Ist Buße und Glaube eine Gabe Gottes? (Teil 1) – Laurence M. Vance

Laurence M. Vance

 

Wenn es um die Frage der absoluten Notwendigkeit der Buße und des Glaubens an Christus aus dem eigenen freien Willen des Menschen geht, greift der Calvinist tief in seine Truhe der souveränen Gnade und holt seine letzte Verteidigung für die unwiderstehlich Gnade hervor: Buße und Glaube ist eine Gabe Gottes an den Menschen, ehe er gerettet werden kann:

Die Bibel macht deutlich, dass Glaube und Buße Gottes Gabe an seine Erwählten ist.[1]

Der Mensch muss über die Kraft des Glaubens verfügen, ehe er glauben kann, er muss die Gabe der Buße empfangen haben, ehe er Buße tun kann.[2]

Der ehemals tote Sünder wird durch den inneren übernatürlichen Ruf des Heiligen Geistes, der ihn durch die Wiedergeburt lebendig macht und in ihm Glaube und Buße wirkt, zu Christus gezogen.[3]

Wie beim wirksamen Ruf und der besonderen Gnade muss die Buße und der Glaube dem Menschen nicht nur gegeben werden, ehe er errettet werden kann, auch sind es ausschließlich die „Erwählten,“ die hierzu bestimmt seien. Dass der Mensch ohne Buße und Glauben nicht errettet werden kann, steht außer Frage. Paulus bezeugte „Juden und Griechen die Buße zu Gott und den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus“ (Apg 20,21). Christus verkündigte: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). Die eigentliche Frage ist, ob Buße und Glaube unwiderstehliche Gaben sind, die Gott nur den „Erwählten“ zuteilt.

Es gibt drei Textstellen, die von Calvinisten angeführt werden, die beweisen sollen, dass Buße dem Menschen gegeben wird, ehe er errettet werden kann:

Diesen hat Gott zum Fürsten und Retter zu seiner Rechten erhöht, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu gewähren. Apostelgeschichte 5,31

Als sie das hörten, schwiegen sie still und lobten Gott und sprachen: So hat denn Gott auch den Heiden die Buße zum Leben gegeben! Apostelgeschichte 11,18

… er soll mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweisen, ob ihnen Gott nicht noch Buße geben möchte zur Erkenntnis der Wahrheit. 2Timotheus 2,25

Es ist unglaublich, dass diese Verse überhaupt von Calvinisten zitiert werden, um ihre Annahmen zu untermauern. Aber da sie die Auffassung vertreten, Gott gebe oder gewähre Buße, werden sie regelmäßig als Beweistexte angeführt.[4] Wäre die Gabe der Buße an den Menschen das, was Calvinisten sagen, dann müssten alle Juden errettet sein, denn Gott hat „Israel Buße gegeben“ (Apg 5,31). Pink umgeht die Textstelle, indem er sie verändert und aus Israel das „geistliche Israel“ macht.[5] Aber auch das bleibt ein Widerspruch, denn sonst müssten alle Heiden errettet sein, denn „so hat denn Gott auch den Heiden die Buße zum Leben gegeben!“ Die Calvinisten müssen aus dieser Schriftstelle die „erwählten“ Heiden machen, damit dieser Vers zu einem Beweistext für unwiderstehliche Gnade wird. Beide Aussagen beziehen sich auf nationale Privilegien, wie in Römer 9-11, und nicht auf Gott, der bedingungslos die erwählten Sünder errettet. Bei dem Vers an Timotheus handelt es sich um persönliche Dienstanweisungen an Timotheus in Bezug auf gewisse Personen. Wie aus den beiden anderen Textstellen hervorgeht, könnte Gott einem Menschen allezeit Buße geben, und er würde noch immer in die Hölle gehen. Und überdies, wenn es sich bei Buße um die unwiderstehliche Gabe an seine „Erwählten“ handeln würde, dann würde sich Paulus keine Gedanken darüber machen, „zu welchem Zeitpunkt Gott vielleicht“ etwas tun würde, denn im calvinistischen Denksystem empfangen die „Erwählten“ nicht nur die Buße, sie empfangen sie genau zu der Zeit, die Gott in seinem Ratschluss festgelegt hat.

