Veröffentlicht am 13.02.2026
In der Zeitschrift idea Nr. 3/2026 wurde ein Leserbrief von Wolfgang Nestvogel veröffentlicht. Darauf antwortete ich in idea Nr. 4/2026 ebenfalls mit einem Leserbrief, dessen Inhalt wie folgt lautete:
„Er kann’s nicht lassen
Wolfgang Nestvogel sieht digitale Dienste der Gemeinden als Notlösung an. Das ist in Ordnung. Zugleich nutzt er jedoch seine Replik an Heinrich Derksen sehr geschickt, um wiederum seine Sicht auf Corona, Staat und Kirche zu verbreiten. Die Pandemie war laut Nestvogel nur eine „vermeintliche“, und der Staat habe „bevormundet“ und sei „übergriffig“ geworden. Der reformierte Theologe in Hannover kennt die Anweisungen des Apostels Paulus in Römer 13 ganz genau. Dennoch kann er es (wie Pater Brown) nicht lassen, seine auf Krawall gebürstete Sicht zu verbreiten. Christen haben gar nicht danach zu fragen, ob die Obrigkeit nach ihrer Ansicht rechtmäßig oder unrechtmäßig ist. Selbst die damalige des römischen Kaisers Nero war von Gott verordnet. Der Obrigkeit untertan sein schließt von vornherein jeden Anspruch auf Herrscherstellung aus. Die Gemeinde Gottes hat nicht das Recht und die Aufgabe, die weltliche Obrigkeit zu bevormunden oder zurechtzuweisen. Es ist auch klar zu unterscheiden zwischen der Aufgabe der alttestamentlichen Propheten der theokratischen Obrigkeit gegenüber und der Aufgabe der weltweiten Gemeinde Gottes. Natürlich ist Christus Herr der Kirche. Diese Tatsache bestreitet kein einziger wahrer Christ. Ebenso wenig die Trennung von Thron und Altar. Doch ist die Kirche in dieser Heilszeit eine niedrige, eine leidende, eine Gemeinde Jesu in Knechtsgestalt. Christen haben nicht die Herrschaft („Dominion“) über Staat, Gesellschaft, und Kultur. Die Schrift lehrt einfach keinen Dominionismus.“
Mir war natürlich bewusst, dass meine etwas provokanten Thesen Widerspruch hervorrufen würden. Es war noch heftiger. Ich habe scheinbar ein Stück rohes Fleisch in ein Piranha-Becken geworfen.
In idea Nr. 5/2026 antwortete zunächst nur ein Leser unter der irreführenden Überschrift „Sollen Christen der Obrigkeit hörig sein?“ Davon hatte ich ja überhaupt nicht gesprochen.
Eine Woche später veröffentlichte die idea-Redaktion in Nr. 6/2026 ausschließlich Leserbriefe zum Thema „Obrigkeit“. Es ist schier unglaublich, was mir alles unterstellt wurde! Ein Arzt fragte mich sogar in einem persönlichen Brief, ob ich mit dem Staat bestimmte Absprachen getroffen hätte. Mitnichten habe ich das. Wer bin ich, dass der Staat mit mir Vereinbarungen treffen müsste!
Das Problem von Leserbriefen
In Leserbriefen kann man auf begrenztem Raum einen bestimmten Punkt ansprechen. Man kann seine Aussagen jedoch nicht nach allen Seiten absichern. So stürzen sich dann manche Leser genau auf diese Aspekte, die man nicht berücksichtigen konnte oder wollte. Das habe ich in meiner Antwort auf W.N. auch getan. Ganz bewusst. In einer solchen öffentlichen Diskussion darf man m.E. schon deutlich werden. Was jedoch keinesfalls geht sind persönliche Diffamierungen.
Wolfgang Nestvogel und ich schätzen uns GRUNDSÄTZLICH. Wir führen seit vielen Jahren einen so genannten „herrschaftsfreien Diskurs“ miteinander. Das schließt ein, dass wir uns auch hin und wieder einmal öffentlich widersprechen.
