (Röm 9,1-5).
  • Die Lösung des Paulus lautet, dass nicht ganz Israel Israel ist; d. h., nicht ganz Israel ist auserwählt (Röm 9,6).
  • Paulus verdeutlicht Gottes Vorrecht, zu erwählen, wen er will, indem er Isaak anstelle von Ismael und Jakob anstelle von Esau erwählt hat (Röm 9,7-13).
  • Gott erbarmt sich nur derer, denen er seine Barmherzigkeit schenkt, und verhärtet die Übrigen, wie das Beispiel des Pharao zeigt (Röm 9,14-18).
  • An dieser Stelle führt Paulus einen Fragesteller ein, der die arminianische Behauptung aufstellt: Wenn Gott jemanden wie den Pharao verhärtet hat, wie kann er ihn dann für das richten, wozu er vorherbestimmt war (Röm 9,19)? Paulus tadelt den Fragesteller wegen seiner Gottlosigkeit und wiederholt anhand des Bildes vom Töpfer und vom Ton, dass Gott das Recht hat, einige zu erwählen und andere zu verwerfen, wie es ihm gefällt (Röm 9,20-21).
  • Paulus fügt dann als Argument hinzu, wenn Gott sich entscheidet, jemanden wie den Pharao zu verwerfen, muss er dessen Sünde und Hochmut geduldig ertragen, und er tut dies, um seinen Erwählten seine Herrlichkeit zu offenbaren, die sich sowohl unter den Heiden als auch unter den Juden befinden (Röm 9,22-24).
  • Damit lenkt er die Diskussion zurück auf das Thema des jüdischen Unglaubens gegenüber Christus, von dem seine Ausführungen zur Erwählung ein Exkurs waren.
  • Ab diesem Punkt wird der Rest des Kapitels im Hinblick auf die Frage der Juden und Heiden sowie der Erlösung durch Glauben im Gegensatz zu Werken dargelegt, ohne explizit auf die Erwählung einzugehen (Röm 9,25-33).

Die vorliegende neue Interpretation, wie ich sie in diesem Artikel ausgeführt habe, würdigt den bedeutenden Paradigmenwechsel im ersten Jahrhundert in Bezug auf die Identität des Volkes Gottes. Sie unterscheidet sich von der traditionellen Interpretation vor allem dadurch, dass sie die zentralen Fragen der Juden und der Erlösung durch Glauben durchgehend berücksichtigt werden.

  • Sie beginnt wie oben damit, dass Paulus mit dem Versagen Israels, zum Glauben an Christus zu kommen, ringt (Röm 9,1-5).
  • Er muss sich mit dem jüdischen Einwand auseinandersetzen, dass, wenn sein Evangelium wahr wäre, Gottes Verheißungen an die Juden nicht erfüllt wurden. Seine Antwort lautet, dass Gottes Verheißungen erfüllt wurden, dass jedoch andere das Erbe antreten, weil nicht ganz Israel Israel ist: d. h., nicht ganz Israel ist Abraham im Glauben gefolgt (Röm 9,6).
  • Die Abstammung von Abraham allein genügt nicht, um als „Abrahams Kinder“ zu gelten, wie die Beispiele Ismaels und Esaus zeigen. Israel wurde bereits unverdiente Segnungen zuteil, verglichen mit anderen Nachkommen Abrahams (Röm 9,7-13).
  • Daher ist Gott nicht ungerecht, wenn er nun jene Nachkommen Jakobs ausschließt, die nicht zum Glauben kommen, denn jeder, den er segnet, selbst Mose, empfängt seine Gnade (Röm 9,14-16). Gott mag sogar jemanden wie den Pharao, den er zur Verstockung auserwählt hat – wohl wissend, dass dieser sich angesichts der Herausforderung Gottes verstocken wird –, für eine Zeit verschonen, um sich durch diese Person zu verherrlichen, die sowohl als Beispiel für Gottes Gnade als auch für seine Verstockung betrachtet werden kann (Röm 9,17-18).
  • Dies bedeutet, dass den Juden in der Vergangenheit Gnade zuteilwurde, ihnen aber keine zukünftige Gnade garantiert ist, wenn sie nicht zum Glauben an Christus kommen. Der hypothetische Fragesteller wirft die Frage auf, warum Gott die Juden immer noch beschuldigt, wenn er sie doch verhärtet hat (Röm 9,19). Er weigert sich anzuerkennen, dass die Juden – genau wie der Pharao – durch ihre eigene hartnäckige Weigerung, Buße zu tun, verhärtet sind. Paulus tadelt die Juden und verwendet das Bild vom Töpfer und vom Ton, um zu verdeutlichen, dass Gott an Israel stets aufgrund von Buße handelt. Es sind nur diejenigen, die sich weigern, Buße zu tun, die Gott vorwerfen, er habe sie so geschaffen, wie sie sind (Röm 9,20-21).
  • Paulus erklärt daraufhin, dass Gott die „Gefäße seines Zorns“ – die Ungläubigen – geduldig ertragen muss, um seine Herrlichkeit den „Gefäßen seiner Barmherzigkeit“ – den Gläubigen – zu offenbaren, die er ausdrücklich nicht nur unter den Juden, sondern auch unter den Heiden findet (Röm 9,22-24). Die zitierten Stellen aus Hosea und Jesaja verdeutlichen den Sachverhalt: Viele, die die Juden vom Bund ausgeschlossen hatten (die Heiden), wurden letztendlich eingeschlossen, während viele, wie die Juden selbst, sich als eingeschlossen betrachtet hatten, ausgeschlossen wurden (Röm 9,25-29).
  • Die Grundlage für die Annahme der Heiden und die Verwerfung der Juden wird in Röm 9,30-33 explizit dargelegt: Die Heiden erlangen Gerechtigkeit durch Glauben, während die Juden die Gerechtigkeit durch Werke zu erlangen suchten.