Was als Nächstes betrachtet werden muss, ist die Vorstellung, dass Glaube dem Menschen als unwiderstehliche Gabe gegeben werden muss, damit er errettet werden kann. Rose bezeichnet dies als „ein kontroverses Element des Calvinismus,“ da „eine Reihe von Christen diese Lehre nicht verstanden haben.“[6] Obgleich tatsächlich nur ein vermeintlicher Vers existiert, den die Calvinisten anführen könnten, um zu untermauern, dass dem Menschen der Glaube gegeben werden muss, ehe er errettet werden kann, bemühen sie sich, weitere Verse anzuführen. Das Vorgehen der Calvinisten in diesem Fall gleicht dem, das wir zuvor gesehen haben: Es wird eine Aussage zu einem bestimmten Aspekt calvinistischer Lehre gemacht, gefolgt von einer Kette von „Beweistexten,“ die nichts in Bezug auf die gemachte Aussage beweist. Ein perfektes Beispiel für diese Vorgehensweise sieht man in den Schriften zweier Calvinisten. Zunächst Mathison:

Rettender Glaube ist die Gabe Gottes, das Ergebnis der Wiedergeburt durch den Heiligen Geist (Joh 6,44-45; Apg 13,48; 16,14; 18,27; 1Kor 2,4-5; 2Kor 4,6; Eph 1,17-18; 2,8; Phil 1,29).[7]

Von diesen neun als Beweis angeführten Textstellen, erwähnen sieben das Wort Glauben nicht, und nur eine Textstelle weist das Wort Gabe auf. Zwei Textstellen enthalten eine Form des Wortes geben, aber keine der beiden Textstellen beinhaltet das Wort Glaube. Nur ein Vers enthält sowohl das Wort Glaube als auch das Wort Gabe. Ein weiteres Beispiel ist C. Samuel Storms:

Zahlreiche Texte bestätigen, dass solch ein Glaube Gottes eigene gnädige Gabe ist (siehe insbesondere Eph 2,8-9; Phil 1,29; 2Petr 1,1; 2Tim 2,24-26; Apg 5,31; 11,18).[8]

Von diesen sechs angeführten Textstellen weisen nur zwei das Wort Glauben auf. Die letzten drei Bibelverse gelten unter Calvinisten als Beweistexte dafür, dass die Buße Gottes Gabe an seine „Erwählten“ ist. Eine Textstelle enthält eine Form des Wortes geben, aber erwähnt den Glauben nicht. Einmal mehr wird nur eine Textstelle angeführt, die sowohl das Wort Glaube als auch das Wort Gabe enthält.

Da diese Textstelle untrennbar mit dem folgenden Vers verbunden ist, handelt es sich bei diesen beiden Versen zusammen um die Schlüsselstelle der calvinistischen Theorie, der „Glaube sei eine Gabe Gottes.“

Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben, und das nicht aus euch — Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme. Epheser 2,8-9

Clark gibt die calvinistische Standardinterpretation mit folgenden Worten wieder:

Ein toter Mensch kann Gott nicht suchen; er kann keinen Glauben an Jesus Christus ausüben. Glaube ist eine Aktivität des geistlichen Lebens, und ohne das Leben, kann es kein Handeln geben. Überdies, Glaube ist nicht das Resultat des sogenannten freien Willens des Menschen. Der Mensch, ganz aus sich selbst, kann keinen Glauben hervorbringen. Glaube kommt nicht durch irgendeine unabhängige Entscheidung. Die Schrift ist explizit, klar und unmissverständlich: Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben, und das nicht aus euch — Gottes Gabe ist es (Eph 2,8). Betrachte die Worte erneut: Gottes Gabe ist es. Wenn Gott dem Menschen nicht den Glauben gibt, kann keine Willensstärke oder Entscheidung des Menschen ihn für sich selbst hervorbringen.[9]