Ich kann versichern, dass ich überhaupt keine negativen Gefühle gegen ihn habe – umgekehrt wahrscheinlich genauso. Als wir uns vor ca. drei Jahren das letzte Mal begegnet sind, haben wir uns gefreut und herzhaft miteinander gelacht.
Die Überschrift „Er kanns nicht lassen“ war natürlich an den gleichnamigen Film mit Heinz Rühmann angelehnt. Leider hat idea diesen Bezug weggeschnitten. Damit meinte ich, dass Wolfgang eigentlich Heinrich Derksen antworten wollte. Er nutzte das aber geschickt, um wiederum seinen Gedanken zum Thema „Christ und Obrigkeit“ eine Plattform zu geben. Genau denen wollte ich auf sachlicher Ebene widersprechen.
Also, keine Unversöhnlichkeit, keine Bitterkeit, kein Racheakt, keine negativen Gefühle. Wirklich nicht.
Hey Nero, so geht es aber nicht!
Es ging mir in meinem Leserbrief um unser grundsätzliches Verhalten zur Obrigkeit. Ich habe aus Verantwortung heraus geschrieben, weil ich diese falsche Aussage, der Staat sei übergriffig geworden, nicht einfach stehen lassen kann. Stellen wir uns mal vor, Paulus hätte an den Kaiser geschrieben: „Hey Nero, so geht es aber nicht. Du wirst ja übergriffig. Du kannst doch nicht einfach die christlichen Gottesdienste stören (und die Christen dann den Löwen zum Fraß vorwerfen)! Ich protestiere aufs Schärfste!“ Merken wir, wie unsinnig solche Gedanken sind?
Damit negiere ich überhaupt nicht, dass wir als Christen genau prüfen müssen, was Gottes Wille entspricht und was nicht. Selbstverständlich vertreten wir (hoffentlich mutig) die biblischen Wahrheiten und sagen auch, was unrecht ist. Ja, wir erheben selbstverständlich auch gegen Juden- oder Christen-Verfolgung unsere Stimme. Aber gegen irgendwelche staatlichen Maßnahmen politisieren, brauchen wir m.E. nicht. Wir bauen einfach weiter die Gemeinde Jesu Christ!
Wenn ich hier etwas Persönliches einfügen darf. Meine Frau und ich haben in der Corona-Zeit einfach weitergemacht. Während des Lockdowns haben wir Gemeinden über Zoom, Skype und Teams gedient. Als das Reisen wieder möglich war, waren wir in den Jahren 2020 bis 2024 Menschen im In- und Ausland gedient. 2021 und 2022 waren wir in den Ländern, in denen es prozentual am meisten Corona-Tote gegeben hat: Mexiko und Peru. Es war zum Teil sehr beschwerlich. Man musste sogar im Flugzeug den „Schnuten-Pulli“ tragen, wie die Maske in Norddeutschland liebevoll genannt wird. Aber wir haben einfach weitergemacht und den Menschen gedient. Wir haben uns nicht in endlosen Diskussionen verzettelt. Wir wollten einfach weiter Menschen für Christus gewinnen und die Gewonnenen zu Jüngern machen.
Dabei war es doch völlig gleichgültig, welche Regierung in Berlin oder Bukarest oder Lima am Ruder war. Wir respektieren die Obrigkeit und beten für sie. Ist sie gut und bekämpft das Böse, freuen wir uns. Ist sie schlecht und fördert unchristliche Entwicklungen, so leiden wir. Aber wir machen dennoch einfach weiter. Wir lassen uns nicht aufhalten. Wir haben eine andere Agenda. Wir bauen Gemeinde Jesu.
Genauso haben das m.E. die neutestamtlichen Christen auch gemacht. Sie haben keinen politischen Widerstand organisiert. Sie haben nicht agitiert. Sie haben keine Delegationen nach Rom gesandt. Sie haben – selbst unter diesen extrem negativen Umständen – weiterhin auf kluge Weise Christus gelebt und Gemeinde gebaut.
