Veröffentlicht am 14.03.2026

Die Wiedergeburt ist der souveräne Akt Gottes, durch den er dem glaubenden Sünder sein eigenes Leben und Wesen zuteilwerden lässt (Joh 1,12-13; Tit 3,5). Die erste Geburt des Menschen ist eine natürliche; die zweite eine geistliche und übernatürliche. Durch die erste Geburt wird der Mensch Teil der gefallenen Menschheit; durch die zweite wird er Teil des erlösten Gottesvolkes. Mit der ersten Geburt erhält er eine verdorbene Natur (Eph 2,3); mit der zweiten wird er Teilhaber der göttlichen Natur (2Petr 1,4). In dem Augenblick, in dem ein Mensch wiedergeboren wird, erhält er neues Leben (Joh 6,47; 1Joh 5,12) und eine neue Stellung als Kind Gottes (Joh 1,12; 1Joh 3,1-2). Kurz, er ist eine neue Schöpfung in Christus (2Kor 5,17).

Reformatorisch gesinnte Männer lehren heute, dass die Wiedergeburt dem Glauben vorausgehe. Sie erklären, dass man wiedergeboren sein müsse, um glauben zu können, ja, dass man erst Leben aus Gott haben müsse, um an Christus glauben zu können. C.D. Cole drückt es so aus: „Der Calvinist glaubt, dass das Leben dem Glauben vorausgehen muss und der Glaube die logische Folge des Lebens ist. Der Glaube bewirkt nicht die Wiedergeburt, sondern die Wiedergeburt den Glauben.“[1]

Warum lehren diese Männer das? Die Lehre der völligen Verderbtheit des Menschen wird von einigen Calvinisten ins Extrem getrieben, was zu einem falschen Verständnis der menschlichen Unfähigkeit führt. Sie glauben, dass der Sünder tot in Übertretungen ist und völlig unfähig, auf das Evangelium einzugehen. Der Sünder müsse zuerst erneuert werden und sei erst dann fähig, der frohen Botschaft zu glauben.

Der Kerkermeister zu Philippi fragte einst: „Was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“ (Apg 16,30). Wäre Paulus ein extremer Calvinist gewesen, hätte er wohl gesagt: „Du kannst nichts zu deiner Errettung tun, absolut nichts. Du bist tot in Sünden und völlig unfähig, die Errettung im Glauben zu ergreifen. Solange du nicht erneuert worden bist, bist du völlig unfähig, auf den Ruf Gottes zu antworten!“ Doch wie ganz anders war die Antwort des Paulus: „Glaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du gerettet werden“ (Apg 16,31).

Wir sind uns wohl einig, dass ohne Gottes wunderbares, gnädiges, befähigendes und erleuchtendes Wirken im Herzen niemand an Jesus Christus glauben kann (Joh 6,44.65; Mt 11,27; 16,16-17; Apg 16,14). Interessanterweise verlangt Gott manchmal etwas, das man von sich aus gar nicht tun kann. Da ist zum Beispiel der Mann mit der verdorrten Hand (Mk 3,1-5). Der Herr gebot ihm: „Strecke deine Hand aus!“. Wie sollte er diesem Befehl nachkommen? Seine Hand war doch gelähmt! Aber der Herr gebot, der Mann gehorchte und Gott befähigte. Der Herr befähigte den Mann, das sonst Unmögliche zu tun. Genauso wird nun der Sünder aufgefordert, an Jesus Christus zu glauben. Versäumt er, diesem Befehl nachzukommen, wird er des Ungehorsams am Evangelium schuldig (2Thes 1,8). Er wird nie sagen können: „Herr, ich habe nicht an Dich geglaubt, weil ich völlig verdorben und unfähig war, zu glauben.“ Nein, wenn jemand ungläubig bleibt, dann deshalb, weil er sich weigert, zu Christus zu kommen. „Und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, um das Leben zu empfangen“ (Joh 5,40).

Geht nun die Wiedergeburt dem Glauben voraus? Eigentlich spielt sich ja beides im selben Augenblick ab. Sobald der Mensch an den Herrn Jesus glaubt, wird er erneuert (wiedergeboren). Sobald er Christus im Glauben aufnimmt, empfängt er von Gott das Geschenk des ewigen Lebens. Es geschieht alles in einem Augenblick. Und doch: Wenn wir über diesen wunderbaren Vorgang nachdenken wollen, müssen wir das Ganze in eine logische Reihenfolge bringen. Lehrt die Bibel, dass jemand erneuert werden muss, um glauben zu können, oder lehrt sie, dass jemand glauben muss, damit er erneuert werden kann? Müssen wir Leben haben, um glauben zu können oder müssen wir glauben, um Leben zu haben?[2]

Die Bibel lehrt ganz klar: GLAUBE, SO WIRST DU LEBEN! „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der hat ewiges Leben“ (Joh 6,47). „Damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern ewiges Leben hat“ (Joh 3,15). Doch der extreme Calvinist sagt: „LEBE, SO WIRST DU GLAUBEN!“ Bemerkenswert ist jedoch, dass Johannes 1,12 eben gerade nicht sagt: „Allen aber, die erneuert worden waren, denen gab er das Anrecht, an seinen Namen zu glauben, denen, die Kinder Gottes geworden sind.“