Als Antwort auf die Calvinisten greifen wir natürlich zuerst auf die Heilige Schrift zurück. Erstens, das kleine Wort „denn“ am Anfang von Epheser 2,8 wurde mit fatalen Folgen übersehen, denn es verweist auf den unmittelbaren Kontext: Gott errettet den toten Sünder. Der Kontext handelt nicht von der unwiderstehlichen Gabe des Glaubens. Die Errettung geschieht aus Gnade, durch Glauben, nicht aus uns selbst, sondern sie ist Gottes Gabe, nicht aus Werken. In diesem Textabschnitt gibt es zwei Parallelen: denn durch Gnade seid ihr errettet – es ist die Gabe Gottes; nicht aus euch selbst – nicht aus Werken. Die Gnade ist Gottes unverdiente Gunst, und folglich ist sie „nicht aus euch.“ Paulus wiederholt dies, indem er sagt „Gottes Gabe ist es“ und demnach ist sie „nicht aus Werken.“ Glaube ist nichts weiter als das Mittel der empfangenen Errettung. Der Glaube wird niemals als eine Gabe dargestellt, die dem unerretteten Menschen gegeben wird. Was diesem Gedanken am nächsten kommt, ist der Glaube, der dem Menschen als Geistesgabe gegeben wird, wie etwa die „Gabe der Heilung“ (1Kor 12,9). Doch hierbei handelt es sich um einen Menschen, der bereits errettet ist. Es gibt keine Schriftstelle in der Bibel, die davon spricht, dass der Glaube eine Gabe ist, aber es gibt Schriftstellen, welche die Gabe Gottes näher erläutern:

Aber es verhält sich mit der Gnadengabe nicht wie mit der Übertretung. Denn wenn durch die Übertretung des Einen die Vielen gestorben sind, wie viel mehr ist die Gnade Gottes und das Gnadengeschenk durch den einen Menschen Jesus Christus in überströmendem Maß zu den Vielen gekommen. Und es verhält sich mit dem Geschenk nicht so, wie mit dem, was durch den einen kam, der sündigte. Denn das Urteil [führt] aus der einen [Übertretung] zur Verurteilung; die Gnadengabe aber [führt] aus vielen Übertretungen zur Rechtfertigung. Denn wenn infolge der Übertretung des einen der Tod zur Herrschaft kam durch den einen, wie viel mehr werden die, welche den Überfluss der Gnade und das Geschenk der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den Einen, Jesus Christus!) Also: Wie nun durch die Übertretung des einen die Verurteilung für alle Menschen kam, so kommt auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung, die Leben gibt. Römer 5,15-18

Denn der Lohn der Sünde ist der Tod; aber die Gnadengabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn. Römer 6,23

Die Errettung ist Gottes Gabe, Gottes freie Gabe. Dennoch, trotz dieser klaren Verse, ist Coppes so dreist zu schreiben, dass „der Arminianismus die Errettung als eine Gabe betrachtet, die vom Menschen angenommen oder verworfen werden kann.“[10] Aber aufgrund ihres ureigenen Wesens muss eine Gabe angenommen oder verworfen werden. So etwas wie eine unwiderstehliche Gabe existiert nicht.

Fortsetzung folgt.

Mit freundlicher Genehmigung von Laurence M. Vance.

Laurence M. Vance, The Other Side of Calvinism, Vance Publications, Orlando, Fifth Printing, 2014, S. 513-517.

 

 

[1] Storms, Chosen for Life, S. 46.

[2] Herman Hoeksema, Grace, S. 73.

[3] Steele and Thomas, The Five Points of Calvinism, S. 49.

[4] Houck, Sovereignty, S. 25; Gunn, S. 21; Steele and Thomas, The Five Points of Calvinism, S. 53; Boettner, Predestination, S. 101-102; Wright, S. 134.

[5] Pink, Salvation, S. 51.

[6] Rose, TULIP: The Five Disputed Points of Calvinism, S. 45.

[7] Keith A. Mathison, Dispensationalism: Rightly Dividing the People of God?, S. 99.

[8] C. Samuel Storms, „Prayer and Evangelism under God’s Sovereignty“ in Schreiner and Ware, eds., The Grace of God, the Bondage of the Will, S. 122

[9] Clark, Predestination, S. 102.

[10] Coppes, Are Five Points Enough? The Ten Points of Calvinism, S. 47.

2020-08-12T17:39:21+02:00