Sie haben auch nicht (wie Calvin in Genf) versucht, einen Gottesstaat aufzubauen, indem die weltliche Obrigkeit keine Macht mehr haben sollte. Sie haben einfach weitergemacht und den Auftrag Jesu Christi ausgeführt. Darum lautet mein Credo:
WIR MÜSSEN ZUM NEUENTESTAMENT ZURÜCK – NICHT NUR ZU DEN REFORMATOREN (und schon gar nicht zur Mandatenlehre des dialektischen Theologen Bonhoeffer)!
Das Argument, im 1. Jahrhundert hätte es noch keine demokratische Grundordnung bzw. noch kein Grundgesetz gegeben, auf das sich die Christen hätten berufen können, kann ich nicht gelten lassen. Die Christen im 1. Jahrhundert waren nicht deshalb ‚unterwürfig‘, weil sie kein Grundgesetz hatten. Das Römisches Reich war kein rechtsfreier Raum, und Paulus berief sich sehr wohl in einigen wenigen Situationen gezielt auf seine Rechte.
DIE ZURÜCKHALTUNG DER ERSTEN CHRISTEN WAR EINE BEWUSSTE THEOLOGISCHE ENTSCHEIDUNG – KEINE POLITISCHE NAIVITÄT!
Sie nahmen einfach die Worte aus dem Mund ihres Herrn Jesus oder aus der Feder der Apostel ernst:
SIEHE, ICH SENDE EUCH WIE SCHAFE MITTEN UNTER DIE WÖLFE. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben! Hütet euch aber vor den Menschen! Denn sie werden euch den Gerichten ausliefern, und in ihren Synagogen werden sie euch geißeln; auch vor Fürsten und Könige wird man euch führen um meinetwillen, ihnen und den Heiden zum Zeugnis. Wenn sie euch aber ausliefern, so sorgt euch nicht darum, wie oder was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid es, die reden, sondern der Geist eures Vaters ist’s, der durch euch redet. Es wird aber ein Bruder den anderen zum Tode ausliefern und ein Vater sein Kind; und Kinder werden sich gegen die Eltern erheben und werden sie töten helfen. Und ihr werdet von jedermann gehasst sein um meines Namens willen. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden. Wenn sie euch aber in der einen Stadt verfolgen, so flieht in eine andere. Denn wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet mit den Städten Israels nicht fertig sein, bis der Sohn des Menschen kommt. Der Jünger ist nicht über dem Meister, noch der Knecht über seinem Herrn; es ist für den Jünger genug, dass er sei wie sein Meister und der Knecht wie sein Herr. Haben sie den Hausherrn Beelzebul genannt, wie viel mehr seine Hausgenossen! (Matthäus 10,16-25)
Jedermann ordne sich den Obrigkeiten unter, die über ihn gesetzt sind; denn es gibt keine Obrigkeit, die nicht von Gott wäre; die bestehenden Obrigkeiten aber sind von Gott eingesetzt. Wer sich also gegen die Obrigkeit auflehnt, der widersetzt sich der Ordnung Gottes; die sich aber widersetzen, ziehen sich selbst die Verurteilung zu. (Römer 13,1-2)
Ordnet euch deshalb aller menschlichen Ordnung unter um des Herrn willen, es sei dem König als dem Oberhaupt 14 oder den Statthaltern als seinen Gesandten zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun. (1. Petrus 2,13-14)
Wir sind dankbar für jede Freiheit, die unser Staat uns lässt. Wir sehnen uns nicht nach Verfolgung. Wir haben keinen Hang zum selbsterwählten Märtyrertum.
Aber sollte sich der Wind drehen, wollen wir dennoch – unabhängig von jedem politischen System – weiterhin Christus leben und seine Gemeinde bauen, selbst unter Verfolgung. Ich schreibe das nicht vollmundig. Gott schenke uns Weisheit, Kraft und Treue dazu!