Zu beachten gilt es auch Johannes 20,31, wo steht: „und damit ihr durch den Glauben Leben habt.“ Es steht dort nicht: „und damit ihr durch das Leben Glauben habt.“ Der Sünder in seinem hilflosen und hoffnungslosen Zustand wird aufgefordert, zum Herrn Jesus Christus AUFZUBLICKEN UND ZU LEBEN (Joh 3,14-16; 4Mo 21). [Wir singen: „Wer Jesus am Kreuze im Glauben erblickt, der wird heil zu derselbigen Stund“. Der extreme Calvinist müsste da singen: „Wer da heil wird, der erblickt Jesus am Kreuz zu derselbigen Stund“.] Der extreme Calvinist lehrt, dass man Leben haben müsse, um glauben zu können. Der Herr jedoch lehrte, dass man glauben müsse (oder: zu Christus kommen müsse[3]), um Leben haben zu können (Joh 5,40). Was ist der Grund für den Unglauben der Leute? Sind sie nicht erneuert worden oder weigern sie sich einfach, im Glauben zu Christus zu kommen? (Joh 5,40; 2Thes 2,10.12)

Wenn die Wiedergeburt dem Glauben vorausgeht, ist der Glaube überflüssig, da die Wiedergeburt ja bereits die Errettung bewirkt hat. Wenn jemand erneuert worden ist, hat er neues Leben aus Gott und gehört zur Familie Gottes. Wer zur Familie Gottes gehört, ist gerettet. Wozu braucht es aber dann noch Glauben?

Charles Spurgeon, selbst ein überzeugter Calvinist, erkannte die Torheit der Lehre, dass der Sünder erneuert werden muss, bevor er glauben kann: „Wenn ich einem wiedergeborenen Menschen den Glauben an Christus predigen soll, dann ist dieser Mensch – erneuert wie er ist – ja bereits gerettet und es ist eine unnötige, ja lächerliche Sache, ihm noch Christus verkündigen zu wollen. Es wäre über flüssig, ihn aufzufordern, zu seiner Errettung zu glauben, wenn er doch bereits gerettet ist, da er ja wiedergeboren ist. Soll ich den Glauben nur denen predigen, die ihn bereits haben? Absurd, in der Tat! Ist das nicht dasselbe, wie wenn man mit der Medizin wartet, bis der Patient geheilt ist? Ja, genau das tut man, wenn man Christus den Gerechten anstatt den Sündern predigt.“

Doch nehmen wir einmal an, das, was die extremen Calvinisten sagen, stimme. Die Wiedergeburt geht also dem Glauben voraus. Was muss der Sünder dann tun, um gerettet zu werden? Darauf haben die extremen Calvinisten keine befriedigende Antwort. W.G.T. Shedds Ausführungen dazu sind charakteristisch. Da der Sünder nicht glauben kann, werden ihm folgende Übungen nahegelegt: 1. Er soll das Wort Gottes lesen und hören, 2. sich ernsthaft mit der Wahrheit auseinandersetzen und 3. um die Gabe des Heiligen Geistes zur Überführung und Erneuerung bitten.[4]

Roy Aldrichs Reaktion hierauf ist messerscharf: „Eine Lehre über die totale Verderbtheit, die ausschließt, dass der Sünder glauben kann, muss auch ausschließen, dass er das Wort hören, sich mit der göttlichen Wahrheit auseinandersetzen und um den Heiligen Geist zur Überführung und Erneuerung bitten kann.

Der extreme Calvinist befasst sich letzten Endes doch mit einem recht lebendigen geistlich Toten.“[5]

Das Problem dieses Standpunktes liegt darin, dass das Evangelium verdreht wird. Dem Sünder wird gesagt, das Gebet, nicht der Glaube, sei die Bedingung zur Errettung. Welch ein Widerspruch zu Apostelgeschichte 16,31, wo der Sünder eben gerade nicht aufgefordert wird, um Überführung und Erneuerung zu bitten. Er wird einfach aufgefordert, an den Herrn Jesus Christus zu glauben.

Originaltitel: Does Regeneration Precede Faith?

Deutsche Übersetzung: Christa Berger

Unter freundlicher Vermittlung von Patrick Tschui, CH

© George Zeller, The Middletown Bible Church, 349 East Street, Middletown CT 06457, USA

 

[1] Aus dem englischen Traktat: Which Comes First In Conversion – Life or Faith? C.D. Cole, Chapel Library, Venice, Florida

[2] Siehe dazu unsere Studie „…aber ihr habt NICHT gewollt! – Ein Bibelstudium zum 4. Punkt von TULIP: Unwiderstehliche Gnade“.

[3] „Zu Christus zu kommen“ ist dasselbe wie „an Christus glauben“ (dazu Joh 6,35.37.40).

[4] W.G.T. Shedd, „Dogmatic Theology“, Band 2, Seiten 472, 512, 513. Der extreme Calvinist befasst sich letzten Endes doch mit einem recht lebendigen geistlich Toten.“

[5] Roy L. Aldrich, „The Gift of God“, Bibliotheca Sacra, July 1965, Seiten 248-253.