Pro und Contra

Gegen diese Interpretation könnte eingewendet werden, dass die traditionelle Auslegung eine einfachere Lesart des Textes im Römerbrief ist und keine Fragen des ethnischen Judentums oder der Rechtfertigung allein durch den Glauben aufwirft, die beide in der zentralen Passage (Röm 9,14-23) nicht explizit erwähnt werden. Darauf lässt sich entgegnen, dass sich die traditionelle Auslegung vielleicht einfacher liest, weil man mit ihr vertraut ist und weil sie bestimmte Interpretationen alttestamentlicher Zitate voraussetzt, die sich jedoch als nachweislich falsch erweisen, sobald man den Kontext versteht. Das Thema des ethnischen Judentums dominiert die Kapitel 9 – 11 und kann daher in einer kurzen Passage, die es nicht explizit erwähnt, getrost vorausgesetzt werden; die Rechtfertigung allein durch den Glauben ist das vorherrschende Thema des Römerbriefs insgesamt, und die Ablehnung der Rechtfertigung durch Glauben durch die Israeliten ist der Anlass für die vorliegende Diskussion. Die traditionelle Auslegung hingegen interpretiert den Text im Sinne einer bedingungslosen individuellen Erwählung. Diese Lehre ist allerdings umstritten und sicherlich kein zentrales Thema von Römer 1 – 8 und wird folglich in Römer 9,25ff. auch nicht weiter erörtert.

Im Wesentlichen vermittelt Paulus dem ethnischen Israel etwas, das der reformierten Auslegung sehr nahekommt. Er erklärt ihnen, dass Gott das Recht hat, jeden, den er will, zu seinem Bundesvolk zu machen. Doch er legt ihnen dies nicht dar, weil Gott beschlossen hat, die meisten von ihnen nicht zu erwählen. Er erklärt es ihnen, weil sich das Paradigma für die Zugehörigkeit zum Bundesvolk verschoben hat: vom nationalen Israel, das dem Gesetz folgt, hin zu jedem, der zum Glauben an Christus kommt. Israel fühlt sich durch diesen Paradigmenwechsel verraten. Deshalb erklärt Paulus, dass Gott den leiblichen Nachkommen Abrahams gegenüber keine Verpflichtung hat; vielmehr zeigt Paulus anhand des Alten Testaments auf, dass seine Beziehung zu Israel stets auf Buße beruhte.

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Society of Evangelical Arminians.

Originaltitel: Romans 9: An Arminian/New Perspective Reading.

URL: https://evangelicalarminians.org/romans-9-an-arminiannew-perspective-reading/.

[1] Unterstützt wird dies durch das LXX-Wort „dietarathas“, was so viel wie „bewahrt“ oder „aufbewahrt“ bedeutet. Paulus verwendet in Römer 9,17 das Wort „exegeiro“ (aufwecken), jedoch im Sinne von Erwachen aus dem Schlaf oder Aufruhr bzw. Anstiftung. Es bedeutet nicht „in eine Machtposition erhoben“. Das Wort kommt im Neuen Testament nur noch einmal vor, und zwar in 1. Korinther 6,14, wo es sich auf die Auferstehung der Gläubigen bezieht.